Wie Trump zum Freund der Ukraine wurde
Schlechter konnte es nicht anfangen: Das erste Treffen von Wolodymyr Selenskyj mit Donald Trump nach dessen Amtsantritt im Februar 2025 geriet zum Desaster. Der Ukrainer und der US-Präsident gerieten vor laufenden Kameras heftig aneinander. Noch vor dem vereinbarten Mittagessen wurde Selenskyj aus dem Weissen Haus geworfen.
Für die von Russland angegriffene Ukraine war es ein Super-GAU. Die Unterstützung der USA war für ihren Überlebenskampf unverzichtbar. Zumindest im materiellen Bereich ist sie seither weitgehend versiegt. Gleichzeitig demonstrierte Donald Trump seine Sympathie oder gar Bewunderung für den russischen Aggressor Wladimir Putin.
Treffen von Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj eskaliert
Mehrfach telefonierten sie miteinander, worauf Trump jeweils dazu tendierte, die russische Sichtweise zu übernehmen. Im letzten August kam es zu einem fragwürdigen Gipfeltreffen auf einem Luftwaffenstützpunkt in Alaska. Es endete ohne greifbare Ergebnisse, doch Trumps Schwäche für den vermeintlich starken Putin war offensichtlich.
Sehr gutes Treffen
Doch die Zeiten haben sich geändert. Am Dienstag reiste Wolodymyr Selenskyj erneut nach Washington. Offizieller Grund war die Trauerfeier für Senator Lindsey Graham. Er war nicht nur ein Trump-Vertrauter, sondern auch ein feuriger Unterstützer der Ukraine. Kurz vor seinem Tod war er zum zehnten Mal seit Kriegsbeginn nach Kiew gereist.
Vor dem Staatsakt in der National Cathedral traf sich der ukrainische Präsident erneut im Oval Office mit Donald Trump. Anders als beim Eklat vor 17 Monaten waren keine Medien zugelassen, doch auf dem offiziellen Foto macht Selenskyj einen zufriedenen Eindruck. Beide sprachen von einem guten und im Fall von Trump sehr guten Treffen.
«Beeindruckender Job»
Selenskyjs Wunsch nach mehr Patriot-Raketen zur Abwehr russischer Angriffe wurde zwar nicht erfüllt. Durch Trumps Krieg gegen den Iran sind die Lagerbestände geschrumpft. Doch offenbar hat Trump zugesagt, der Ukraine die Lizenz zur Produktion der Patriot-Systeme zu erteilen, sagte Selenskyj danach in einem Interview mit Fox News.
Trump hatte dies bereits am NATO-Gipfel in Ankara vor drei Wochen angedeutet und damit für Aufsehen gesorgt, ebenso mit dem Lob für den zuvor gescholtenen Selenskyj. Dieser mache «einen beeindruckenden Job», sagte der US-Präsident. Faktisch honorierte er damit die Erfolge der Ukraine bei ihren Angriffen auf russisches Territorium.
Trump will Erfolg
Mit Langstreckendrohnen beschädigen sie Ölraffinerien und beeinträchtigen die Benzinversorgung. Die Russen bekommen so die Folgen des Kriegs direkt zu spüren, was Wladimir Putin stets vermeiden wollte. Gleiches gilt für Angriffe auf Verteilzentren des Online-Händlers Wildberries. Am Mittwoch wurde eines südlich von Moskau getroffen.
«Präsident Trump will dort sein, wo der Erfolg ist», sagte Selenskyj in einem Interview mit der «Financial Times» in seinem Kiewer Büro vor dem NATO-Gipfel. Der US-Präsident mag Sieger, und derzeit scheint die Ukraine gegen Russland im Vorteil zu sein, auch wenn die Meldungen von der eigentlichen Kriegsfront im Donbass widersprüchlich sind.
Laura Loomers Kehrtwende
Der US-Präsident sei kritischer gegenüber Wladimir Putins Starrsinn und empfänglicher für die militärischen Erfolge der Ukraine geworden, schrieb die «Financial Times». Nicht alle in seinem Umfeld sehen es ähnlich. Vizepräsident JD Vance gilt als Ukraine-skeptisch, doch zuletzt sorgte die Reise der ultrarechten Influencerin Laura Loomer nach Kiew für Furore.
Sie betätigte sich lange als Sprechpuppe des Kremls, doch nun hat sie ihre Ansichten radikal geändert und die Seiten gewechselt. Dazu trug bei, dass sie einen russischen Luftangriff auf Kiew persönlich miterlebte. Sie schäme sich dafür, das Leid der Ukrainer jahrelang heruntergespielt zu haben, hielt sie danach auf Social Media fest.
Witkoff und Kushner nach Kiew
Trump hört auf Loomer, während sich sein Verhältnis zum Putin-Freund Tucker Carlson abgekühlt hat. Sie soll auch eine Reise des Sondergesandten Steve Witkoff und von Trump-Schwiegersohn Jared Kushner nach Kiew angeregt haben, die demnächst erfolgen soll. Es wäre die erste nach mehreren Treffen Witkoffs mit Putin in Moskau.
Selenskyj hatte sich darüber bitter beklagt. Die Reise wäre ein weiterer Erfolg für ihn. Noch mehr gute Nachrichten gab es für ihn am Dienstag bei einem Treffen mit US-Senatoren nach der Trauerfeier für Lindsey Graham. Dieser hatte zusammen mit seinem demokratischen Amtskollegen Richard Blumenthal ein Paket mit scharfen Sanktionen gegen Russland entworfen.
Senat für Russland-Sanktionen
Es sieht unter anderem happige Strafzölle für jene Länder vor, die weiterhin Gas und Öl aus Russland kaufen. Gemeint sind vor allem China und Indien. Lange war das Paket im Senat blockiert, auch weil Trump sich querlegte. Am Dienstag aber konnte Selenskyj auf der Zuschauertribüne miterleben, wie der Senat mit grossem Mehr dafür stimmte.
Es war erst ein Vorentscheid, doch die definitive Abstimmung könnte noch in dieser Woche erfolgen. Danach muss das Repräsentantenhaus zustimmen, das sich bereits in die Ferien verabschiedet hat. Das Sanktionspaket dürfte somit frühestens im September in Kraft treten. Auch in diesem Fall spielen die jüngsten Erfolge auf dem Schlachtfeld eine wichtige Rolle.
Kiew kann gewinnen
«Präsident Selenskyj hat etwas geschafft, das vor einem Jahr unmöglich schien: Washington davon zu überzeugen, dass Kiew den Krieg gewinnen kann», folgerte Politico. Noch ist nichts in trockenen Tüchern. Es würde nicht erstaunen, wenn Wladimir Putin erneut zum Telefon greift und Trump davon abzuhalten versucht, das Sanktionspaket abzusegnen.
Auch dürfte es der Ukraine nach Ansicht von Beobachtern frühestens im nächsten Jahr gelingen, eigene Patriots zu produzieren. Es droht somit ein weiterer brutaler Kriegswinter. Doch die Ukrainer haben in der Not wiederholt vermeintlich Unmögliches vollbracht. Und das Momentum in den USA ist zumindest im Moment auf ihre Seite gekippt.
Ob das so bleiben wird, ist offen. Auf Donald Trump sollte man sich besser nicht verlassen. Derzeit aber scheint er zum Freund der Ukraine geworden zu sein. Es ist ein Pluspunkt für Selenskyj, der wegen der Entlassung des populären Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow gerade erst die grösste innenpolitische Krise seit Kriegsbeginn überstehen musste.
