Wawrinka scheitert im Tiebreak-Festival: «Ich will nicht zurücktreten, aber es ist Zeit»
Längst hat sich die Sonne im Südwesten Londons verabschiedet, doch Stan Wawrinka kämpft noch immer um jeden Ball, als gäbe es kein Morgen. Kein Spieler in der Geschichte des Tennis hat bei einem Grand-Slam-Turnier öfter fünf Sätze bestritten als der mittlerweile 41-jährige Romand.
Ob in Melbourne, Paris, davor Zuhause in Genf und nun in Wimbledon – überall erlebt Wawrinka seine Derniere. Ende Saison tritt er zurück. Ein Turnier hat er zwar seit 2017 nicht mehr gewonnen, doch konkurrenzfähig blieb er immer. Anfang Jahr gehörte er noch zu den 100 Besten der Welt.
Acht Satzbälle vergeben
Nun lieferte sich Wawrinka auch in Wimbledon ein letztes grosses Duell. Den Startsatz gegen den Italiener Matteo Berrettini (ATP 51) gewann er mit 7:6, im Tiebreak des zweiten hatte er sechs Satzbälle, verlor diesen letztlich aber mit 16:18 (!). Im dritten Durchgang servierte der Wimbledon-Finalist von 2021 beim Stand von 5:4 zum Satzausgleich, doch Wawrinka rettete sich in den Tiebreak. Wieder konnte er zwei Satzbälle nicht verwerten.
Rasen war nie sein natürliches Habitat, es ist der einzige Belag, auf dem ihm kein Turniersieg gelungen ist. Und doch hat er dem Publikum auch hier, beim ältesten und bedeutendsten Tennisturnier, zahlreiche denkbare Augenblicke beschert. Vor 20 Jahren etwa, als ihm sein erster Sieg gelang – mit 11:9 im fünften Satz gegen Ivo Karlovic nach knapp vier Stunden.
Ein Rekord zum Abschied
Oder 2009, als er in einem hinreissenden Spiel dem Einheimischen Andy Murray im ersten Spiel unter geschlossenem Dach die Stirn bot und erst – natürlich – im fünften Satz verlor, nach knapp vier Stunden Spielzeit. Anders als in Melbourne, Paris und New York blieb ihm der Turniersieg verwehrt, zweimal erreichte Wawrinka den Viertelfinal, 2014 und 2015.
Auch bei seiner Derniere verzückt Wawrinka das britische Publikum mit seiner einhändigen Rückhand, vor allem aber seinem Kampfgeist. 4:16 Stunden sind gespielt, als Berrettini auch den vierten Satz im Tiebreak gewinnt. Vor den Augen seiner Eltern, Vater Wolfram und Mutter Isabelle, verliert Wawrinka mit 7:6, 6:7, 6:7, 6:7. Kein Fünfsätzer zwar, aber das längste Spiel, das der Romand in Wimbledon jemals bestritten hat.
Abgang unter tosendem Applaus
«Es ist nie einfach, sich von etwas zu verabschieden, das man so sehr liebt wie ich das Tennis», sagt Wawrinka. «Als Kind war es mein Traum, einmal hier zu spielen. Ich hätte mir kein schöneres Goodbye vorstellen können.» Um kurz nach 23 Uhr Ortszeit verliess der Romand letztmals den Platz.
Wie überall auf der Welt beim letzten Auftritt als Verlierer, aber erhobenen Hauptes und unter tosendem Applaus. «Natürlich verspüre ich bei meinen Abschieden Traurigkeit.» Aber der Entscheid, aufzuhören, sei richtig. «Ich bin damit im Reinen, ich habe alles aus meinem Körper herausgepresst.»
Bleibt er von Verletzungen verschont, wird Stan Wawrinka noch dreimal vor Schweizer Publikum spielen. Ab Mitte Juli bei den Swiss Open in Gstaad auf Sand, Ende Oktober bei den Swiss Indoors Basel auf Hartplatz.
Kurz vor Weihnachten fällt in der Genfer Palexpo-Halle der letzte Vorhang. Bei der ultimativen Derniere sind Roger Federer, Andy Murray und Gaël Monfils seine Gäste, seine langjährigen Weggefährten und Freunde.
Auch das zeigt, als was Stan Wawrinka den Tenniszirkus verlässt: als einer der ganz Grossen. (schweizheute.ch)
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