«Man kann die Ukraine zerstören, aber man kann sie nicht erobern»
«Es gibt keine Zeitung mehr», sagt Dmitri Muratow. Der Mitgründer der russischen Zeitung «Nowaja Gaseta» sitzt in einem leeren Büro. 2021 wurde Muratow mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Wenige Wochen später fielen russische Truppen in der Ukraine ein.
«Nowaja Gaseta» galt lange als Aushängeschild der unabhängigen russischen Presse. Ihre Journalistinnen und Journalisten berichteten über Menschenrechtsverletzungen und Korruption. Mittlerweile kann die Zeitung in Russland bloss noch online mittels VPN, das digitale Standortbestimmungen umgeht, gelesen werden.
«Die meisten Meinungsführer wurden zu ausländischen Agenten, Extremisten oder Terroristen deklariert», erzählt Muratow der BBC. Auch die sozialen Medien wurden geschlossen. In Moskau seien ausserdem wegen der Covid-Beschränkungen alle Kundgebungen und Demonstrationen verboten. «Warum tragen sie keine Maske? Wir haben Covid hier», fragt Muratow den Interviewer ironisch.
Die politischen Restriktionen in Russland seien mittlerweile so stark, dass Muratow nicht wisse, was die öffentliche Meinung zum Krieg wirklich ist. Gemäss Meinungsforschern unterstützen mittlerweile lediglich 10 bis 15 Prozent den Krieg. Die meisten Menschen würden sich einen Verhandlungsfrieden wünschen. Noch vor einem Jahr sollte dieser nach russischen Bedingungen sein. Das habe sich aber geändert. «Alle wollen wirklich einfach nur einen Waffenstillstand.»
«Es wird nie einen Sieg geben»
Ein Verhandlungsfrieden oder gar ein Waffenstillstand scheint in weiter Ferne gerückt zu sein. Auf die Frage, wie für Präsident Wladimir Putin ein Sieg aussehen könnte, meint Muratow: «Es wird nie einen Sieg geben. Es kann kein Sieg sein, wenn zwei slawische Nationen eine Million Menschen in Fetzen zerrissen haben.»
«Man kann die Ukraine zerstören, aber man kann sie nicht erobern.» Mit «zerstören», führt Muratow aus, meine er eine kontinuierliche Eskalation bis zum Atomkrieg. Diskussionen über die Notwendigkeit, Atomwaffen zu verwenden, hätten zugenommen. So befürwortete jüngst etwa der Oligarch und Chef eines patriotischen Fernsehsenders, Konstantin Malofejew, am St.Petersburg Economic Forum deren Einsatz.
Muratow räumt jedoch auch ein, dass niemand wirklich in Putins Kopf sehen könne. «Experten, die behaupten, Putin denke dies, Putin habe Angst vor dem, Putin solle sich so und so entschieden haben, sind alles Scharlatane.»
Was ihm dennoch Hoffnung gebe, sei, dass, obwohl viele Leute still bleiben würden, sie ihre journalistische Arbeit dennoch unterstützen. Muratow und seine Kolleginnen und Kollegen würden in den Strassen Moskaus bloss Worte der Dankbarkeit hören. «Sie werden flüsternd gesprochen, aber was die Menschen denken, ist sehr wichtig.»
(nil)
