Trump zeigt Selenskyj am G7-Gipfel die kalte Schulter – schliesst sich aber Sanktionen an
Es wäre zu schön gewesen. Nach dem Rahmenabkommen mit dem Iran eine Kontaktaufnahme zwischen Russland und der Ukraine? Zu dem Zweck hatte Emmanuel Macron als Gastgeber des G7-Gipfels auch den ukrainischen Präsidenten Selenskyj nach Evian-les-Bains eingeladen.
Am Dienstagmorgen geleitete er den Spezialgast aus Kiew persönlich in die Sitzung der höchsten Vertreter der sieben grossen Industrienationen, USA, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien, Kanada und Japan.
Die Stimmung war gelöst, Grussworte wechselten sich mit Umarmungen, Scherze mit Fussballprognosen. Nur zwei der Anwesenden fanden nicht zueinander: US-Präsident Donald Trump machte keine Anstalten, Selenskyj auch nur zu grüssen. Es war unübersehbar: Der 80-Jährige Amerikaner zeigte dem höflich im Hintergrund bleibenden Ukrainer zunächst die kalte Schulter. Auch Macron, der Trump an dem runden Tisch zu seiner Rechten platziert hatte, Selenskyj zu seiner Linken, schien für einmal fertig mit seinem diplomatischen Latein.
Denn mit diesem Verhalten machte Trump eigentlich alles klar: Die Ukraine kann nicht stärker auf die USA zählen. Trump hatte zwar am Montag noch mit Selenskyj telefoniert. Der Ukrainer schlug ein persönliches Treffen mit dem russischen Präsidenten und Kriegsführer Wladimir Putin vor. Und zwar «in einem Format, das es Putin deutlich schwerer machen würde, abzulehnen», sagte der Ukrainer dem Vernehmen nach.
Trump, der auch mit Putin telefoniert hatte, bezeichnete die Gespräche als «sehr gut» und fügte an, die beiden Krieg führenden Staatschefs seien «offen». «Russland sollte einen Deal eingehen», sagte Trump weiter. «Ich habe acht Kriege gelöst, und dieser schien mir am einfachsten zu regeln zu sein.»
Kreml-Spott für den urkainischen Präsidenten
So kann man sich täuschen. Trump wollte einmal mehr die Realität – das heisst die harte Linie des Kreml-Herrschers – nicht wahrhaben. Er bedauerte, dass in dem Krieg jeden Monat 25'000 Soldaten ums Leben kämen – doch er will die Schuld partout nicht bei Putin sehen. Dessen Sprecher bestätigte am Dienstag, es gebe keine offiziellen Kontakte zwischen Russland und der Ukraine. Um herablassend anzufügen: «Selenskyj kann immer nach Moskau kommen, wenn er verantwortungsvoll und ernsthaft verhandeln will.»
Dass Putin weder verantwortungsvoll noch ernsthaft verhandeln will, hat er zur Genüge bewiesen. Selenskyj erklärte deshalb in Evian: «Russland muss gezwungen werden, den Krieg gegen unser Volk zu beenden.» Nach dem russischen Raketenangriff auf die Kathedrale beim berühmten Höhlenkloster in Kiew attackierte die ukrainische Luftwaffe mit Drohnen russische Ölraffinerien. Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin behauptete, sein Land habe 60 ukrainische Drohnen abgeschossen. Selenskyj publizierte dagegen ein Video von einer brennenden Ölraffinerie.
Ein Sprecher des deutschen Kanzlers Friedrich Merz erklärte, die Dynamik auf dem Kriegsschauplatz habe sich geändert, seitdem die Ukraine eine «Position der Stärke» gewonnen habe. «Erstmals kann sich hier langsam ein Fenster für die Diplomatie öffnen», hatte Merz vor seinem Abflug nach Evian erklärt.
Auch dieses Fenster blieb aber in Evian geschlossen. Nach intensiven Verhandlungen unter Führung von Gastgeber Macron haben sich die G7-Staaten am Dienstagabend auf neue Sanktionen gegen Russland verständigt.
Der britische Premier Keir Starmer versuchte zudem selber, den Druck auf den Kreml zu erhöhen. Seine Regierung kündigte neue Sanktionen gegen 70 Adressaten an, darunter auch Organisatoren der russischen Schattenflotte. Einen dieser Tanker hatten die britischen Truppen am Sonntag im Ärmelkanal aufgebracht. Starmer kündigte zudem an, sein Land werde angereichertes Uran an die Ukraine liefern, um ihre Atomkraftwerke zu unterhalten. (schweizheute.ch)

