«Unser Plan funktioniert»: Wie die Ukraine in den USA Putin-Fans auf ihre Seite zieht
Olha Stefanischyna ist mit sich zufrieden. Zwar steht die ukrainische Botschafterin in den USA kurz vor dem Rücktritt; sie muss sich in ihrer Heimat gegen Korruptionsvorwürfe verteidigen. Aber während ihrer einjährigen Amtszeit in Washington ist es Stefanischyna gelungen, die Dynamik in den bilateralen Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine massiv zu verbessern.
Noch im Februar 2025 habe der amerikanische Präsident Donald Trump seinen ukrainischen Amtskollegen buchstäblich aus dem Weissen Haus geworfen, rief die Diplomatin am Donnerstag bei einem Journalistengespräch in Erinnerung. Nun verstehe er sich mit Wolodymyr Selenskyj prächtig und ihr letztes Treffen, am Dienstag, war angeblich überaus produktiv. «Unser Plan funktioniert», sagte sie.
Teil dieses Plans, liess Stefanischyna durchblicken, ist auch die Beeinflussung der öffentlichen Meinung in den USA. Sie sei zwar introvertiert, sagte die Selenskyj-Vertraute. Aber sie habe es sich zum Ziel gesetzt, stets einen Vertreter der Ukraine in einem Raum zu haben, in dem über die Ukraine diskutiert werde. Nur so könne Kiew die zahlreichen falschen Vorstellungen korrigieren, die gerade auch unter US-Republikanern über das Land kursierten, sagte Stefanischyna. Und rechte Kritiker der Ukraine davon überzeugen, dass sie falsch lägen.
Wie Loomer ihre Meinung änderte
Die augenfälligste Kehrtwende legte dabei Laura Loomer hin. Die 33 Jahre alte Influencerin, die einen guten Draht zum amerikanischen Präsidenten hat, reiste kürzlich in die Ukraine. Auf eigene Kosten, wie sie seither immer wieder betont, machte sie sich in Städten wie Kiew und Charkiw ein Bild der Lage im kriegsgezeichneten Land.
Loomer traf dabei Selenskyj zu einem langen Interview für ihren Podcast und sprach auch mit einem rechtsextremen Politiker, der 2014 bei der Gründung des umstrittenen Asow-Bataillons eine zentrale Rolle gespielt hatte. Während dieser Unterhaltungen kam Loomer zur Überzeugung, dass ihr, so wie allen anderen amerikanischen Konservativen auch, in Bezug auf die Ukraine «die Unwahrheit» erzählt worden war. «Wir wurden von russischer Propaganda beeinflusst», schrieb Loomer am Donnerstag auf X. So sei die Behauptung, dass Russland einen Frieden anstrebe, schlicht falsch, auch wenn «ein grosser Teil» des Trump-Lagers davon überzeugt sei.
Nun lässt sich trefflich darüber streiten, warum es länger als vier Jahre dauerte, bis die Influencerin endlich herausfand, dass der Kreml nicht die Wahrheit über den Ukraine-Krieg erzählt. Auch gibt es in den USA rechts der Mitte viele Menschen, die Loomer skeptisch gegenüberstehen – nicht zuletzt deshalb, weil sie immer wieder Verschwörungstheorien verbreitet und gegen Muslime hetzt.
Dennoch: Ihre Kehrtwende ist aufsehenerregend und sorgt unter Trump-Loyalisten für Gesprächsstoff. Mindestens ein weiterer Influencer fühlte sich bereits bemüssigt, es Loomer gleichzutun. Der Podcaster Tim Pool schrieb vor einigen Tagen auf X: «Ich sehe nun, wie wichtig ein ukrainischer Sieg gegen Russland ist.» Auch bezeichnete er den Kreml-Herrscher Wladimir Putin als «evil dictator», als einen teuflischen Diktator.
Tim Pool mag im Ausland kein klingender Name sein. In den USA ist der Internet-Troll aber derart bekannt, dass Russland vor einigen Jahren den Versuch unternahm, ihn zu kaufen. Über eine amerikanische Firma transferierte der Staatssender RT 10 Millionen Dollar an rechte Influencer wie Pool, damit diese «pro-russische Propaganda» herstellen würden. Dieses Komplott flog 2024 auf, und die Drahtzieher wurden vom nationalen Justizministerium angeklagt. Pool beteuerte damals, er habe nicht gewusst, dass die Fördergelder aus russischen Kassen stammten.
Auch Fox News-Moderator lobt nun die Ukraine
Aufgefallen ist vielen Medienbeobachtern diese Woche auch, dass der TV-Moderator Sean Hannity nun plötzlich pro-ukrainische Töne anschlägt. In einem Fox News-Interview mit Selenskyj, das nach den Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Senator Lindsey Graham durchgeführt wurde, lobte er nun plötzlich den Kampfesmut der Ukrainer. Auch sagte Hannity dem Ukrainer, dass Graham ihn stets für seinen Mut und seine Kraft gelobt habe.
Hannity gilt als enger Vertrauter Trumps; die beiden sollen sich fast täglich telefonisch miteinander austauschen. Der Moderator vertritt vor der Kamera deshalb häufig Positionen, die vom Präsidenten geteilt werden. So kritisierte er Selenskyj im Februar 2025, nach dem Eklat im Oval Office des Weissen Hauses, heftig.
Solche Töne sind Musik in den Ohren von Diplomatin Stefanischyna. Sie will zwar nicht verraten, welche Rolle die Botschaft bei der Vorbereitung der Reise von Laura Loomer gespielt habe. Zu ihrer grossen Freude lösten die Aussagen der Influencerin aber nicht nur in der Ukraine, sondern auch in den USA ein beachtliches Echo aus. Als sie sich kürzlich in einem Washingtoner Regierungsgebäude aufgehalten habe, sei sie auf das Loomer-Interview mit Selenskyj angesprochen worden, sagte Stefanischyna auf die entsprechende Frage von «Schweiz heute». Es sei das Hauptgesprächsthema gewesen. «Und das machte mich richtig glücklich.» (schweizheute.ch)
