Angriffe auf Frachtschiffe: Ukraine greift Putins Weizenexporte an
Die Ukraine greift seit Tagen vermehrt russische Schiffe im Asowschen Meer an. Dabei geht es aber nicht nur um Öltanker der Schattenflotte, Kriegsschiffe und Frachter. Mehr als 116 russische Schiffe sind bereits Ziel des ukrainischen Militärs geworden, unklar ist, wie stark die Beschädigungen sind. Doch die Attacken treffen nicht nur die Schiffe selbst.
Daten des Schifffahrtstrackers «Marinetraffic» zeigen, dass es im Asowschen Meer ruhig geworden ist. Die ukrainischen Angriffe haben Russland, den weltweit größten Weizenexporteur, dazu gezwungen, den Schiffsverkehr einzuschränken, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.
Das amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) schrieb in seinem täglichen Lagebericht, dass die ukrainischen Angriffe im Asowschen Meer «eine neue Phase in den Bemühungen der Ukraine darstellen, die besetzte Krim vom russischen Logistiknetzwerk zu isolieren und die russischen Seetransportrouten, insbesondere für Erdölprodukte und Getreide, zu stören».
Russland ist einer der weltgrössten Weizenexporteure, fast ein Fünftel der weltweiten Exporte kommt aus Russland, sagt das amerikanische Landwirtschaftsministerium. Für dieses Jahr rechnet die Behörde mit einer Produktion von 88,5 Millionen Tonnen, knapp die Hälfte ist für den Export bestimmt.
Und ein Viertel des Weizens werde durch das Asowsche Meer und dann ins Schwarze Meer verschifft, sagte der Analyst Andrey Sizov dem US-Sender CNN. «Das Schwarze Meer hat für den Weizenmarkt eine ähnliche Bedeutung wie der Persische Golf für den Rohölmarkt. Das Schwarze Meer ist mit Abstand der grösste Weizenlieferant für den Weltmarkt», sagte er und fügte hinzu, dass sich die wirtschaftlichen Verluste Russlands auf mehrere Milliarden Dollar belaufen könnten, sollte die Situation so weitergehen.
Asowsches Meer hat eine wichtige Bedeutung
Obwohl das Asowsche Meer relativ klein und flach ist, spielt es eine entscheidende Rolle für die russische Wirtschaft. Es ist ein wichtiges Bindeglied in einem ausgedehnten System von Binnenflüssen und Kanälen, über das Öl, Getreide, pflanzliche Erzeugnisse, Stahl und andere Rohstoffe aus weiten Teilen Südrusslands zum Schwarzen Meer und von dort weiter in die ganze Welt transportiert werden.
Die Preise für Weizen-Futures sind am Weltmarkt in den vergangenen Tagen stark angestiegen, wohl auch wegen der Angriffe in der Asowschen See. Am Mittwoch stiegen die europäischen Weizenpreise um sieben Prozent. Russland versucht offenbar, andere Häfen am Schwarzen Meer zu benutzen. Doch Analyst Sizov ist skeptisch: «Während der Hochsaison stossen diese an ihre Grenzen.»
Russland greift Weizenschiffe an
Der russische Aussenminister Sergej Lawrow hat die ukrainischen Angriffe am Mittwoch als Piraterie bezeichnet. «Piraten rauben zumindest und behalten die Beute für sich. Hier hingegen gilt das Motto ‹Weder für sich selbst noch für andere› – das Ziel besteht lediglich darin, Schaden anzurichten und einzuschüchtern. Das ist Terrorismus», sagte er.
Dabei spielt Russland das gleiche Spiel. Seit Jahren werden Frachtschiffe im Hafen von Odessa von russischen Drohnen und Raketen angegriffen. Wie Euromaidan berichtet, haben zuletzt russische Geran-Drohnen ukrainische Weizenschiffe angegriffen, während diese noch im Hafen lagen. Eine Angriffswelle der Billigdrohnen habe es am oder um den 12. Juli im Hafen von Tschornomorsk gegeben, nicht weit von Odessa. Tschornomorsk ist einer von drei Häfen, über die der Grossteil des ukrainischen Getreides auf den Markt gelangt.
Ägypten, Algerien und Indonesien kauften in der vergangenen Saison 62 Prozent des ukrainischen Weizens – allein Ägypten nahm mehr als ein Viertel davon ab. Die Ukraine ist wie Russland ein grosser Weizenproduzent, seit Kriegsbeginn sind die Ernteerlöse aber um fast die Hälfte gefallen, berichtet der Sender Deutsche Welle.
Angriffe auf Weizenfrachter sind umstritten. Denn diese Schiffe sind keine militärischen Ziele. Während bei Öltankern noch argumentiert werden kann, dass diese Treibstoffe für das Militär bringen, ist es bei Weizen schwieriger. Das Agrarprodukt ist wichtig für die Zivilbevölkerung, sowohl im Inland als auch in den weltweiten Abnehmerländern. Die Ukraine hat bislang davon gesprochen, nur militärische Ziele anzugreifen. Die International Maritime Organisation (IMO) verurteilt Angriffe auf Getreideschiffe. «Ich verurteile die Reihe von Angriffen der vergangenen Woche auf zivile Handelsschiffe, die im Asowschen Meer und im Schwarzen Meer unterwegs waren», sagte IMO-Generalsekretär Arsenio Dominguez in einer Stellungnahme am Montag.

