Barack Obama hat sich ein Monument gebaut – das nur in einem Punkt nicht glänzt
Ein bisschen enttäuscht ist Chris Brown schon. Er hätte das Obama Presidential Center, das neue Museum des Ex-Präsidenten Barack Obama, gerne erkundet. «Ich bin ganz in der Nähe aufgewachsen und zur Schule gegangen», erzählt der ältere Mann. Aber leider sind die Tickets für den markanten Turm im Süden Chicagos bereits kurz nach der Eröffnung über Monate hinweg ausverkauft – aktuell bis vor Weihnachten.
Also muss Brown jetzt mit dem «Gift Shop» vorliebnehmen, dem obligaten Museumsladen. Dort werden die legendären blauen T-Shirts verkauft, die eine aufgehende Sonne zeigen, und an den Wahlkampf 2008 erinnern. 25 Dollar kosten sie. Oder man kann sich für 45 Dollar eine Wasserflasche erstehen, «Made in Chicago».
Das ist, natürlich, reiner Kommerz. Aber Brown hat trotzdem zugepackt, denn die Einnahmen kommen der Stiftung des ehemaligen Präsidenten zugute. «Und in Zeiten wie diesen müssen wir Organisationen unterstützen, die für Hoffnung und Wandel einstehen.» Dann grinst er.
Bevölkerung gibt dem Museum einen Spottnamen
Hoffnung und Wandel, «Hope and Change», das war der Slogan, mit dem Barack Obama mitten in der Finanzkrise einst eine historische Wahl gewann. Und obwohl das nun schon eine gefühlte Ewigkeit her ist, haben viele Amerikanerinnen und Amerikaner dieses Motto nicht vergessen. Es hat sich in ihre Köpfe eingebrannt, und erinnert an eine Zeit, als zumindest im linken Amerika alles möglich schien.
Das 850 Millionen Dollar teure Museum, offiziell Ende Juni eröffnet, richtet sich an diese Menschen. Im Unterschied zu den Bibliotheken, die sich die Ex-Präsidenten gemeinhin nach dem Ende ihrer Amtszeiten bauen, dient die Anlage im Süden von Chicago nicht als Archiv und ist damit auch nicht als Forschungseinrichtung gedacht.
Sämtliche Unterlagen der Regierung Obama, deren Amtszeit von 2009 bis 2017 dauerte, wurden digitalisiert und sind nur online zugänglich. Wegen dieser Entscheidung sparte der Ex-Präsident beim Bau nicht nur viel Geld. Er musste sich auch nicht an Auflagen der bundesstaatlichen Archivbehörde halten.
Diesen Spielraum nutzte Obama. Er beschloss, keine klassische Präsidenten-Bibliothek zu bauen, sondern einen Schrein: Einen 69 Meter hohen Turm aus Granit, der aussieht wie ein Obelisk, bei dessen Konstruktion die Baupläne verloren gingen. Im Volksmund wird der Turm bereits «Obamalisk» genannt. Oder, in den Worten des Architekten Tod Williams: Ein «ikonisches Gebäude» für einen ikonischen Präsidenten.
Im Oval Office wartet ein Brief von Bush
Auch im Innern überrascht das acht Etagen zählende Museumsgebäude durch einen unkonventionellen Zugang. Die einzelnen Stockwerke sind ziemlich kleinräumig, viel Platz für die jeweiligen Ausstellungen bleibt nicht – normalerweise sind vergleichbare Präsentationen in langen, flachen Gebäuden untergebracht.
Auch deshalb beschränkt sich die Ausstellung auf die Höhepunkte des Lebens von Barack Hussein Obama, geboren vor ziemlich genau 65 Jahren. Man erhält Einblick in seine Lebensgeschichte und seine Ehe mit Gattin Michelle sowie in seinen politischen Aufstieg. Eingebettet sind diese biografischen Vertiefungen in die Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung; Obama ist immer noch der einzige dunkelhäutige Präsident der USA.
Eine weitere Etage ist der Arbeit der Regierung Obama gewidmet. Sie weckt Erinnerungen an die politischen Auseinandersetzungen in Washington vor 15 Jahren, die im Vergleich zu den heutigen unglaublich zahm wirken. Auf einer grossen Leinwand ist eine Trauerrede zu sehen, die der Präsident 2015 nach einem rassistisch motivierten Massaker in der Touristenstadt Charleston hielt. Auf der Suche nach den richtigen Worten stimmte Obama das Kirchenlied «Amazing Grace» an. Noch heute rührt diese Geste zu Tränen. Nicht zuletzt deshalb stehen überall Boxen mit Taschentüchern herum.
Das eigentliche Highlight des Museums ist auf der 4. Etage zu finden: eine originalgetreue Nachbildung von Obamas präsidialem Arbeitszimmer im Weissen Haus. «Sie haben Glück», sagt die Museumsangestellte an diesem Morgen, «normalerweise muss man mindestens 15 Minuten lang warten, um das Oval Office zu betreten.» Dann bittet sie mich herein.
Ich stutze zuerst, wirkt der Raum doch seltsam leer und langweilig. Aber alles scheint vorhanden zu sein. Da ist die Couch-Garnitur. Und da der mächtige Arbeitstisch des Präsidenten aus Holz, dessen grosse Schublade sich öffnen lässt. Sie enthält eine Replika des Briefs, den George W. Bush seinem Nachfolger 2009 hinterliess.
Dann fällt mir auf, was im Oval Office im Vergleich zu den Pressebildern anders aussieht. «Das Gold fehlt! Wo ist es?» frage ich ein bisschen lauter, als ich eigentlich wollte. Die Museumsangestellte, die neben mir steht, lacht laut auf und sagt trocken: «Das kommt später.»
Trump und Biden spielen nur eine Nebenrolle
Das ist nicht der einzige Moment im Museum, an dem der Besucher an Donald Trump denken muss. Den Namen des Republikaners allerdings, den sucht man im Obama Presidential Center vergeblich. Trump wird totgeschwiegen, die Obamas hatten ihn auch nicht zur Eröffnungsfeier eingeladen – obwohl sich der Aufstieg des einen Präsidenten doch nur mit der Person des anderen erklären lässt.
Auch Joe Biden, Obamas Vizepräsident, spielt im Obama Presidential Center nur eine kleine Nebenrolle. Vielleicht ist es dem Hausherrn ein wenig peinlich, dass er den späteren Präsidenten 2008 zu seinem Stellvertreter berufen hatte und ihm damit Relevanz verschaffte?
Obama ist im Gegensatz zu seinen beiden Nachfolgern immer noch populär. Und zwar nicht nur bei älteren Demokraten, die sich noch an seinen historischen Wahlsieg am 4. November 2008 erinnern können. Sondern auch unter jungen Amerikanern, die damals höchstens Kinder waren.
Die Eröffnung des Obama Presidential Center ist deshalb auch als Kampfansage an den politischen Gegner zu verstehen. Obamas Zeit ist noch nicht abgelaufen, obwohl er nicht mehr im Rampenlicht stehen will. «Ich bin fest davon überzeugt, dass mein grösster und wertvollster Beitrag derzeit darin besteht, dabei zu helfen, die nächste Generation von Führungskräften zu finden», sagte der Ex-Präsident kürzlich der Zeitschrift «New Yorker».
Dank des «Obamalisk» hat er dafür nun auch einen passenden Standort. (schweizheute.ch)

