Warum wir Elon Musk dankbar sein müssen
Nachdem Elon Musk gegen 300 Millionen Dollar für den Wahlkampf von Donald Trump beigesteuert und so massgeblich zu dessen Triumph beigetragen hatte, wurde er übermütig. Alles schien machbar oder zumindest käuflich, dachte sich der reichste Mann der Welt. Als im Bundesstaat Wisconsin wenig später eine entscheidende Wahl in den Obersten Gerichtshof anstand, setzte sich Musk nicht nur einen Käsehut auf, er spendete auch rund 100 Millionen Dollar für den republikanischen Kandidaten – und verlor krachend.
Zweifellos ist Musk ein genialer Ingenieur und Unternehmer. Wie Trump ist er auch ein pathologischer Narzisst, der glaubt, zu allem und jedem eine Meinung haben zu müssen. Aktuell fährt er eine Hasskampagne gegen «The Odyssey», den Film von Christopher Nolan. Weil die schöne Helena von einer schwarzen Schauspielerin verkörpert wird und weil Elliot Page, ein transsexueller Schauspieler, den Krieger Simon darstellt, sieht Musk nicht nur das Abendland in Gefahr. Er prophezeite auch, dass Nolans Film ein gigantischer Flop werde.
Das ging arg in die Hosen. «The Odyssey» erzielt an den Kinokassen Rekordeinnahmen und die Kritiker sind fast ausnahmslos begeistert. Wie Trump ist Musk jedoch unfähig, einzugestehen, dass er sich geirrt hat. Trotzig verkündet er nun, er werde bis Ende Jahr einen KI-produzierten Film vorlegen, der die wahre Odyssee widerspiegle. Dass wir bei Homers Gedicht von einem Mythos sprechen und es deshalb nie eine wahre Odyssee geben wird, ignoriert Musk gefliessentlich.
Menschen haben die eigenartige Fähigkeit, auf einem Gebiet genial, auf anderen gleichzeitig dumm wie Brot zu sein. Musk ist da keine Ausnahme. In einem längeren Interview mit dem «Economist» macht er einmal mehr deutlich, wie naiv und gefährlich zugleich seine politischen Vorstellungen sind.
Musk geht davon aus, dass bereits in fünf Jahren die KI die menschliche Intelligenz übertreffen wird. Innerhalb von zehn Jahren werden Roboter den grössten Teil der Arbeit erledigen und einen bisher nicht für möglich gehaltenen Wohlstand für alle schaffen. Geld wird in dieser Welt irrelevant. Die Regierung wird einfach an alle Menschen Gutscheine verteilen, mit denen sie sich beschaffen können, was ihr Herz begehrt. (Hat da jemand bedingungsloses Grundeinkommen gesagt?)
All dies erinnert an das klassenlose Paradies, das uns schon Karl Marx versprochen hat. Auch der Vater des Kommunismus hat einst davon geträumt, dass nach dem Endsieg des Proletariats jeder sein Leben «nach seinen Fähigkeiten und seinen Bedürfnissen» gestalten könne. Darauf warten wir immer noch, genauso wie wir lange auf die von Musk versprochene Überflussgesellschaft warten können.
Insgeheim glaubt wahrscheinlich auch Musk nicht daran. Vielleicht ist er deshalb so erpicht darauf, auf den Mars zu entfliehen.
In der realen Welt spielt Musk – wenn auch ungewollt – derzeit eine nützliche Rolle. Wie Paul Krugman in seiner Kolumne auf Substack schreibt, entlarvt er mit seinem narzisstisch aufgeladenen Gehabe die Allmachtsfantasien der Superreichen.
Kurze Rückblende: Seit Jahrzehnten wollen die amerikanischen Milliardäre Einfluss auf die Politik nehmen. Bekannt sind etwa die Koch-Brüder, die nicht nur die Kampagne der Grand Old Party jeweils grosszügig unterstützen, sondern auch konservative Denkfabriken wie die Heritage Foundation oder das Cato Institute am Leben erhalten. In ihrem Buch «Dark Money» hat die Journalistin Jane Mayer aufgezeigt, wie dieses System funktioniert.
Die traditionellen Geldsäcke der Republikanischen Partei hielten sich jedoch in der Regel vornehm im Hintergrund. Johnny Sixpack wusste nichts von ihrer Existenz. «Heute jedoch stellt die neue Generation der Superreichen ihren Einfluss zur Schau. Und der Vorzeige-Boy dieser Entwicklung ist Elon Musk», so Krugman.
Das wiederum zeigt Wirkung, allerdings nicht die von den Superreichen gewollte. Inzwischen glauben 73 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner, dass die Ungleichheit zu einem ernsthaften landesweiten Problem geworden ist. Die von der University of Amherst durchgeführte Untersuchung zeigt auch, dass 58 Prozent der Befragten der Meinung sind, die Milliardäre seien eine Gefahr für die Demokratie geworden.
Musks tollpatschiges Verhalten und die schamlose, gigantische Korruption der Trump-Familie haben zu diesem Umdenken geführt. Und dieses Umdenken schlägt sich immer häufiger in der politischen Realität nieder. Landauf, landab gewinnen die demokratischen Sozialisten Vorwahlen, und mit seinem idiotischen Irankrieg wird Trump auch dafür sorgen, dass sie bei den kommenden Zwischenwahlen Erfolg haben werden.
Das ist auch gut so, oder wie Krugman sich ausdrückt: «Elon Musk ist alles andere als ein populärer Held. Aber sein widerlicher und ungezügelter Narzissmus können möglicherweise die amerikanische Republik retten.»
