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Jeffrey Epstein: So verliefen die letzten neun Monate des Straftäters

Recherche: So verliefen die letzten Monate des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein

Am 10. August 2019 wurde Jeffrey Epstein tot in seiner Zelle in New York gefunden. Eine grosse Recherche von CNN zeichnet nun die letzten neun Monate des gefallenen Financiers nach. Es ist eine Geschichte von Bestechung, Vertuschung und Verdrängung – und schliesslich das Ende eines der grössten Justizskandale der Neuzeit.
05.06.2026, 17:2305.06.2026, 18:25

Am 28. November 2018 publizierte der «Miami Herald» eine dreiteilige Geschichte über einen Multimillionär, dem Dutzende, wenn nicht Hunderte Fälle von sexuellem Missbrauch vorgeworfen wurden. Der allerdings juristisch, trotz erdrückender Beweislast, mit einem blauen Auge davonkam. Und der nachher genau dort weitermachte wie bisher.

Mit dieser Serie begann die Geschichte, die global für Aufsehen sorgte, zahlreiche Verschwörungstheorien aus dem Boden schiessen liess und mächtige Personen rund um den Globus zu Fall brachte.

Es war der Beginn der Epstein-Affäre.

In einem umfangreichen Artikel hat CNN nun die letzten neun Monate des Financiers und verurteilten Sexualstraftäters Epstein nachgezeichnet. Minutiös zeigt das Medium auf, was nach der Publikation der «Miami Herald»-Artikel passierte und vor allem, wie Epstein nach Veröffentlichung auf seine stets bewährte Taktik zurückgriff:

Bestechung, Vertuschung, Verdrängung.

FILE - This March 28, 2017, photo provided by the New York State Sex Offender Registry shows Jeffrey Epstein. (New York State Sex Offender Registry via AP, File)
Epstein Note
Jeffrey Epstein, in Polizeigewahrsam, 2017. Bild: keystone

Die Tage nach der Publikation

Als der «Miami Herald» 2018 in seiner Serie aufzeigte, wie die Justiz eine Dekade vorher im Fall Epstein versagt hatte, rief dieser ein Krisenmanagement ins Leben. Er beauftragte eine kleine Gruppe von Personen, die ihm nahestanden, mit einer klaren Aufgabe:

Schadensbegrenzung.

Was Epstein zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass das Justizdepartement eine Ermittlung auf Bundesebene angestossen hatte. Dies schreibt CNN.

Sein Team versuchte währenddessen alles, um der Geschichte nicht mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Und Epstein tat, was er bei Vorwürfen gegen seine Person immer tat: Er bestach Personen.

Wenige Tage nach Publikation, so steht es in den Epstein-Files, überwies er gleich zwei Frauen 100'000 respektive 250'000 US-Dollar. Beide Frauen waren in den 2000er Jahren Assistentinnen von Epstein und wurden später als potenzielle Mitverschwörerinnen identifiziert. Beide Frauen unterschrieben ein sogenanntes Non-Prosecution Agreement, sprich: Sie erhielten Immunität. Und auch sie waren Opfer von sexuellem Missbrauch durch Epstein, schreibt CNN.

Gleichzeitig brachte die «Miami Herald»-Story den Stein ins Rollen beim Bundesbezirksgericht für den südlichen Bezirk von New York (SDNY), dem wohl renommiertesten Bundesbezirksgericht der USA. Zu diesem Zeitpunkt wurde das SDNY von Geoffry Berman geleitet.

Justiz ermittelt

Wenige Tage nach der Publikation im «Miami Herald» wurde das SDNY aktiv, Top-Staatsanwälte wurden bei Berman vorstellig:

«Geoff, hast du die Artikel über Jeffrey Epstein gelesen?»

Und Bernman hatte sie gelesen. Und war ausser sich. Die Beweislage war klar, Epstein war ein Sexualstraftäter. Und trotzdem bekam er vor einem Gericht in Florida den Deal seines Lebens: nämlich Immunität vor künftigen Anklagen auf Bundesebene.

Den Deal unterzeichnet hat 2008 Alex Acosta, der zum Zeitpunkt der «Herald»-Publikation 2018 Mitglied der Trump-Regierung war. Später trat er auf Druck der Öffentlichkeit wegen des Deals zurück.

Die Staatsanwälte des SDNY suchten nun nach einer Lösung, um Epstein trotz Immunität trotzdem noch vor Gericht ziehen zu können. Ihr Argument: Die Immunität, die Epstein zugesprochen wurde, gilt nur für Florida. Nicht für New York.

Und so wurde, etwas mehr als eine Woche nach Publikation, ein neues Verfahren gegen Jeffrey Epstein in New York angestossen. Es sollte der Anfang vom Ende des Financiers sein.

Wer kann helfen?

Zu diesem Zeitpunkt machte sich auch bei Epstein und seinem Team Panik breit, wie CNN aufzeigt. Textnachrichten des Sexualstraftäters zeigen, wie er nach Auswegen aus den Anschuldigungen suchte. Und er wurde bei einer berüchtigten Person fündig: Steve Bannon, der Rechtspopulist, der auch Trump nahestand.

Steve Bannon speaks during Turning Point USA's AmericaFest 2025, Friday, Dec. 19, 2025, in Phoenix. (AP Photo/Jon Cherry)
Arizona Turning Point Conference
Epstein-Vertrauter Steve Bannon.Bild: keystone

Eine Woche nach Publikation schrieb Epstein an Bannon:

«Was hältst du davon, wenn ich ehemalige Richter beauftrage, eine gründliche Untersuchung durchzuführen, um die Wahrheit von der Fiktion zu trennen?»
Jeffrey Epstein an Steve Bannon

Es folgt ein reger Austausch zwischen den beiden. Wie kann der Schaden begrenzt werden? Wie können die Opfer diskreditiert werden? Wer sollte Epstein juristisch vertreten?

Bannon, ein erfahrener Medienprofi, spielte mit der Idee eines Dokumentarfilms, auch mögliche Interviews besprachen die beiden. Die Dokumentation wurde später auch tatsächlich in Angriff genommen, abgeschlossen wurde sie allerdings nie. Aus den Nachrichten wird jedenfalls klar: Man nahm die Sache im Team Epstein nicht mehr auf die leichte Schulter.

Währenddessen, schreibt CNN, arbeitete der SDNY weiter am Fall – und das im Verborgenen. Washington und das US-Justizdepartement, damals geleitet von Justizminister Bill Barr, wurden absichtlich im Dunkeln gelassen. Man wollte den Fehler aus den 2000er Jahren in Florida nicht wiederholen. Damals erfuhr Epstein von den Ermittlungen gegen ihn und führte selber private Untersuchungen durch, um die Anklägerinnen zu diskreditieren. Zudem engagierte er sogleich die besten Anwälte für seine Verteidigung. Mit Erfolg.

Aber nicht nur die Staatsanwaltschaft in New York beschäftigte der Fall Epstein, auch der Kongress wurde auf den Financier aufmerksam. Der republikanische Senator Ben Sasse forderte das Justizdepartement im Dezember 2018 dazu auf, eine Untersuchung im Fall Epstein einzuleiten. Auch die Staatsanwaltschaft des südlichen Bezirks von Florida sollte unter die Lupe genommen werden. Und Anfang Februar 2019 wurde dann auch das Justizministerium aktiv.

Die ersten ernsthaften Risse in Epsteins Verteidigungsstrategie kamen am 21. Februar 2019 zutage. Damals entschied ein Bundesrichter, dass der Vergleich der US-Regierung im Fall Epstein 2008 gegen das Gesetz verstossen hat. Zwar ging das Urteil nicht so weit, den Vergleich aufzuheben. Dennoch war das Urteil für Epstein ein herber Rückschlag.

Nach dem Urteil kontaktierte Epstein gemäss CNN zig Personen: Anwälte, Journalisten, Personen mit hoher gesellschaftlicher Stellung. Eine von ihnen war die Anwältin Kathy Ruemmler. In einer E-Mail an Epstein schrieb sie, wie in den Epstein-Aktien zu entnehmen ist, am 23. Februar:

«Wir werden diesen Sturm überstehen»
Kathy Ruemmler an Jeffrey Epstein

Die Verteidigung ging nun vollständig zur Offensive über. Anfang März nahmen vier Anwälte, die den Immunitätsdeal mit Epstein 2008 ausgehandelt haben, in der «New York Times» in einem Meinungsstück ausführlich Stellung. Die Überschrift:

«Ein fairer Vergleich.»

Es war als Antwort auf einen vernichtenden Leitartikel der NYT gedacht. Auch die «Washington Post» liess in einem Kommentar kein gutes Haar an Epstein und rief den Kongress zum Handeln auf. Krisenmanagement war das Wort der Stunde im Epstein-Team.

Die Verhaftung

Währenddessen kamen immer mehr Beschuldigungen gegen Epstein zutage. Er musste etwas tun. Im April kontaktierte er unter anderem den berühmten Journalisten Michael Wolff, der später ein Essay mit dem Titel «Die letzten Tage des Jeffrey Epstein» schrieb, und bat ihn um Rat. Dies zeigen Textnachrichten, die CNN publiziert hat.

FILE - In this April 23, 2019, file photo, Geoffrey Berman, U.S. Attorney for the Southern District of New York, speaks during a news conference in New York. The Justice Department moved abruptly Frid ...
Geoffrey Berman.Bild: keystone

Gleichzeitig nahm der Fall des SDNY immer mehr Formen an. Interviews wurden durchgeführt und das Ausmass des Missbrauchs durch den Millionär Epstein wurde immer klarer. Minutiös wurde die Klage vorbereitet. Später sagte Berman, der leitende Staatsanwalt des SDNY: «Wie in allen Fällen kommt es auf die Qualität und nicht auf die Quantität der Zeugenaussagen an. Wir hatten bereits alles, was wir brauchten, um Epstein lebenslang hinter Gitter zu bringen.»

Am 18. Juni legte die Staatsanwaltschaft einer Grand Jury zig Beweise und Zeugenaussagen vor. Das Ziel war klar: Epstein für immer hinter Gitter zu bringen. Nun musste die Anklageschrift ausgearbeitet werden.

Schlussendlich entschied sich die Staatsanwaltschaft gemäss CNN, Epstein in einem Fall von Sexhandel mit Minderjährigen anzuklagen. Die Höchststrafe darauf: 40 Jahre Haft in einem Bundesgefängnis.

Einen kurzen Hoffnungsschimmer gab es für Epstein im gleichen Monat, nämlich Ende Juni. Staatsanwälte reichten am Bundesgericht in Florida einen Antrag ein. Die Forderung? Es gebe keine rechtliche Grundlage, die Immunität von Epstein für ungültig zu erklären, die mit dem Urteil vom Februar ins Wanken geraten war.

Auf die Arbeit des SDNY hatte der Antrag allerdings keine Auswirkungen. Es gelang hingegen, eine Anklage gegen Epstein durch eine Grand Jury zu erwirken. Das Resultat war die Verhaftung Epsteins noch am selben Tag, am Samstag, 6. Juli 2019. Der Leiter des FBI von New York sagte später zu SDNY-Chef Berman:

«Geoff, er hatte keine Ahnung. Als Epstein unsere Agenten sah, fiel ihm fast die Kinnlade herunter.»
FBI-Chef zu Berman

Im Gefängnis kontaktierte Epstein drei Vertraute: den Anwalt und langjährigen Freund Darren Indyke, den Strafverteidiger Martin Weinberg und die bereits erwähnte Kathy Ruemmler. Damals schrieb, wie der CNN-Bericht zeigt, Epstein auf einen Zettel: «Oh, das ist schlimm. Das ist richtig schlimm.»

Das FBI durchsuchte währenddessen das Anwesen Epsteins in New York und sammelte weiter Beweise: Sie machten Tausende Fotos, nahmen Sexspielzeuge und Handschellen mit, fanden Bargeld und einen gefälschten Pass.

Und dann geschah gemäss CNN etwas Sonderbares: Am Tag der Verhaftung schrieb Bannon spät in der Nacht an Epstein, um Pläne zu bestätigen, die geplante Dokumentation weiterzufilmen. Um 23.37 Uhr bekam er, als dieser bereits in Untersuchungshaft sass, vom Handy von Epstein eine Antwort:

«Alles abgesagt.»
Nachricht vom Handy von Epstein an Bannon

Wer die Nachricht abgeschickt hat, ist gemäss CNN nicht bekannt. Die Textnachrichten sind allerdings in den Epstein-Files.

Der Weg zum Suizid

Das Wochenende verbrachte Epstein in Haft. Am Montag, 8. Juli, wurde er vor Gericht geführt. Seine Geschichte machte bereits in den Medien die Runde. Er plädierte auf unschuldig und wurde zurück ins Gefängnis gebracht.

Da Epstein stark suizidgefährdet war, wurde er unter psychologische Beobachtung gestellt. Vorgesehen war, dass Gefängniswärter Epsteins Aktivitäten alle 15 Minuten protokollierten.

Epstein versuchte noch, auf Kaution freizukommen. Ein Richter lehnte den Antrag allerdings einige Tage nach seiner Verhaftung ab.

Währenddessen ging die SDNY-Untersuchung gemäss CNN weiter. Und erste Konsequenzen wurden gezogen: Alex Acosta, der Anwalt, der die Immunitätsvereinbarung 2008 unterzeichnet hatte, trat aus Trumps Kabinett zurück. Die Schlinge zog sich nicht nur für Epstein, sondern auch für Personen aus seinem Umfeld immer enger zu.

Am 23. Juli fanden Gefängniswärter gemäss CNN Epstein in Embryonalstellung in seiner Zelle mit einer selbstgebastelten Schlinge um den Hals. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht ansprechbar. Das führte dazu, dass Epstein verlegt und unter Selbstmordüberwachung («suicide watch») gestellt wurde.

Schlinge Epstein
Die Schlinge wurde am 23. Juli in Epsteins Zelle gefunden.Bild: US-Department of Justice

Nach rund 31 Stunden unter dieser «suicide watch» wurde Epstein wieder in seine Zelle gebracht, die er mit einem Insassen teilte, wie es im Bericht heisst. Danach wird es unübersichtlich: Zuerst behauptete Epstein, der Insasse wollte ihn umbringen. Später liess er diese Behauptung wieder fallen. All dies führte dazu, dass Epstein in eine neue Zelle verlegt wurde.

Währenddessen kamen immer mehr Details zu den Verbrechen Epsteins an die Öffentlichkeit. Am 8. August traf er sich mit seinen Anwälten, um ein neues Testament zu verfassen. Und er wiederholte stets, dass er nicht suizidgefährdet sei. Am Tag darauf, am 9. August, veröffentlichte ein Bundesgericht mehr als 2000 Dokumente im Fall Epstein.

Am 9. August, früh am Morgen, wurde Epsteins Zellengenosse wegen einer Gerichtsverhandlung verlegt. Kein neuer Mithäftling wurde Epstein zugewiesen. Ein Verstoss gegen die Vorschriften. Etwa eine halbe Stunde später traf sich Epstein mit seinen Anwälten. Das Treffen dauerte fast den ganzen Tag.

Nach dem Treffen mit den Anwälten will Epstein einen Anruf tätigen. Aber statt das Telefonsystem für Häftlinge zu nutzen, nimmt er das Handy eines Wärters und behauptet, er rufe seine Mutter an.

Epsteins Mutter war laut CNN 2004 verstorben.

Es ist nicht bekannt, wen er angerufen hat, die Leitung wurde nicht abgehört. Später kehrt er zurück in seine Zelle, die für die Nacht verschlossen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist er alleine in der Zelle.

Am nächsten Tag, um 6.33 Uhr am Morgen, finden Wärter den toten Epstein in der Zelle, mit einer Schlinge um den Hals.

Am gleichen Morgen bekommt SDNY-Chef Berman gemäss dem Bericht einen Anruf eines US-Marshals. Als er auflegt, fragt seine Frau ihn, wer am Telefon war. Er antwortet:

«Epstein ist tot. Man geht von Suizid aus.»
Berman zu seiner Frau

(ome)

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So wurde Epstein reich
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Epstein-Opfer glauben nicht an Selbstmord des Sexualstraftäters
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Die beliebtesten Kommentare
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TheCookieMonster
05.06.2026 17:31registriert September 2019
Ist doch klar, dass Trump und Bannon auch hier ihre dreckigen Hände im Spiel hatten und immer noch haben.
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