Es ist eine herbe Niederlage für Russland in Afrika: Bei dreitägigen Kämpfen Ende vergangener Woche sind mindestens 20 russische Söldner der Gruppe Wagner in einem Hinterhalt von Tuareg-Rebellen im westafrikanischen Mali ums Leben gekommen. Und nun kommt es für Moskau noch schlimmer. Denn der ukrainische Militärgeheimdienst HUR hat bekannt gegeben, an dem Hinterhalt beteiligt gewesen zu sein.
Andrij Jussow, Sprecher des Geheimdiensts, erklärte am Montag im nationalen Fernsehen: «Die Rebellen erhielten die notwendigen Informationen und nicht nur Informationen, die es ihnen ermöglichten, eine erfolgreiche militärische Operation gegen russische Kriegsverbrecher durchzuführen.» Darüber hinaus wollte Jussow bezüglich der Operation nicht ins Detail gehen, ausser: «Fortsetzung folgt».
Der Geheimdienstsprecher begründete die ukrainische Beteiligung mit dem wachsenden russischen Einfluss in Afrika: «Sie haben versucht, geopolitische und wirtschaftliche Probleme mit ihren Söldnern zu lösen, indem sie verschiedene Regierungen ausgetauscht oder unterstützt haben.» Die Welt sehe nun aber, dass Russland dieses Potenzial und die nötigen Fähigkeiten nicht mehr habe. «Das bedeutet, dass neue Aufträge und das Vertrauen in sie als genaues Instrument zur Lösung regionaler Probleme geringer sein werden.»
Bereits am Montag hatte zudem das Nachrichtenportal «Kyiv Post» ein Foto veröffentlicht, auf dem Tuareg-Rebellen mit einer ukrainischen Flagge zu sehen sind. Das Foto soll nach dem tagelangen Gefecht entstanden sein. Ukrainische Sicherheitskreise bestätigten dem Portal die Echtheit der Aufnahme.
Die dänische Wagner-Expertin Karen Philippa Larsen sagte t-online im Juni in einem Interview: «Auf dem afrikanischen Kontinent ist die Gruppe Wagner schon lange sehr aktiv.» Die Söldnerarmee tue dort das, was Russland offiziell als Staat nicht tun wolle: «Sie unterstützte zweifelhafte Regierungen oder Warlords, wie in Libyen, Mali oder dem Sudan.» Dabei gingen die Söldner in vielen Fällen extrem brutal vor – immer wieder gebe es Berichte über Massaker an Zivilisten. Das komplette Interview zu den Aktivitäten der Söldner lesen Sie hier.
Zumindest in Mali hat sich das Schicksal nun offenbar umgekehrt. Denn über die Verluste unter den Söldner bei dem Hinterhalt gibt es unterschiedliche Angaben. Russische Kanäle aus dem Umfeld der Söldner, darunter ein früherer Kommandant der Kräfte im Norden Malis, sprachen von mehr als 80 getöteten und 15 gefangen genommenen Kämpfern ihrer Seite. Mehr zu dem Angriff lesen Sie hier.
Bei dem Hinterhalt in Mali handelt es sich nicht um den ersten Schlag gegen russische Kräfte in Afrika mit ukrainischer Beteiligung. Bereits im vergangenen September sollen ukrainische Spezialkräfte im Sudan eine Serie von Drohnenangriffen auf russische Söldner verübt haben. Mehr dazu lesen Sie hier. Im vergangenen Februar berichtete die «Kyiv Post» zudem über ein Video, dass ukrainische Spezialeinheiten beim Verhör von gefangen genommenen russischen Soldaten im Sudan zeigte.
Unter den Toten soll auch der neue Wagner-Kommandant Anton Jelisarow – Kampfname «Lotus» – sein, der im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine für die Eroberung der ukrainischen Stadt Soledar mitverantwortlich war. Andere russische Kanäle widersprechen der Darstellung. Möglicherweise wurde Jelisarow zwar zunächst gefangen genommen, dann aber wieder ausgetauscht. Unter den Toten soll ausserdem Nikita Fedjanin, der Mann hinter dem grössten Wagner-nahen Telegramkanal «Grey Zone» sein.
Die Tuareg-Rebellengruppe Permanenter Strategischer Orden für die Verteidigung des Volkes von Azawad (CSP-DPA) teilte mit, dass sieben ihrer Kämpfer getötet und zwölf verletzt worden seien. Laut den Angaben sollen 54 Wagner-Kämpfer getötet worden sein. Zudem sollen mehrere gepanzerte Fahrzeuge und ein russischer Mi-24-Militärhubschrauber zerstört worden sein. Die Überlebenden auf Regierungsseite würden auf ihrem Rückzug in die Hunderte Kilometer entfernte Stadt Kidal verfolgt.
Malis Armee teilte mit, dass ihre Einheiten sich zurückgezogen hätten, der Kampf aber fortgesetzt werde. Fünf terroristische Ziele seien erfolgreich aus der Luft beschossen worden.
Die Kämpfe haben sich rund um das Dorf Tinzaouatène an der Grenze zu Algerien abgespielt. Die malische Armee hatte zunächst versucht, die Ortschaft mit russischer Unterstützung einzunehmen. Der Plan scheiterte jedoch.
Die Tuareg hatten 2012 im Norden Malis eine Rebellion für ihre Unabhängigkeit in dem von ihnen Azawad genannten Gebiet in der Sahara gestartet und dabei vorübergehend mit islamistischen Terrorgruppen paktiert, die sich seitdem in der ganzen Region ausbreiten. Der Tuareg-Aufstand endete 2015 mit einem Friedensabkommen, das dem Wüstenvolk mehr Rechte zugestand.
Malis Militärregierung kündigte das Abkommen aber Anfang des Jahres offiziell auf, nachdem auch die Tuareg der Junta vorgeworfen hatten, sich nicht daran zu halten. Kurz davor hatte die Armee mithilfe der russischen Söldner mit der Rückeroberung der Wüstenstadt Kidal von den autonomen Halbnomaden einen wichtigen Sieg erzielt.
Das lässt weit vorausschauen. Jedenfalls versucht Russland sein Unrechtsstaat-Ideal aktiv und weitflächig zu verbreiten.
Die Welt steuert daher auf einen Systemkampf zu. Das ist nicht mehr vermeidbar.