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Boris Johnson während einer Pressekonferenz am 4. Januar 2022.
Boris Johnson während einer Pressekonferenz am 4. Januar 2022.Bild: keystone

Corona-Krise in Grossbritannien: Boris Johnson riskiert den Kollaps

Leere Supermarktregale, keine Müllabfuhr, zu wenig Klinikpersonal: Die Omikron-Welle legt immer mehr Teile von Grossbritannien lahm. Trotz des Chaos schliesst Premierminister Johnson weitere Corona-Massnahmen aus.
05.01.2022, 19:19
Patrick Diekmann / t-online
Ein Artikel von
t-online

Er ist angezählt. Boris Johnson steuert Grossbritannien ohne klaren Kurs durch die Corona-Krise, niemals zuvor war der Rückhalt für den britischen Premierminister so gering wie aktuell. Zuletzt bekam er eine politische Ohrfeige von seiner eigenen Partei.

Unterdessen sorgt die  Omikron-Variante  für Chaos, die Infektionszahlen steigen, immer mehr Briten sitzen zu Hause – krank oder in Quarantäne. Personalengpässe haben immer grössere Auswirkungen auf die gesamte Infrastruktur.

Zwei Krisen kommen zusammen, die Erosion von Johnsons Macht und das lasche Corona-Management. Und sie befeuern sich gegenseitig. Schon jetzt steht fest: Grossbritannien hat seinen «Freedom Day» zu früh gefeiert.

Der Premierminister wehrt sich gegen schärfere Corona-Massnahmen in Großbritannien: Vor allem von Wissenschaftlern wird er dafür kritisiert.
Der Premierminister wehrt sich gegen schärfere Corona-Massnahmen in Großbritannien: Vor allem von Wissenschaftlern wird er dafür kritisiert.Bild: keystone

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Erschreckende Infektionszahlen

Die Omikron-Welle traf Grossbritannien früher als andere europäische Staaten. Während Deutschland noch die Auswirkungen der neuen Virusvariante für den pandemischen Verlauf in den Nachbarländern studieren konnte, ist Omikron auf der Insel schon seit Mitte Dezember vorherrschend.

Das hat vor allem erschreckende Infektionszahlen zur Folge: Am Dienstag wurden in Grossbritannien mehr als 218'000 Neuinfektionen gemeldet. Darin sind aber auch einige Nachmeldungen der vergangenen Tage enthalten, denn auch auf der Insel gibt es nach den Weihnachtsfeiertagen eine ungenaue Datenlage, weil einige regionale Gesundheitsämter keine neuen Fälle meldeten. Die Sieben-Tage-Inzidenz – also die Zahl der Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner binnen einer Woche – lag am heutigen Mittwoch bei 1'919.5.

Die Regierung verschärft die Situation durch unklare Kommunikation. Einerseits warnt Boris Johnson zwar vor der Omikron-Welle, andererseits hält er an seiner lockeren Massnahmen-Politik fest und schliesst einen weiteren Lockdown aus. Wie bei den drastischen Folgen des Brexit redet der Premier die Lage schön. Er wird immer mehr zum Märchenerzähler.

Zu seinem aktuellen Plan gehört eine Maskenpflicht in Innenräumen, die Empfehlung, von zu Hause zu arbeiten, und 3G-Pflicht (also: geimpft, genesen oder getestet) für Clubs und Grossveranstaltungen. Das gilt seit mehreren Wochen, die deutliche Mehrheit der britischen Experten drängt den Premier eindringlich zu Verschärfungen.

Weiter Weg zur Herdenimmunität

Doch der bleibt stur. Johnson rechtfertigt sich damit, dass mittlerweile erwiesen sei, dass die Omikron-Variante mildere Verläufe von Covid-19 verursache. Es kämen nicht mehr so viele Infizierte auf Intensivstationen. Neun von zehn Patienten auf den Intensivstationen hätten noch keine Booster-Impfung, hiess es. Deshalb wirbt der Premier eindringlich für das Boostern – mit Erfolg.

Johnson wirbt massiv für Booster-Impfungen und besuchte bereits mehrere Impfzentren in den vergangenen Wochen.
Johnson wirbt massiv für Booster-Impfungen und besuchte bereits mehrere Impfzentren in den vergangenen Wochen.Bild: keystone

Grossbritannien legte auch bei den Auffrischungsimpfungen ein hohes Tempo vor. Auf der Insel gelten mittlerweile knapp 60 Prozent als geboostert, in Deutschland sind es über 40 Prozent. Und doch hat sie ein ähnliches Problem wie die Bundesrepublik: Nur 70 Prozent der Bevölkerung sind zweifach geimpft. Es gibt zu viele Ungeimpfte für eine Herdenimmunität.

Dabei machen die Omikron-Daten aus Grossbritannien eigentlich auch Hoffnung: Denn es zeigt sich dort deutlich, dass Auffrischungsimpfungen zu über 90 Prozent vor Krankenhauseinlieferungen schützen.

Massnahmen als letzter Ausweg?

Dass eine grössere Katastrophe bisher abgewendet werden konnte, liegt vor allem daran, dass über 75 Prozent der älteren Briten geboostert seien, wie zuletzt auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach anmerkte. Die britische Regierung probiere, sich über diesen Corona-Winter zu retten. Das Land müsse «versuchen, mit  Covid-19  zu leben», schrieb Gesundheitsminister  Sajid Javid  in der Zeitung «Daily Mail». Neue Einschränkungen werde es nur «als absolut letzten Ausweg» geben. 

Die Infektionszahlen steigen auf der Insel immer weiter: Das führt vor allem auch zu Personalengpässen in kritischen Bereichen.
Die Infektionszahlen steigen auf der Insel immer weiter: Das führt vor allem auch zu Personalengpässen in kritischen Bereichen.Bild: keystone

Diese Politik bringt ein grosses Risiko mit sich, denn in der Vergangenheit zeigte sich international immer wieder, dass schärfere Massnahmen schneller wieder abgeschafft werden konnten, wenn schnell auf eine Zuspitzung der pandemischen Lage reagiert wurde – und sie eben nicht «absolut letzter Ausweg» waren.

Dabei scheint das Land mehrere kritische Punkte schon überschritten zu haben, durch Omikron haben sich die strukturellen Probleme in der Pandemie rasant verschärft. 

Kliniken vor dem Kollaps

Das zeigt sich besonders deutlich in den Kliniken. Noch am vergangenen Wochenende erklärte Gesundheitsminister Javid, dass Grossbritannien noch weit von den Zahlen entfernt sei, die es vor rund einem Jahr gegeben habe. Dies sei auch auf die massive Impfkampagne im Königreich zurückzuführen. Das Land sei nun «in einer viel stärkeren Position».

Dabei steigt die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19 seit einiger Zeit wieder an und ist so hoch wie seit März nicht mehr. Am Dienstag riefen mehrere britische Kliniken wegen eklatanter Personalausfälle den Katastrophenfall aus. Mindestens sechs Krankenhausstiftungen, zu denen teilweise mehrere Kliniken gehören, haben sich angesichts der heftigen Corona-Welle bereits zu diesem Schritt entschieden, wie die BBC berichtete. Er bedeutet, dass die Verantwortlichen der Ansicht sind, notwendige Behandlungen nicht mehr gewährleisten zu können.

Ein Impfzentrum in Grossbritannien: Den Briten machen vor allem Personalengpässe in den Krankenhäusern grosse Sorgen.
Ein Impfzentrum in Grossbritannien: Den Briten machen vor allem Personalengpässe in den Krankenhäusern grosse Sorgen.Bild: keystone

Der Chef der NHS Confederation, in der Organisationen des nationalen Gesundheitsdienstes zusammengeschlossen sind, Matthew Taylor, schrieb der BBC zufolge: «In vielen Teilen des Gesundheitssystems sind wir aktuell im Krisenzustand.» In einigen Krankenhäusern würden Beschäftigte bereits gebeten, freie Tage aufzugeben, damit der Betrieb aufrechterhalten werden könne.

Zu viele Erkrankungen, zu wenig Personal: Das Märchen der britischen Regierung, dass die Lage in den Krankenhäusern stabil sei, scheint demnach schon von der Realität eingeholt worden zu sein. Johnson gestand bereits ein, dass der Druck auf das Gesundheitssystem voraussichtlich noch mehrere Wochen anhalten wird.

Personalengpässe in vielen Bereichen

Im Gesundheitssektor fehlten am Freitag mehr als 110'000 Beschäftigte bei der Arbeit, wie die «Sunday Times» berichtete. Das entspricht fast jedem zehnten Beschäftigten. Demnach war rund die Hälfte davon krank oder musste in Quarantäne. Doch natürlich sind auch andere Branchen längst hart getroffen. Johnson warnte zuletzt vor einem Ausfall von über 25 Prozent der Beschäftigten in Grossbritannien – umso erstaunlicher, dass seine Regierung nicht darauf reagiert.

Auch in Grossbritannien gibt es Proteste gegen Corona-Massnahmen: Dabei sind diese im europäischen Vergleich eher milde.
Auch in Grossbritannien gibt es Proteste gegen Corona-Massnahmen: Dabei sind diese im europäischen Vergleich eher milde.Bild: keystone

Denn die Ausfälle sind im Alltag der Bevölkerung angekommen: Wie die «Daily Mail» berichtet, wird in einigen Gemeinden teilweise der Müll nicht mehr abgeholt, Busse fahren nicht mehr und Kunden stehen vor leeren Supermarktregalen.

Die Wut in Grossbritannien wächst dementsprechend und die Regierung möchte mit der Reduzierung der Quarantänezeit für Geimpfte von sieben auf fünf Tage reagieren. Das wird nach Ansicht von Experten jedoch nur einen geringen Effekt haben.

Politische Ohnmacht

Die Gründe für die politische Handlungsunfähigkeit von Johnson liegen auch in der gegenwärtigen Machtarchitektur. Der Premier steht nach gut zwei Jahren im Amt erheblich unter Druck, auch und vor allem in den eigenen Reihen. Spätestens, als seine Tories bei einer Nachwahl Mitte Dezember erstmals seit fast 200 Jahren den Parlamentssitz in ihrer Hochburg North Shropshire verloren, war Johnson offiziell angezählt. «Noch ein Streich, und ich denke, es ist aus», sagte Tory-Veteran Roger Gale. Und der Sender Sky News zitierte einen «ehemaligen Verbündeten» Johnsons: «Er hat acht seiner neun Leben aufgebraucht.»

Johnson steht vor allem auch in seiner Partei massiv in der Kritik: Politische Beobachter gehen davon aus, dass er sich nicht mehr lange im Amt halten kann.
Johnson steht vor allem auch in seiner Partei massiv in der Kritik: Politische Beobachter gehen davon aus, dass er sich nicht mehr lange im Amt halten kann.Bild: keystone

Johnsons Macht in den Reihen der Konservativen war seit Herbst stetig immer weiter erodiert, mit Folgen für die Corona-Politik: Als Johnson die Regeln leicht verschärfen wollte, war er auf die Stimmen der Opposition angewiesen – fast 100 Tories stimmten im Unterhaus gegen ihn. Das Signal war klar: Bis hierhin und nicht weiter. Dass jüngst Brexit-Minister David Frost Differenzen über den Corona-Kurs abtrat, gilt als weiterer Schlag für Johnson.

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Wie lange hält sich Johnson noch?

Es sind auch eigene Fehler, mit denen sich der Premierminister in diese Lage gebracht hat. Zuletzt empörten sich die Briten nach Enthüllungen über mehrere Weihnachtsfeiern in der Downing Street und in anderen Regierungsgebäuden, während der Rest des Landes 2020 im Lockdown sass.

Johnsons Beliebtheitswerte bei der konservativen Basis sind auf einem Tiefpunkt. Es sei keine Frage, ob Johnson das Amt verliere, sondern wann, kommentierte die gut vernetzte BBC-Reporterin Laura Kuenssberg. Offen diskutieren britische Medien bereits über mögliche Nachfolger.

Johnsons Vorteil scheint momentan zu sein, dass niemand in dieser desaströsen Lage in Grossbritannien nach der Macht greifen möchte. Doch letztlich schaden der Machtkampf und die politische Lähmung der Pandemiebekämpfung. Denn vor allem eines ist für einen erfolgreichen Kampf unabdingbar: politische Stabilität. 

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