«Mütter und Väter wissen nicht, ob ihre Kinder noch am Leben sind»
Was macht Caminando Fronteras – und warum braucht es Ihre Organisation überhaupt?
Helena Maleno: Wir betreuen zwei Hilfetelefone: eines für Menschen auf den Fluchtrouten, die sich in lebensbedrohlichen Situationen befinden. Dafür koordinieren wir uns mit Rettungskräften. Die zweite Nummer ist für die Angehörigen von Geflüchteten. Wir begleiten sie im Prozess der Suche nach vermissten Familienmitgliedern und auch bei der Identifikation, wenn deren Leichen gefunden werden. Ich wünschte sehr, dass es unsere Organisation nicht bräuchte. Doch seit wir unsere Arbeit aufgenommen haben, haben wir miterlebt, wie Tausende Menschen auf den Fluchtrouten nach Spanien ums Leben gekommen sind.
Wie sieht Ihre Arbeit in Ceuta aktuell aus?
Aktuell zählen wir vor allem die Todesopfer auf beiden Seiten der Grenze und begleiten die Familien von vermissten und verstorbenen Personen.
Wie gehen Sie dabei vor?
Wir arbeiten mit den spanischen Behörden zusammen, die die Identifikation der Opfer durchführen. Wir sagen den Familien, wo sie ihre Angehörigen als vermisst melden können und geben Informationen an die Behörden weiter. Auch auf der marokkanischen Seite unterstützen wir bei der Identifikation der Opfer. Diese Arbeit ist sehr komplex, denn die Todesopfer stammen nicht nur aus Marokko, sondern auch aus dem Sudan, aus Eritrea oder anderen Ländern.
Ihre Organisation steht in Kontakt mit Angehörigen. Wie gehen diese mit der Situation um?
Die, die können, kommen mit Fotos ihrer Angehörigen an die Grenze oder suchen sie in den Leichenhallen Marokkos. Es gibt Kinder, die ohne das Wissen ihrer Familien über die Grenze gegangen sind. Mütter und Väter suchen verzweifelt nach ihren Kindern und wissen nicht, ob sie noch am Leben sind. Einige konnten wieder mit ihren Familien vereint werden. Andere könnten tot sein, denn es hat auch Kinder unter den Leichen. Darum ist es so wichtig, dass die Kinder, die sich noch in Ceuta aufhalten, Kontakt zu ihren Familien aufnehmen können und dass aktiv nach ihren Angehörigen gesucht wird. Das ist Aufgabe der Behörden, denn die Familien haben oft nicht die Mittel dazu.
Mit welchen Anliegen melden sich die Angehörigen beim Hilfetelefon?
Seit letzter Woche haben uns Dutzende Familien kontaktiert. Die Anliegen sind sehr unterschiedlich: Einige wollen nur eine Auskunft, andere benötigen rechtliche Begleitung. Manche Familien brauchen Unterstützung bei einem DNA-Test, um herauszufinden, ob sich ihre Angehörigen unter den Todesopfern befinden. Wenn das der Fall ist, begleiten wir sie manchmal bis zur Bestattung. Es melden sich auch Angehörige von Verstorbenen bei uns, weil sie diese nicht bestatten konnten. Dann schicken wir ihnen etwa ein Foto des Grabes oder leisten psychologische Unterstützung. Manche dieser Familien werden ihre Angehörigen wohl nie finden, weil ihre Leichen im Meer sind. Das ist das Schlimmste.
Wie können Sie den Angehörigen in dieser unübersichtlichen Situation helfen?
Manchmal können wir Menschen ausfindig machen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit hatten, Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen. Andere finden wir in den Leichenhallen. Aber es gibt viele Vermisste. Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Vermissten weit über die Zahl der bisher gefundenen Toten hinausgeht. Die Frage, wie viele Opfer es tatsächlich gab, wird uns noch lange beschäftigen.
Triggerwarnung: Auf diesem Bild sind Leichensäcke zu sehen.
Ihre Organisation spricht aktuell von 141 Toten, die spanischen Behörden von 78. Warum sind diese Angaben so unterschiedlich?
Wir zählen nicht nur die Opfer auf der spanischen, sondern auch jene auf der marokkanischen Seite. 78 ist die offizielle Zahl jener, die auf der spanischen Seite der Grenze gestorben sind. Ob eine Person nun auf der spanischen oder auf der marokkanischen Seite ums Leben kam – sie ist ein Opfer dessen, was in Ceuta passiert ist. Es ist wichtig, das Datum zu nennen, weil die Zahl der Opfer noch steigen wird. Die Zahl 141 stammt vom 4. August.
Wie gehen die spanischen Behörden Ihrer Meinung nach mit der Lage um?
Die spanische Regierung hat zu spät mit Schutzmassnahmen und humanitärer Hilfe reagiert. Es sind vor allem Hilfsorganisationen und Teile der lokalen Bevölkerung, die diese Arbeit übernehmen. Wir beobachten ausserdem viele illegale Ausweisungen durch das spanische Militär.
Wo sehen Sie aktuell die grösste Herausforderung?
Die Leichen müssen so schnell wie möglich identifiziert werden, damit ihre Familien Gewissheit haben. Es braucht Räume, in denen die Überlebenden würdevoll untergebracht und verpflegt werden. Jene, die Asyl beantragen möchten, müssen dies tun können. Und vor allem die Kinder müssen nun oberste Priorität haben. Ihre Situation ist besonders prekär.
Während Angehörige nach ihren Kindern suchen, kursieren in den sozialen Medien Bilder und Videos, die die geflüchteten Menschen in Ceuta als Zombies darstellen oder die Zahl der Toten bejubeln. Überrascht Sie das?
Nein. Viele Menschen sehen die Bilder aus Ceuta und denken nicht: «Da sind Menschen wie wir gestorben.» Migrantinnen und Migranten aus dem afrikanischen Raum werden in Europa immer wieder entmenschlicht. Das hat viel mit Rassismus gegen Menschen aus dem afrikanischen Raum und gegen Muslime zu tun. Das bereitet mir Sorgen.
