Schlägereien und lange Schlangen an Tankstellen – Russland fehlt das Benzin
Auf der Smartphone-Anzeige leuchtet es 4.15 Uhr. Um diese Uhrzeit macht sich eine Russin auf der Krim auf, den Tank ihres Autos zu füllen. Auf dem Weg zur Zapfsäule stoppt sie immer wieder, sagt etwas in die Kamera und zeigt, wie spät es inzwischen ist – 5.02 Uhr – aber extra anhalten muss sie dafür nicht. Sie steht nämlich bereits in der kilometerlangen Schlange, die sich vor der Tankstelle gebildet hat. Um 9.54 Uhr meldet sie sich zum letzten Mal im Telegram-Video, da war es schliesslich geschafft und das Auto betankt.
Langes Warten für nichts
Das, was die Russin in ihrem Video gezeigt hat, ist dieser Tage für viele ihrer Landsleute Normalität. Wer tanken will, muss sich dafür Zeit nehmen – sehr viel Zeit. Und manchmal lohnt sich auch das frühe Aufstehen nicht. In einigen Regionen wurde der Notstand ausgerufen und Zivilistinnen und Zivilisten ist es nicht mehr erlaubt, zu tanken.
Fast alle Regionen Russlands spüren den Engpass. 50 der 83 international anerkannten Regionen Russlands sind wegen der intensiven ukrainischen Drohnenangriffe von Treibstoffknappheit betroffen. Gemäss einer Recherche von CNN ist auch fast allen übrigen Regionen der Sprit ausgegangen.
Wie Videos in den sozialen Medien zeigen, gibt es selbst vor Tankstellen, die keinen Sprit mehr haben, lange Schlangen. Manche schlafen im Auto, um die ersten zu sein, wenn wieder eine Lieferung ankommen sollte. Wer aufs Auto angewiesen ist, hat aktuell keine andere Wahl, als zu hoffen, dass von irgendwoher Nachschub kommen wird.
Gewalt und Diebstahl
In zahlreichen weiteren Videos ist zu sehen, wie es an den Tankstellen zu heftigen Wortwechseln, Auseinandersetzungen und Prügeleien kommt. Manche halten sich nicht an vorgegebene Limits und füllen gar Kanister für später – oder um den Sprit dann teuer auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.
Geduld und die finanziellen Mittel – die Spritpreise sind im Petro-Land Russland allein in den letzten drei Wochen um rund 7 Prozent gestiegen, wie die russische Statistikbehörde Rosstat bekannt gibt – reichen nicht mehr unbedingt aus, um mobil zu bleiben: Manche Leute greifen zum PVC-Schlauch und machen sich am Tank anderer zu schaffen.
Exportstopp und Durchhalteparolen
Dass der Krieg nun wirklich auch die russische Bevölkerung erreicht hat, muss auch Putin eingestehen. Zumindest könnte sein Entscheid, Diesel-Exporte ins Ausland per sofort bis Ende Juli einzustellen, als solches Eingeständnis verstanden werden. Ein Ausfuhrstopp für Benzin gilt schon seit Längerem.
Dennoch spielt der russische Präsident Wladimir Putin die Entwicklung herunter. In einer Regierungssitzung liess er verlauten, dass die Widerstandsfähigkeit des russischen Energiesystems sehr hoch sei. Ob die russische Bevölkerung, von der die Hälfte in einer kürzlich erfolgten Umfrage den Preisdruck als dringendstes Problem des Landes angab, diese Ansicht teilt, ist nicht klar. Im Netz zeigen sich viele verärgert.
Oder wie es eine X-Nutzerin spöttisch schreibt:
(hde)
