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Nawalny ist tot: Putin-Kritiker laut Bericht gestorben

Im letzten Video scherzte Alexej Nawalny aus der Strafkolonie.Video: youtube/SBSNews

«Alexej wurde ermordet» – das Wichtigste zu Nawalnys Tod in 6 Punkten

Der russische Oppositionelle Alexej Nawalny ist tot. Der 47-Jährige galt als politischer Häftling und sass seit Jahren in Straflagern ein. Am Samstag bestätigte seine Sprecherin seinen Tod.
16.02.2024, 12:3017.02.2024, 12:10
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Der Kritiker der russischen Führung, Alexej Nawalny, ist tot. Das teilte die Gefängnisverwaltung des nordrussischen Gebietes Jamal am Freitag mit. Am Samstagmorgen hat auch das Team des inhaftierten Kremlgegners dessen Tod bestätigt. Das teilte Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch am Samstag bei X unter Berufung auf Nawalnys Mutter mit. Sie war in das Straflager im Norden Russlands gereist und habe dort die Nachricht über den Tod ihres Sohnes erhalten.

Was wir wissen:

Was weiss man zur Todesursache?

Nach Angaben des Strafvollzugsdiensts wurde Nawalny am 16. Februar nach einem Spaziergang krank, woraufhin er das Bewusstsein verlor. Das medizinische Personal der Strafkolonie sei schnell vor Ort gewesen. «Es wurden alle notwendigen Wiederbelebungsmassnahmen durchgeführt, die jedoch keine positiven Ergebnisse brachten.»

dpatopbilder - Der russische Oppositionsf
Alexej Nawalny.Bild: sda

Die Notärzte hätten schliesslich den Tod Nawalnys festgestellt. Die Todesursachen würde derzeit ermittelt, teilte der Strafvollzugsdienst in einer Erklärung mit. Gemäss der russischen Nachrichtenagentur Tass wurde Präsident Wladimir Putin vom Tod Nawalnys informiert.

Der russische Propagandakanal RT verbreitete kurz nach den ersten Berichten über Nawalnys Tod die Theorie, dass der 47-Jährige an einem losgelösten Blutgerinnsel gestorben sei. Alexander Polupan, der Nawalny nach seiner Novitschok-Vergiftung untersuchte, hält dies allerdings für unwahrscheinlich. Denn für eine solche Erkenntnis wäre eine Autopsie nötig – die bisher nicht stattgefunden habe, sagt er zum kremlkritischen russischen Newsportal Meduza.

Was sagt das Team von Nawalny?

Das Team von Nawalny bestätigte seinen Tod am Samstagmorgen. Seine Sprecherin Kira Jarmisch schreib auf Twitter:

«Alexej Nawalny wurde ermordet. Sein Tod trat am 16. Februar um 14.17 Uhr Ortszeit ein, so die offizielle Mitteilung an Alexejs Mutter.»

Seine Leiche befinde sich laut eines Mitarbeitenden der Kolonie in Salechard, wo nun Abklärungen stattfinden würden, schreibt Jarmyisch weiter. Sie fordert die sofortige Übergabe von Nawalnys Leichnam an seine Familie.

Am Freitagabend stand die Bestätigung seines Todes noch immer aus: «Wir verstehen, dass es höchstwahrscheinlich so passiert ist, dass Alexej Nawalny getötet wurde. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit», sagte der im Exil lebende Direktor von Nawalnys Anti-Korruptions-Stiftung, Iwan Schdanow, während einer Liveschalte auf Youtube.

«Wir werden euch keine Lügen erzählen darüber, dass es irgendeine Hoffnung gibt, dass sich morgen herausstellt, dass das nicht wahr ist», sagte der bekannte Nawalny-Unterstützer. «Eine solche Chance ist geringfügig.» Schdanow fügte hinzu:

«Derzeit deutet alles darauf hin, dass sich tatsächlich ein Mord ereignet hat – der Mord an Alexej Nawalny im Gefängnis. Und getötet hat ihn (Wladimir) Putin.»
Iwan Schdanow

Am Freitag betonte Sprecherin Jarmysch noch, dass das Team nach wie vor keine eigene Bestätigung für den Tod Nawalnys habe. Ein Anwalt sei gemeinsam mit Verwandten auf dem Weg zum Straflager im hohen Norden Russlands, werde dort aber voraussichtlich erst am Samstagmorgen eintreffen. «Bis zu diesem Moment können wir keine Bestätigung bekommen. Deshalb können wir die Berichte all der Kreml-Nachrichtenagenturen darüber, dass Nawalny tot ist, offiziell nicht bestätigen oder dementieren.»

Sein Anwalt Leonid Solowjow sagte der kremlkritischen Zeitung «Nowaja Gaseta» zunächst: «Auf Entscheidung von Alexej Nawalnys Familie kommentiere ich überhaupt nichts.»

Wo war Nawalny inhaftiert?

Schon im vergangenen Dezember war der als politischer Gefangener eingestufte Politiker über mehrere Wochen verschwunden.

Im Nachhinein erwies sich, dass die Justiz ihn aus dem europäischen Teil Russlands in ein Straflager im hohen Norden Sibiriens verlegt hat – in ein Straflager in der Stadt Kowrow im Gebiet Wladimir rund 260 Kilometer östlich von Moskau. Nawalnys Team vermutete, dass er dort vor der anstehenden Präsidentenwahl im März möglichst isoliert werden sollte.

Nawalny führte immer wieder Klagen gegen den Strafvollzug wegen Verletzung seiner Rechte. Er nutzte die Gerichtsauftritte nicht zuletzt zur beissenden Kritik an Putins autoritärem System und Moskaus Krieg gegen die Ukraine. Wegen angeblicher Verstösse gegen die Lagerordnung wurde er immer wieder in Isolationshaft gesteckt. Dies könnte seine Gesundheit verschlechtert haben, sagte Dmitri Muratow, der frühere Chefredakteur der «Nowaja Gaseta».

Zuletzt war Nawalny am Donnerstag per Video zu einem Prozess zugeschaltet worden und habe dort den Umständen entsprechend noch «fröhlich, gesund und munter» gewirkt, schrieben die Journalisten des Kanals «Sota» am Freitag auf Telegram.

Warum war Nawalny inhaftiert?

Der 47-Jährige hat eine 19-jährige Haft in Strafkolonien verbüsst. Verurteilt wurde Nawalny unter anderem wegen Extremismus – er hat den Vorwurf stets bestritten. Seine politische Bewegung wurde verboten, enge Mitarbeiter wurden inhaftiert oder flohen ins Ausland. International wird er als politischer Gefangener eingestuft. Menschenrechtsorganisationen fordern seit langem Nawalnys Freilassung.

War da nicht einmal ein Anschlag?

Ja, der Oppositionelle hatte im August 2020 nur knapp einen Mordanschlag mit dem chemischen Kampfstoff Nowitschok überlebt. Nawalny hatte Russlands Präsidenten Wladimir Putin und ein Killerkommando des Inlandsgeheimdienstes FSB für das Attentat verantwortlich gemacht.

Nachdem er in Deutschland von den Folgen des Giftanschlags behandelt worden war, kehrte Nawalny am 17. Januar 2021 nach Russland zurück – und wurde noch am Flughafen verhaftet.

Nawalny war einer der populärsten russischen Oppositionellen. Das beruhte auf seinen Enthüllungen über Korruption in der Führungsschicht und auf der Organisation von Protesten. Er steht aber auch wegen früherer nationalistischer Äusserungen in der Kritik.

Wie reagiert die russische Bevölkerung?

Nach der Nachricht über den Tod des inhaftierten Kremlgegners Alexej Nawalny haben sich in mehreren russischen Städten Menschen versammelt und des berühmten Oppositionspolitikers gedacht.

People gather to lay flowers paying their last respect to Alexei Navalny at the at the Wall of Sorrow memorial to victims of political repression in Moscow, Russia, Friday, Feb. 16, 2024. Russian auth ...
Menschen kommen in Moskau bei einem Denkmal zusammen, um dem in Haft verstorbenen Alexej Nawalny zu gedenken, 16. Februar 2024.Bild: keystone

Trotz eines hohen Polizeiaufgebots standen etwa im Moskauer Stadtzentrum am Freitag Menschen Schlange, um Blumen an einer Gedenkstelle für Opfer politischer Repression abzulegen. Auch aus St. Petersburg, Jekaterinburg, Nischni Nowgorod und mehreren anderen Städten gab es ähnliche Bilder. Manche Leute brachten Fotos von Nawalny mit, einige weinten und lagen sich in den Armen.

Kritische Russinnen und Russen machen sich ausserdem in sozialen Netzwerken mit einer früheren Aussage des Kremlgegners Mut.

Unter anderem auf Instagram, Telegram und X (früher Twitter) teilten zahlreiche Menschen und Medien am Freitag einen Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm «Nawalny» des kanadischen Regisseurs Daniel Roher, der zwar erst im Jahr 2022 erschien, aber teils noch vor der Inhaftierung des Oppositionellen Anfang 2021 gedreht worden war.

Der Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin wird darin gefragt: «Alexej, falls du verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wirst oder falls das Undenkbare eintritt und sie dich töten: Welche Botschaft wirst du dem russischen Volk hinterlassen?» Nawalny antwortet daraufhin: «Für den Fall, dass ich getötet werde, ist meine Botschaft sehr einfach: Gebt nicht auf!»

Der Film «Nawalny» wurde 2023 mit einem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Zum Zeitpunkt des zitierten Interviews erholte sich Nawalny gerade von einem Giftanschlag, den er zuvor nur knapp überlebt hatte.

(red, mit Material der sda)

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Nawalnys letzte Abrechnung mit Putin vor Gericht
Video: watson
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281 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Varanasi
16.02.2024 12:32registriert August 2017
Sagen wir doch wie es ist: das war Mord an einem Oppositionellen.
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cabli
16.02.2024 12:31registriert März 2018
Es war nur eine Frage der Zeit. Einfach nur traurig
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45rpm
16.02.2024 12:31registriert August 2016
Was hat sich Putin diesmal für eine Todesart entschieden?

Mein Beileid an die Angehörigen und Freunden!
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