Bab al-Mandab – oder wie die Huthi den Welthandel unter Druck setzen
Es ist der bisher grösste militärische Coup der Huthi-Rebellen: Mit der Eroberung der Hafenstadt Mocha und der vorgelagerten Insel Perim kontrolliert die vom Iran unterstützte Miliz nun die gesamte jemenitische Westküste – und damit den Zugang zu einer der wichtigsten Meerengen der Welt: Bab al-Mandab, wegen der tückischen Strömungen und der zahlreichen Schiffsunglücke in der engen Passage auch das «Tor der Tränen» genannt. Was das für den Welthandel, Europa und die Schweiz bedeutet.
Wo liegt der Bab al-Mandab?
Bab al-Mandab ist nicht das einzige Nadelöhr rund um die arabische Halbinsel. Im Norden liegt der Suezkanal, im Osten die Strasse von Hormus zwischen Iran und Oman – durch die wegen des Kriegs zwischen Iran und den USA seit Monaten deutlich weniger Schiffe fahren. Saudi-Arabien leitet einen Teil seiner Ölexporte deshalb bereits über die sogenannte Ost-West-Pipeline quer durchs Land zum Hafen Yanbu am Roten Meer um – bis zu 5,9 Millionen Fass Rohöl pro Tag, die von dort via Bab al-Mandab oder den Suezkanal weiterverschifft werden.
Genau diese Pipeline ist jetzt selbst betroffen: Bei einem Drohnenangriff wurden am Freitag zwei Pumpstationen bei Riad und Medina schwer beschädigt, Saudi-Arabien hat die Leitung vorsorglich stillgelegt. Bis zu sechs Wochen könnte der Ausfall dauern, der Exporthafen Yanbu am Roten Meer verfügt nur noch über Vorräte für rund eine Woche. Reedereien und Ölexporteure verlieren damit faktisch gleichzeitig zwei ihrer wichtigsten Ausweichrouten: die Pipeline durch den Angriff, den an der schmalsten Stelle nur 27 Kilometer breiten Bab al-Mandab durch die Huthi.
Denn der Bab al-Mandab verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und damit letztlich mit dem Indischen Ozean. Wer die Küste auf jemenitischer Seite kontrolliert – inklusive der vorgelagerten Insel Perim –, kann den Schiffsverkehr dort mit Artillerie, Drohnen oder Raketen ins Visier nehmen. Es wäre kein neues Vorgehen: die Huthi haben in der Vergangenheit bereits mehrfach Handelsschiffe angegriffen.
Aber was ist beim Bab al-Mandab überhaupt passiert?
Ende letzter Woche stiessen die Huthi von Nordwest-Jemen aus überraschend nach Süden vor und nahmen Mocha ein, die letzte Stadt am Roten Meer, die noch unter Kontrolle der international anerkannten Regierung Jemens stand. Praktisch zeitgleich fiel auch die strategisch günstig in der Meerenge liegende Insel Perim. Damit beherrschen die Huthi nun nach fast zwölf Jahren Bürgerkrieg weite Teile Nordwest-Jemens und neu auch die komplette Küste am Roten Meer sowie die strategisch wichtige Meerenge Bab al-Mandab.
Wer sind die Huthi – und was wollen sie erreichen?
Die Huthi-Bewegung – offiziell Ansar Allah, «Helfer Gottes» – wurde Anfang der 2000er-Jahre von Hussein al-Huthi gegründet, einem Angehörigen der Zaiditen, einer schiitischen Minderheit aus der nordjemenitischen Region Saada. 2014/2015 eroberte die Bewegung die Stadt Sanaa, was bis heute die militärische Intervention einer von Saudi-Arabien angeführten Koalition zur Folge hat. Die Miliz zählt schätzungsweise 350'000 Kämpfer und wird vom Iran finanziert und ausgerüstet – ähnlich wie die libanesische Hisbollah gilt sie als Teil von Teherans regionalem Bündnisnetzwerk.
Mit Schmuggel und Hafengebühren verdient sie nach Schätzungen der jemenitischen Denkfabrik Mokha Centre for Strategic Studies bereits heute mehr als 13 Milliarden Dollar pro Jahr. Jemen-Kenner wie Farea al-Muslimi von Chatham House gehen davon aus, dass es den Huthi und ihren iranischen Verbündeten am Ende gar nicht in erster Linie um die Kontrolle Jemens geht – sondern um die Kontrolle von Bab al-Mandab selbst, ein geopolitisches Druckmittel gegen den Westen, Israel und Saudi-Arabien.
Wie viele Schiffe wären von einer Blockade betroffen?
Vor der Eskalation passierten die Meerenge Berichten zufolge über 20'000 Schiffe pro Jahr, im Schnitt 55 bis 60 pro Tag. Aktuelle Daten des Analyseanbieters Kpler zeigen bereits einen Rückgang: Anfang September fuhren im Schnitt noch rund 37 Schiffe pro Tag durch Bab al-Mandab – Mitte Juli waren es noch knapp 47, am 15. Juli sogar 52. Zum Vergleich: Durch die Strasse von Hormus am anderen Ende der arabischen Halbinsel fahren aktuell nur noch rund 19 Schiffe pro Tag – vor dem Iran-USA-Krieg waren es dort über 100.
Welcher Anteil des Welthandels hängt an dieser einen Meerenge?
Rund 12 Prozent des weltweiten Seehandels laufen auf dem Weg von Asien Richtung Mittelmeer durch Bab al-Mandab – nicht nur Öl und Gas, sondern praktisch alles, was in Containern verschifft wird. Gemäss der Deutschen Presse-Agentur DPA liefen über die Route vor der jüngsten Eskalation rund ein Viertel des weltweiten Containerverkehrs und ein Drittel der europäischen Importe, von Aluminium über Autoteile bis zu Waschmaschinen.
Was würde eine Blockade für Europa und die Schweiz bedeuten?
Ein Blick zurück zeigt das Ausmass: Als die Huthi Ende 2023 erstmals systematisch Schiffe im Roten Meer angriffen, brach die dort transportierte Containermenge laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) innert Wochen um mehr als die Hälfte ein, die Frachtrate für einen 40-Fuss-Container zwischen China und Nordeuropa schoss von rund 1500 auf über 4000 Dollar hoch.
Für die Schweiz gaben Migros und Coop damals Entwarnung: Dank breit diversifizierter Lieferketten drohten im Detailhandel keine grösseren Engpässe. Stärker betroffen wären eher zeitkritische Industriegüter sowie Branchen wie Autoindustrie, Maschinenbau oder Textil – und wohl ein Grossteil der täglichen Temu- und Shein-Pakete aus China.
Gibt es eine alternative Route?
Schiffe können Bab al-Mandab umgehen und stattdessen um ganz Afrika und das Kap der Guten Hoffnung herumfahren. Das verlängert die Reise um rund zehn Tage, macht den Transport teurer – und riskanter: Vor der somalischen Küste erleben Piraten nach ruhigeren Jahren ein Comeback, mit bereits 15 Angriffen auf Handelsschiffe allein 2026. Grund dafür ist unter anderem, dass Marinekräfte wie die saudische oder die amerikanische ihren Fokus derzeit auf den Nahen Osten verlagert haben.
Was macht die USA – und was heisst das für Saudi-Arabien?
Die Huthi liessen US-Präsident Donald Trump laut Medienberichten wissen, dass sie die Meerenge vorerst offen halten wollen – ausser für Schiffe aus Saudi-Arabien, gegen das sie seit Jahren Krieg führen. Grundlage ist offenbar eine informelle Abmachung aus dem Jahr 2025: keine Angriffe auf US-Schiffe im Austausch für ungestörte Durchfahrt. Dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman habe Trump zugleich mitgeteilt, dass die USA Saudi-Arabien militärisch nicht gegen die Huthi unterstützen würden – man könne höchstens Geheimdienstinformationen liefern.
Wie geht es weiter?
Vorerst bleibt Bab al-Mandab für die meisten Schiffe passierbar. Die Huthi könnten die Lage aber jederzeit ändern – Beobachter halten es für denkbar, dass die Miliz künftig eine Art Gebühren- oder Zollsystem für die Durchfahrt einführt. Sicher ist: Die Kontrolle über die Meerenge gibt den Huthi ein Druckmittel in die Hand, das weit über den Jemen hinausreicht.
