Die Demokraten kommen einem Wunder in Texas näher
«Ich bin Demokratin in Texas, daher sind wir immer ein bisschen nervös», sagte Sue Reed, Mitglied eines demokratischen Frauenclubs in Texas, gegenüber CNN. «Aber ich würde sagen, das ist die positivste Stimmung und Energie, die wir seit Jahren erlebt haben.»
Die Demokraten in Texas sind zurecht skeptisch: Seit 38 Jahren versuchen sie, einen der beiden Senatssitze zu erobern. Einige Male sah es nicht schlecht für sie aus. Zuletzt beispielsweise 2018, als Beto O'Rourke einen deutlichen neuen Spendenrekord erzielte, als er gegen den Republikaner Ted Cruz antrat. Trotzdem resultierte für die Partei am Ende jedes Mal eine grosse Enttäuschung.
Diesmal soll ein junger Theologe und ehemaliger Lehrer das Unmögliche schaffen: James Talarico. Der bei Austin aufgewachsene gläubige Christ ist 1989 geboren – ein Jahr nach dem letzten Wahlerfolg der Demokraten im «Lone Star State».
Und auch diesmal gibt es sie, die Vorbehalte. So werden die Republikaner riesige Summen für den Wahlkampf in Texas ausgeben: «Von Anfang September bis zum Wahltag planen republikanisch orientierte Gruppen, 232 Millionen Dollar auszugeben – mehr als sie zusammen für die umkämpften Senatswahlkämpfe in Michigan und Maine ausgeben werden», so CNN. Laut «New York Times» könnte das Senatsrennen in Texas zur teuersten Wahlkampagne in der Geschichte der USA werden, bei der es nicht um die Präsidentschaft geht.
Kürzlich beschlossene Neugliederungen der Wahlbezirke durch das republikanische Parlament sowie einige «Altlasten» aus Talaricos vergangenem Abstimmungsverhalten sind weitere Herausforderungen aus demokratischer Sicht. Talarico hatte gegen einen Gesetzentwurf aus dem Jahr 2023 gestimmt, der sogenannte geschlechtsbestätigende Versorgung (Englisch: gender-affirming care) für Minderjährige verbieten wollte. Um konservative Wähler von sich zu überzeugen, distanziert er sich heute jedoch davon.
Trotzdem könnte es 2026 für die texanischen Demokraten tatsächlich anders kommen. Dass sie im tiefroten Bundesstaat Texas an der Sensation schnuppern, liegt trotz der durchaus breiten Begeisterung für den demokratischen Kandidaten weniger an James Talarico als vielmehr an seinem Gegenkandidaten Ken Paxton.
Insgesamt sprechen vor allem diese drei Punkte aus heutiger Sicht für einen Sieg Talaricos:
Der Gegenkandidat
Jüngst bekräftigte James Talarico bei einer Townhall (auf Deutsch etwa: Bürgerversammlung, eine Art von Wahlveranstaltung), er wolle, dass die Menschen in Texas für ihn und nicht gegen Ken Paxton stimmen. Doch das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben. Denn Ken Paxton ist äusserst unbeliebt.
Der Generalstaatsanwalt von Texas gewann die Vorwahl gegen den gemässigteren, teilweise Trump-kritischen Senator John Cornyn. Und laut CNN wäre das Rennen um den Senatssitz heute niemals so eng, hätte sich Cornyn durchgesetzt. Mit seiner Vergangenheit macht es Ken Paxton den Demokraten nun einfach, eine Negativ-Kampagne zu bewirtschaften, denn seine Liste an Vergehen ist lang.
Im Mai 2023 wurde Paxton vom republikanisch dominierten Repräsentantenhaus von Texas mit 121 zu 23 Stimmen des Amtes enthoben, was zu seiner Suspendierung führte. Anlass für die Amtsenthebung waren 20 Anklagepunkte – darunter Bestechung, Missbrauch des öffentlichen Vertrauens und Vergeltungsmassnahmen.
Darüber hinaus stand Paxton fast ein Jahrzehnt lang unter Anklage wegen Wertpapierbetrugs auf Landesebene. Zudem feierte er bei einer Neujahrsparty 2024 mit zwei Flüchtigen, die vom US-Justizministerium wegen Betrugs gesucht wurden, er betrog seine Ehefrau und stahl einen teuren Kugelschreiber eines Mitarbeitenden. Seither können Talarico-Fans auf dessen Webseite einen Kugelschreiber mit der Aufschrift «Not Ken Paxton's Pen» («Nicht Ken Paxtons Kugelschreiber») erwerben.
Während eines Grossteils seiner politischen Laufbahn hat Ken Paxton politische Debatten mit seinen Konkurrenten stets vermieden. Diese Strategie setzt er bislang fort: Paxton hat noch keiner einzigen Debatte mit seinem demokratischen Gegner Talarico zugestimmt – obwohl er noch im Sommer Gegenteiliges verlauten liess. James Talarico nutzte die Gelegenheit: Bei besagter CNN-Townhall bezeichnete er Paxton als «korruptesten Politiker in Texas».
Trump
Die Unzufriedenheit der US-Amerikanerinnen und -Amerikaner mit ihrem Präsidenten wird bei den Midterm-Wahlen Anfang November ein entscheidender Faktor sein.
Die Zustimmungsrate von Donald Trump liegt bei etwa 37 Prozent – ein Wert, der seit Monaten ebenso niedrig wie stabil ist. Republikanische Abgeordnete befürchten (und äussern ihre Befürchtungen mittlerweile öffentlich), dass der Krieg im Iran, die hohen Benzinpreise und die Unbeliebtheit Trumps ihre Chancen bei den Zwischenwahlen schmälern. Und, womöglich entscheidend: Laut einer aktuellen Umfrage von NBC News gaben mehr Wähler an, ihre Stimme bei den Zwischenwahlen als Zeichen des Widerstands gegen Trump einzuwerfen, als dies bei jedem anderen Präsidenten in den letzten drei Jahrzehnten der Fall war.
Während es bereits Trump zu verdanken ist, dass statt des gemässigteren Cornyn nun Paxton auf dem Wahlzettel steht, könnte der Präsident mit seiner vehementen Einmischung in Texas mehr Schaden als Hilfe für die Republikaner bringen, spekulieren texanische Medien. Dafür spricht, dass deren Kandidat und Amtsinhaber als Gouverneur, Greg Abbott, an zwei von drei Besuchen des Präsidenten in Texas nicht dabei war.
Die Umfragen
Zwar ist klar: Das Rennen in Texas wird extrem knapp, was sich auch in den Umfragen andeutet. Dennoch sieht eine Mehrheit der Umfragen gut zwei Wochen vor den Zwischenwahlen den Demokraten vorne, wobei sich der Vorsprung auf zwischen ein bis sechs Prozentpunkte beläuft – was sich jedoch in vielen Fällen noch innerhalb des statistischen Fehlerbereichs befindet. Auffällig ist, dass neu nun auch ein republikanisch orientiertes Meinungsforschungsinstitut Talarico leicht vorne sieht.
Insbesondere die grösseren Institute, deren Umfragen zum Teil höhere Standards erfüllen, sehen den Demokraten allesamt vorne. Allerdings: Die Ergebnisse jener Institute deuten gleichzeitig darauf hin, dass sich sein Vorsprung jüngst wieder etwas verschmälerte.
Für Talarico wiederum spricht eine bestimmte Umfrage, diejenige der New York Times und der Universität Siena. Ende September durchgeführt und Anfang Oktober veröffentlicht, attestiert sie dem Demokraten einen Vorsprung von sechs Prozent. Dazu schreibt die «New York Times»: Die Kandidatur von Talarico erinnere manche an die letztlich erfolglose Kandidatur von Beto O'Rourke im Jahr 2018, «doch dieser hatte nie die Vorsprünge in den Umfragen, die Talarico in diesem Wahlkampf vorweisen kann». Demnach ergab dieselbe Umfrage der Times/Siena University aus dem Oktober 2018, dass der republikanische Senator Ted Cruz 8 Prozentpunkte vor Beto O'Rourke lag.
Cruz führte damals in sämtlichen grossen Umfragen. Am Ende wurde es in Texas 2018 mit 3 Prozentpunkten Unterschied dennoch historisch eng.
Nicht zuletzt spricht für Talarico, dass er in allen Umfragen unter Demokraten als deutlich beliebter gilt als Ken Paxton unter den Republikanern. Ob das alles für ein «Wunder von Texas» reicht, wird sich erst Anfang November weisen. Doch erstmals seit längerem trauen sich die Demokraten dort wieder, zumindest ernsthaft zu träumen.
