Ukraine trifft Russland hart – Banker sprechen sich für Kriegsende aus
Die ukrainischen Angriffe auf russische Ölraffinerien und Tanklager zeigen zunehmend Wirkung – nicht nur an der Front, sondern auch tief im russischen Alltag. Was der Kreml lange als beherrschbares Problem darstellte, entwickelt sich zu einer landesweiten Treibstoffkrise, die Wirtschaft, Landwirtschaft und Verbraucher gleichermassen belastet.
Inzwischen melden rund zwei Drittel der russischen Regionen Probleme bei der Kraftstoffversorgung. Besonders betroffen ist die von Russland annektierte Halbinsel Krim. Dort riefen die Behörden den Notstand aus, schränkten den Verkauf von Treibstoff ein und setzten den Tourismus bis Anfang September aus. Doch Engpässe gibt es längst auch in weit von der Ukraine entfernten Regionen wie Sibirien.
An vielen Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Autofahrer tauschen in sozialen Netzwerken Hinweise aus, wo noch Benzin erhältlich ist. Videos zeigen Streit und Handgreiflichkeiten an Zapfsäulen. Nach Angaben des russischen Portals «iPhones.ru» stieg zudem die Zahl der Suchanfragen nach Anleitungen zum Absaugen von Kraftstoff bei der Suchmaschine Yandex innerhalb eines Monats um mehr als das Zehnfache.
Besonders gross ist die Sorge in landwirtschaftlich geprägten Regionen. Bauern berichten, sie könnten sich den Treibstoff für Erntearbeiten kaum noch leisten. Ein Landwirt soll seinen Mähdrescher sogar zu einer öffentlichen Tankstelle gefahren haben, weil ihm das Befüllen von Kanistern untersagt worden sei.
Russland muss Kraftstoff importieren
Präsident Wladimir Putin räumte die Probleme inzwischen öffentlich ein. Die Angriffe auf die Energieinfrastruktur verursachten «natürlich Probleme», sagte er. Ein Kraftstoffdefizit sei jedoch «nicht kritisch». Zugleich versprach er Massnahmen, um insbesondere die Versorgung der Landwirtschaft sicherzustellen. Vize-Regierungschef Alexander Nowak erklärte, die Regierung arbeite an einer Lösung.
Tatsächlich muss Russland inzwischen selbst Benzin importieren – obwohl das Land zu den weltweit grössten Erdölproduzenten zählt. Nach Informationen von Reuters treffen bereits Lieferungen aus Indien auf dem Seeweg ein. Kasachstan kündigte zudem an, Russland im Juli und August mit insgesamt 50'000 Tonnen Kraftstoff zu beliefern.
Nach Einschätzung von Experten liegt das auch daran, dass die Ukraine gezielt Raffinerieanlagen angreift, die Russland nur schwer ersetzen oder reparieren kann. «Die Menge des verfügbaren Benzins in Russland wird derzeit durch ein Rennen zwischen ukrainischen Drohnen und russischen Reparaturteams bestimmt», schreibt der Energieexperte Sergej Wakulenko vom Carnegie Endowment. Gelinge es der Ukraine, das Tempo der Angriffe hochzuhalten, verschiebe sich der Vorteil zunehmend zu ihren Gunsten.
Inflation und Wirtschaft geraten unter Druck
Die Treibstoffknappheit schlägt inzwischen auch auf die Gesamtwirtschaft durch. Steigende Spritpreise treiben die Inflation an und erhöhen die Kosten für Unternehmen. Die russische Zentralbank warnte zuletzt vor zusätzlichen Inflationsrisiken. Deshalb senkte sie ihren Leitzins im Juni lediglich vorsichtig auf 14,25 Prozent – deutlich weniger, als Teile der Wirtschaft gefordert hatten.
Darüber ist innerhalb der russischen Führung ein offener Streit entbrannt. Zentralbankchefin Elwira Nabiullina lehnt schnelle Zinssenkungen ab und warnt vor einer neuen Inflationswelle. Sberbank-Chef German Gref hingegen fordert deutlich niedrigere Zinsen, um die Wirtschaft zu stützen.
Beide sehen allerdings dieselbe Ursache für die wachsenden wirtschaftlichen Probleme: den Krieg gegen die Ukraine. Gref erklärte auf einer Aktionärsversammlung, niemand im Land wünsche sich etwas mehr als ein rasches Ende der Kampfhandlungen. Nabiullina wiederum hatte Berichten zufolge bereits kurz nach Kriegsbeginn ihren Rücktritt angeboten.
Bevölkerung leidet unter den Engpässen
Die Folgen der Kraftstoffkrise treffen inzwischen auch die Bevölkerung unmittelbar. In der Region Transbaikalien an der Grenze zu China und der Mongolei wurden wegen Treibstoffmangels Busverbindungen gestrichen. In mehreren Bezirken stellte ein Entsorgungsunternehmen zeitweise die Müllabfuhr ein.
Viele Russen sorgen sich zudem vor steigenden Lebensmittelpreisen. Umfragen deuten darauf hin, dass die wirtschaftliche Stimmung bereits vor der jüngsten Verschärfung der Lage so schlecht war wie seit rund 20 Jahren nicht mehr. Sollten die ukrainischen Angriffe weiter anhalten und die Versorgungskrise andauern, könnte der wirtschaftliche Druck auf den Kreml weiter wachsen – und damit auch die Belastung für die russische Bevölkerung.

