Drohnenangriff trifft Satellitenzentrum nahe Moskau – Russland meldet zivile Opfer
Die Ukraine hat ihre Angriffe tief im russischen Hinterland weiter ausgeweitet. Wie CNN berichtet, erklärte Kiew am Dienstag, erneut eines der grössten Satellitenkommunikationszentren Russlands getroffen zu haben. Es handelt sich um das Dubna Satellite Communications Centre nördlich von Moskau, rund 500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.
Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wird die Anlage für die Aufklärung sowie zur Koordination russischer Streitkräfte im Krieg gegen die Ukraine genutzt. Es ist bereits der zweite gemeldete Angriff auf die Einrichtung innerhalb von etwas mehr als einer Woche.
Russland bestätigte den Treffer auf das Satellitenzentrum zunächst nicht. Der Gouverneur der Region Moskau, Andrej Worobjow, teilte jedoch mit, eine Drohne habe in Dubna ein «Verwaltungsgebäude» getroffen. Verletzte habe es dort nach bisherigen Angaben nicht gegeben.
Baby stirbt nach Drohnenangriff
Gleichzeitig meldeten russische Behörden mehrere Todesopfer durch ukrainische Drohnenangriffe. In Jegorjewsk südöstlich von Moskau sei eine Drohne in ein Wohnhaus gestürzt, teilte Gouverneur Worobjow auf Telegram mit. Dabei seien Menschen unter den Trümmern eingeschlossen worden.
Rettungskräfte hätten zwei Erwachsene und zwei Kinder bergen können. Ein 6 Monate altes Baby starb laut Worobjow auf dem Weg ins Spital.
Auch aus der westlich von Moskau gelegenen Region Twer wurde ein Todesopfer gemeldet. Dort sei eine 61-jährige Frau ums Leben gekommen, nachdem eine abgeschossene feindliche Drohne ein Wohn- beziehungsweise Ferienhaus getroffen habe, erklärten die regionalen Behörden.
Mehr als 60 Drohnen Richtung Moskau
Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte, die russische Luftabwehr habe nach mehreren Angriffswellen auf die Hauptstadt mehr als 60 Drohnen abgeschossen. Die Angriffe hätten bereits in der Nacht auf Dienstag begonnen.
Das russische Verteidigungsministerium sprach insgesamt von 419 Drohnen, die abgefangen oder zerstört worden seien. Diese Angaben lassen sich unabhängig nicht überprüfen.
Die ukrainische Seite macht seit Wochen deutlich, dass sie den Druck auf Russland mit Angriffen weit hinter der Front erhöhen will. Ziel ist es, Moskau zu einer Beendigung des Krieges zu bewegen, der inzwischen seit vier Jahren andauert.
Ukraine nutzt Lücken in russischer Luftabwehr
Bislang richteten sich ukrainische Langstreckenangriffe häufig gegen Ölraffinerien und Energieinfrastruktur. Zuletzt nahm Kiew aber verstärkt auch Ziele in der Umgebung von Moskau und St.Petersburg ins Visier.
Das ukrainische Militär erklärte am Dienstag, die Angriffe auf Moskau und St.Petersburg seien durch einen «offenen Korridor» im dichten russischen Luftverteidigungssystem möglich geworden. Ukrainische Einheiten würden systematisch Radaranlagen in der russischen Grenzregion Brjansk zerstören, die den Luftraum in Richtung der Hauptstadt überwachten.
Damit will die Ukraine offenbar die Fähigkeit Russlands schwächen, anfliegende Drohnen frühzeitig zu erkennen und abzufangen.
Satellitenzentrum schon einmal Ziel
Das Dubna Satellite Communications Centre war nach ukrainischen Angaben bereits am 22. Juni getroffen worden. Damals erklärte das ukrainische Militär, die Anlage erfolgreich angegriffen zu haben.
Die russische Staatsagentur Tass berichtete damals von einem «massiven Drohnenangriff» auf die Einrichtung. Kommunikation und Fernsehübertragungen seien jedoch nicht beeinträchtigt worden, zudem sei niemand verletzt worden.
Die erneute Attacke zeigt, dass Kiew strategisch wichtige Anlagen in der Nähe der russischen Hauptstadt wiederholt angreifen kann – trotz der dichten Luftabwehr rund um Moskau.
Kreml wirft der Ukraine Angriff auf Zivilisten vor
Der Kreml verurteilte die Angriffe scharf. Sprecher Dmitri Peskow sagte am Dienstag vor Journalisten, Zivilisten würden leiden und Kinder sterben.
Die ukrainische Regierung wiederum argumentiert, dass solche Angriffe Teil einer Strategie seien, Russland zum Ende des Krieges zu zwingen. Selenskyj hatte vergangene Woche eine 40-tägige Operation angekündigt, mit der Moskau militärisch und politisch stärker unter Druck gesetzt werden soll.
Die Angriffe dürften auch innenpolitisch in Russland Wirkung zeigen. In den vergangenen Monaten war der Krieg für viele Menschen in Moskau und anderen Grossstädten zunehmend näher gerückt. Immer häufiger werden Drohnenalarme, beschädigte Gebäude und Einschränkungen im Flugverkehr gemeldet.
Für Russland bedeutet das: Der Krieg, den der Kreml lange vor allem als weit entfernten Konflikt dargestellt hat, wird immer sichtbarer – auch in Regionen weit hinter der Front. (mke)
