Abdul El-Sayed: Hoffnung oder Risiko für die Demokraten?
Die Demokraten träumen bei den Midterm-Wahlen am nächsten Dienstag vom grossen Coup. Sie wollen nicht nur die Mehrheit im Repräsentantenhaus erobern, was als so gut wie sicher gilt, sondern auch im Senat. Ihre Chancen, die nötigen vier Sitze zu erobern, sind intakt. Allerdings zeichnet sich in einigen Bundesstaaten ein knappes Ergebnis ab.
Zum Beispiel in Michigan, einem klassischen Swing-State. Donald Trump hat in der Hochburg des US-Automobilbaus zweimal gewonnen, ebenso Barack Obama sowie Joe Biden 2020. In den meisten Fällen aber tendiert der Bundesstaat im sogenannten Rust Belt zu den Demokraten. Sie haben seit 1994 keine Wahl für den US-Senat verloren.
Nun tritt der bisherige Senator Gary Peters ab. Der Kampf um die Nachfolge wird für die Demokraten zum Hochseilakt. Sie könnten den Sitz sogar verlieren, obwohl die politische Grosswetterlage für sie spricht. Der Grund ist der 41-jährige Abdul El-Sayed. Er hatte bei der Vorwahl im August die vom Establishment unterstützte Haley Stevens knapp geschlagen.
Amerikanische Aufsteigerkarriere
Der Ausdruck «schillernd» ist für El-Sayed eine Untertreibung. Der Sohn ägyptischer Einwanderer wäre der erste muslimische Senator in Washington. Er ist Epidemiologe mit Doktortitel, hat aber nie als Arzt praktiziert. Schon mit 30 Jahren war er Leiter der Gesundheitsbehörde in der Metropole Detroit. Es folgten weitere ähnliche Ämter.
Man könnte von einer sehr amerikanischen Aufsteigerkarriere sprechen. Doch Abdulrahman El-Sayed, so sein voller Name, hat für Parteiexponenten Handicaps, die sich nicht auf seine Herkunft und seine Religion beschränken. Er vertritt sehr progressive und israelkritische Positionen. Den Krieg in Gaza etwa bezeichnet er als Genozid.
«Er beherrscht die sozialen Medien»
Zwar hält er Distanz zu den Democratic Socialists of America, zu denen sich Alexandria Ocasio-Cortez oder der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani bekennen. Er unterstütze den Kapitalismus, betont er im Wahlkampf. Seine Bewerbung gilt dennoch als Testlauf, ob ein derart linker Politiker in einem Flächenstaat siegen kann.
Nicht wenige bei den Demokraten bezweifeln dies. «Er ist ein unglaublich begabter Debattierer, sehr effektiver Wahlkämpfer, und er beherrscht die sozialen Medien», sagte der Parteistratege Jim Manley dem linksliberalen Magazin «The Nation». Dennoch frage er sich, ob El-Sayed bei den parteilosen Wählern punkten könne, «aber wir werden sehen».
Viele Araber in Michigan
Die Independents sind in Staaten wie Michigan ein wichtiger Faktor, und gerade sie haben sich in Scharen von Donald Trump abgewendet. Aber werden sie einen wie Abdul El-Sayed wählen? Zu seinen Anliegen gehört getreu seinem Werdegang eine staatliche Krankenversicherung für alle. Auch will er die jährliche Milliardenhilfe für Israel streichen.
Und er muss nicht nur die ungebundene Wählerschaft überzeugen. Seine Herkunft ist dabei Fluch und Segen. So lebt in Michigan die grösste arabischstämmige Bevölkerung in ganz Nordamerika. In der Stadt Dearborn, die zum Einzugsgebiet von Detroit gehört, stellt sie die Mehrheit der etwas über 100’000 Einwohner. Viele haben 2024 Donald Trump gewählt.
Schwierigkeiten bei den Schwarzen
Jetzt sind sie elektrisiert durch El-Sayeds Kandidatur. In Michigan leben aber auch viele Afroamerikaner. Sie gehören zur Stammwählerschaft der Demokraten. In einer «Washington Post»-Umfrage vom September äusserten 83 Prozent den Wunsch, die Partei solle den Senat kontrollieren. Aber nur 67 Prozent wollten Abdul El-Sayed wählen.
Dahinter verbirgt sich das heikle und oftmals angespannte Verhältnis zwischen Schwarzen und Arabern. Diese besitzen in Dearborn zahlreiche Geschäfte, in denen sich schwarze Kunden diskriminiert fühlten. Teilweise kam es zu Gewalt und sogar zu Todesfällen. Abdul El-Sayed räumte das Problem ein und zeigte Verständnis für die Bitterkeit der Schwarzen.
Kontakte mit Provokateur
Im Wahlkampf bemüht er sich um die Unterstützung von prominenten Afroamerikanern. Kamala Harris machte mit ihm Wahlkampf in Detroit, ebenso der schwarze Senator und Pastor Raphael Warnock aus Georgia. Zum eigentlichen «Ritterschlag» kam es am letzten Samstag, als Ex-Präsident Barack Obama anreiste, eine Lichtgestalt für viele Schwarze.
Damit aber enden Abdul El-Sayeds Probleme nicht. Ihm wird ein (zu) enger Kontakt zum türkischstämmigen Streamer und Provokateur Hasan Piker vorgeworfen. Dieser hatte behauptet, die USA hätten die Terroranschläge vom 11. September 2001 verdient (und sich später entschuldigt). Noch im Vorwahlkampf zeigte sich El-Sayed mit Piker. Inzwischen geht er auf Distanz zu ihm.
Republikaner schüren Islamophobie
Für die Republikaner ist dies ein gefundenes Fressen. Ihr Kandidat Mike Rogers ist eine schwache Figur. Mal geht er auf Distanz zu Präsident Trump, etwa beim Iran-Krieg, mal wirft er sich ihm an den Hals. El-Sayeds Religion aber wird ausgeschlachtet. Beobachter sprechen von der übelsten islamophoben Rhetorik in den USA seit den 9/11-Anschlägen.
Die Richtung gab einmal mehr Donald Trump vor. Er verwendet für El-Sayed dessen zweiten Vornamen Mohamed, um Ressentiments zu schüren. Am letzten Sonntag beschimpfte er ihn als «dschihadistisches Mitglied der Muslimbruderschaft». Der ultrarechte Senator Tommy Tuberville aus Alabama nannte ihn einen «Terroristen» und «radikalen Islamisten».
Wettbüros sehen El-Sayed vorne
Vizepräsident JD Vance brachte El-Sayed am Dienstag in Michigan in Verbindung mit den Ausschreitungen und Zerstörungen in Paris. Hasan Piker oder El-Sayed würden sich an die Spitze stellen, wenn dies in New York oder Detroit geschähe. Und Gesundheitsminister Robert Kennedy meinte, Araber würden nichts zu Wissenschaft oder Literatur beitragen.
Ob diese rassistischen Tiraden etwas bewirken, ist zweifelhaft. In sämtlichen Wahlumfragen liegt Abdul El-Sayed in Führung, wenn auch knapp. Modelle wie jenes des «Economist» gehen davon aus, dass er in Michigan gewinnen wird. Die Online-Wettbüros Kalshi und Polymarket sehen ihn im Verhältnis 2:1 gegenüber Mike Rogers im Vorteil.
«Wir kennen diesen Film, ich hatte darin die Hauptrolle», kommentierte Barack Obama am Samstag die islamophoben Attacken mit Bezug auf eigene Erfahrungen: «Es hat bei mir nicht funktioniert, es wird bei Abdul nicht funktionieren.» Der Kandidat selbst nahm Donald Trump aufs Korn: «Mir ist egal, wie er meinen Namen ausspricht. Ab November wird er mich Senator nennen.»
