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epa08459801 Protesters gather during a Black Lives Matter protest following the deadly arrest of George Floyd in Minneapolis, in Sydney, Australia, 02 June 2020. A bystander's video posted online on 25 May, appeared to show George Floyd, 46, pleading with arresting officers that he couldn't breathe as an officer knelt on his neck in Minneapolis, Minnesota, USA. The unarmed black man later died in police custody.  EPA/JAMES GOURLEY AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Bild: keystone

«Das Recht auf Leben ist nicht mehr garantiert» – das sagen US-Zeitungen zu den Protesten



Seit der Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weissen Polizisten letzte Woche befinden sich die USA im Ausnahmezustand. Das Coronavirus scheint vergessen, tausende Menschen im ganzen Land protestieren auf den Strassen. Die Polizei ist mit der Situation überfordert, sie verhaftet willkürlich Journalisten und liefert sich Strassenschlachten mit den Demonstranten.

US-Präsident Donald Trump droht den Protestierenden derweil mit der Nationalgarde und einer «unbegrenzten Macht des Militärs». Auch intensivierte er auf Twitter seinen Krieg gegen die Medien, die seiner Ansicht nach «alles dafür unternehmen, Hass und Anarchie zu schüren.»

Doch was sagen die grossen US-Zeitungen und ihre Leitartikelschreiber eigentlich zu den Ausschreitungen?

«Hört auf, uns zu töten»

New York Times

Die «New York Times» schreibt in einem Leitartikel, dass die Menschen aufgrund einer aus Verzweiflung geborenen Wut auf die Strasse gehen würden. Verzweiflung darüber, dass ihre Regierung es versäumt habe, eine der grundlegendsten Schutzbestimmungen der Verfassung zu gewährleisten: das Recht auf Leben und darauf, nicht ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren dieses Lebens beraubt zu werden.

Darum richtet die Zeitung einen direkten Appell an die Regierung: «Hört auf, uns zu töten.»

Doch es bleibt nicht nur bei dem Appell. Die Autoren des Artikels listen eine ganze Palette an Punkten auf, die zur Verminderung der Polizeigewalt führen könnten. Dazu zählen:

«Was die Demonstranten wollen, ist ein Land, in dem böse Polizisten entlassen und nicht verhätschelt werden. Sie wollen ein Land, in dem Polizisten, die Demonstranten schlagen, nicht von ihren Gewerkschaften geschützt werden, sondern stattdessen ihre Arbeit verlieren. Sie wollen ein Land, in dem die Polizei das Recht ihrer amerikanischen Mitbürger schützt, sich öffentlich zu versammeln und Wiedergutmachung für ihre Missstände zu fordern, anstatt ein Land, in dem sie mit Geländewagen gerammt werden. Sie wollen ein Land, in dem Bundestruppen nicht gegen einen friedlichen Protest eingesetzt werden, um einen Fototermin zu ermöglichen.»

Kommentar in der «New York Times».

Der lügende Präsident

Washington Post

In einem bissigen Kommentar nimmt sich die «Washington Post» Donald Trump zur Brust. Der Präsident habe gelogen, als er gesagt habe, dass er ein Freund von friedlichen Protesten sei. Beweis dafür sei die Handhabung der Demonstranten in Washington, D.C. gewesen. Die Polizei feuerte Gummigeschosse und Tränengas auf friedlich Protestierende auf dem Lafayette-Platz vor dem Weissen Haus, nur damit Trump für einen Fototermin zu Fuss zur nahe gelegenen St.-John's-Kirche gehen konnte.

Weiter konstatierte die Zeitung, dass jeglicher Versuch, das Militär gegen Zivilisten einzusetzen, mit ziemlicher Sicherheit illegal und verfassungswidrig wäre. Für Trump sei jedoch die Androhung von Gewalt, wie unrealistisch sie auch sein mag, sein Schachzug. Diesen benutze er immer, wenn seine Männlichkeit infrage gestellt werde.

«Nichts könnte repräsentativer sein für den gefährlichen Narzissmus eines Präsidenten, der auf Gewaltandrohungen gegen ein Land zurückgreift, das er angeblich führen soll.»

Jennifer Rubin, «Washington Post»

Das heilige Recht der Amerikaner

The Los Angeles Times

Die «Los Angeles Times» prangert in einem Kommentar die sich häufenden Versuche der Politik an, Proteste und Demonstrationen unter Strafe zu stellen. «Der Protest gegen Ungerechtigkeit ist ein heiliges Recht aller Amerikaner.»

82 Gesetzesentwürfe, die von 32 US-Staaten geprüft oder angenommen wurden, um Versammlung und Rede zu kriminalisieren, gebe es momentan. Unter anderem auch in Minnesota, zu dem Minneapolis gehört. Nur dank eines Vetos des demokratischen Gouverneurs konnte das Gesetz, das vorsah, Verkehrsbehinderungen mit einem Jahr Gefängnis zu bestrafen, verhindert werden.

Andere Vorschläge zielen darauf ab, Demonstranten zu Terroristen zu machen. Ein Gesetzesentwurf aus North Carolina beispielsweise würde den Straftatbestand des «Wirtschaftsterrorismus» schaffen und die strafrechtliche Verfolgung jeder Person erlauben, die eine «Störungsaktion» mit der Absicht begangen hat, das Regierungshandeln zu beeinflussen.

Donald Trump bläst ins gleiche Horn: Auf Twitter bezeichnet er die Demonstranten immer wieder als Terroristen, die nicht genau definierte Antifa-Bewegung stufte er sogar als Terror-Organisation ein.

«Ein Akt vorübergehenden zivilen Ungehorsams wäre ein Akt des Terrorismus. Ein solches Gesetz würde Susan B. Anthony zu einer Terroristin machen, weil sie einen Stimmzettel in eine Wahlurne geschoben hat. Es würde andere amerikanische Helden zu Terroristen machen, weil sie in einem Bus oder an einem Mittagstisch Platz genommen, eine Brücke überquert, die Arbeit unterbrochen und andere Dinge getan haben, die den Amerikanern einige ihrer am meisten geschätzten Rechte und Freiheiten gebracht haben.»

Robert Greene, «Los Angeles Times»

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Jadon Sancho und Co. protestieren gegen Rassismus

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