Die Sorge um Kiews Luftabwehr wächst
Russlands jüngster Angriff auf Kiew lässt nicht nur die lokalen Alarmglocken läuten. Laut offiziellen Angaben gelang es der Luftabwehr der ukrainischen Hauptstadt zwar, 90 Prozent der 115 russischen Drohnen abzuschiessen, sämtliche 24 ballistischen Raketen und die vier Zircon- oder Onik-Flugkörper fanden aber ins Ziel. Beim Angriff in der Nacht auf Mittwoch kamen bisher 17 Menschen ums Leben.
Das Problem: Das einzige Mittel im Arsenal der Ukraine gegen ballistische Raketen aus Russland ist das US-Patriot-System. Doch die entsprechenden Munitionslager gehen zur Neige. Das gibt auch Wolodymyr Selenskyj zu. Der Präsident der Ukraine warnte, der Patriot-Mangel werde weitere Menschenleben kosten – und bat um Hilfe: «Es ist sehr wichtig, dass unsere Partner verstehen, dass Verzögerungen bei der Lieferung oder die Weigerung, Raketenabwehrsysteme bereitzustellen, unmittelbar zu solch schrecklichen Opfern und Zerstörungen führen.»
Der Angriff vom 5. August ist der jüngste einer Serie, welche die Probleme der ukrainischen Luftabwehr deutlich aufzeigt. Beim Angriff mit 27 Raketen in der Vorwoche wurde bloss eine Rakete abgefangen. Am 6. Juli schlugen sämtliche 29 Flugkörper aus Russland ein.
Laut Selenskyj habe die Ukraine 2026 nur einen Drittel so viele Patriot-Raketen erhalten wie 2025. Ein Grund ist der Krieg im Iran. Statt die Ukraine zu beliefern, landen die Abwehrraketen auf US-Stützpunkten oder bei Alliierten am Golf. Nicht nur deshalb hofft Kiew auf ein schnelles und nachhaltiges Ende des Konflikts im Iran. Doch dies ist nicht der einzige Hoffnungsschimmer.
Die Ukraine will die Patriot-Raketen am liebsten selbst herstellen. Dafür bräuchte es die Zustimmung der USA. Deshalb sprach Selenskyj am 28. Juli bei Donald Trump vor – und bat gleichzeitig um mehr Raketen. Nach dem Treffen zeigte sich der ukrainische Präsident zuversichtlich. Typisch Trump relativierte der US-Präsident die geschürten Hoffnungen einige Tage später wieder. Möglich wäre auch, verschiedene Komponenten der Flugabwehrraketen in der Ukraine herstellen zu lassen, die Endmontage aber nach Deutschland zu verlegen. Doch solche Ideen liefern keine schnellen Resultate, sondern brauchen Zeit – und die hat die Ukraine aktuell nicht.
Denn Russland sind die ukrainischen Lücken nicht entgangen. Im Juli feuerten die Invasoren 126 ballistische Raketen ins Nachbarland. Das ist der höchste Wert des bisherigen Jahres. Russland setzt dabei auch auf nordkoreanisches Material wie die KN-23 und die KN-24.
Die Ukraine ist aktuell auf schnelle Hilfe angewiesen. Sie erfolgt am ehesten von Norwegen, Dänemark, Deutschland und Kanada. Am 8. Juli gab Norwegen bekannt, zusammen mit den drei anderen Ländern direkt beim amerikanischen Hersteller Patriot-Raketen für die Ukraine zu bestellen. Bis die Raketen im kriegsgepeinigten Land eintreffen, wird es allerdings dauern. Deshalb versucht Norwegen, Teile von Beständen anderer Länder zu kaufen. Alles in allem will Norwegen dafür rund 250 Millionen Dollar ausgeben.
Bis anhin wurden 75 Prozent aller Patriot-Raketen der Ukraine durch das NATO-Programm Purl finanziert. Die Gelder dafür stammen von europäischen Ländern und Kanada, nicht aber von den USA. Wann die Ukraine weitere Flugabwehrraketen erhält, ist nicht bekannt – und wird in der Regel geheim gehalten.
