«Wie zum Geier soll ich dieses Ding verkaufen?»
Okay, das ist definitiv nicht gerade das alltäglichste Dilemma, in das man geraten kann, …
… denn: jawohl, richtig gesehen! Das ist ein WRIGHT FLYER!
Zur Erinnerung: Die Gebrüder Wright – Orville und Wilbur – waren es, die am 17. Dezember 1903 in Kittyhawk, North Carolina, den ersten erfolgreichen bemannten Motorflug der Geschichte unternahmen.
Wright Flyer I (Wright-Flieger Nr. 1) hiess jenes klapprige Flugaggregat, das von einem selbst konstruierten 4-Zylinder-Ottomotor angetrieben wurde, der mit zwei Schubpropellern verbunden war, während der Pilot auf dem Bauch liegend flog. Es war das Resultat einer 1899 mit Fesseldrachen und Gleitflugzeugen begonnenen Entwicklung, die danach über den Wright Flyer II zum ersten wirklich praktisch verwendbaren Flugzeug, dem Wright Flyer III von 1905, führte. (Mit der Trennung des Seitenruders vom Querruder zur unabhängigen Steuerung beim Gieren wurde der Flyer III zum ersten voll steuerbaren Flugzeug.)
Darauf folgte das Wright Model A von 1908, der erste Zweisitzer, der für militärische Testflüge und öffentliche Vorführungen gebaut wurde, und anschliessend das Wright Model B von 1910, das erste massengefertigte Flugzeug der Luftfahrtgeschichte.
(Wobei «massengefertigt» hier bedeutet: «Die Wright Company stellte knapp 40 Exemplare her und liess um die 60 weiteren von anderen Firmen in Lizenz bauen.»)
Und genau so ein Wright Flyer Model B aus dem Jahr 1911 steht nun zum Verkauf!
Wobei – okay, okay – eigentlich ist nur der Motor original. Das Flugwerk ist eine detailgetreue Replika eines der allerersten Militärflugzeuge der Geschichte, des Army Signal Corps Aircraft No. 4.
Komplett original ist aber der 1911 von The Wright Company in Dayton, Ohio, konstruierte Motor No. 33:
Original-Motor, Replika-Flugzeugzelle … aber letztendlich: Hey, schau's dir doch mal an!
Wie unglaublich cool ist das denn??
Während die allerersten beiden Wright Flyer I und II noch im Liegen pilotiert werden mussten, verfügt dieses spätere, verbesserte Model B über nicht nur einen, sondern gleich zwei Sitze für die Besatzung.
Und dazu noch so hübsche Sitze!
Übrigens: Die Doppelsitze sind leicht seitlich versetzt angeordnet.
Damit soll dem Gewicht des Motors entgegengewirkt werden, der ebenfalls etwas aussermittig, auf die andere Seite der Längsachse, positioniert ist.
Bekanntlich fingen die Gebrüder Wright mit einer Fahrrad-Reparaturwerkstatt an, bevor sie mit Fluggeräten zu experimentieren begannen.
Dies sieht man dem 1911 konstruierten Model B immer noch an, ...
… findet ihr nicht auch?
Kommen wir zurück zur eingangs des Artikels zitierten Dame – Ava Pumpelly heisst sie übrigens – und ihrer Frage, wie zur Hölle sie so etwas verkaufen soll: Der Antwort ist sie inzwischen näher gekommen, denn seit Neuestem ist das Teil beim bekannten Flugzeugmakler Aerista ausgeschrieben.
Clay Simmons von Aerista, sagte auf Anfrage von watson.ch: «Ein Flugzeug von so grosser historischer und kultureller Bedeutung verkaufen zu dürfen, ist eine unglaubliche Ehre. Als Flieger und als Fachleute stehen wir auf den Schultern von Giganten wie Wilbur und Orville und tragen die Verantwortung, das fortzuführen, was sie begonnen haben.»
Kostenpunkt? «Preis auf Anfrage», heisst es in der Annonce. Doch wenn es an den richtigen Käufer geht – typischerweise ein hochkarätiger Privatsammler, eine Luftfahrtstiftung oder ein grosses Museum –, wäre eine fundierte Schätzung irgendwo in der Höhe von zwischen 750'000 und weit über 2 Millionen Dollar. Der Grossteil des Werts geht auf den originalen Wright-Motor von 1911 zurück, da originale Motoren der Wright Company auf dem freien Markt praktisch nicht existent sind (die meisten sind dauerhaft in Institutionen wie dem Smithsonian oder dem National Museum of the USAF unter Verschluss).
Aber auch der Bau einer hochpräzisen und flugfähigen Nachbildung der Flugzeugzelle ist eine unglaublich arbeitsintensive und daher kostspielige ingenieurtechnische Meisterleistung. Zum Vergleich: Im Jahr 2003 kostete die Herstellung einer Wright-Flyer-Reproduktion für das 100-jährige Jubiläum der Luftfahrt (Centennial of Flight) die Ford Motor Co. rund 1.2 Millionen Dollar.
Ja, richtig gelesen! Das Ding fliegt. Beziehungsweise: flog – vor sechs Jahren zum letzten Mal, offenbar. Doch es kann «problemlos wieder in einen zertifiziert flugtauglichen Zustand versetzt werden».
Ein statisches Museumsexponat ist eines, aber ein mechanisch einwandfreies, flugfähiges Stück Geschichte, das genauso aussieht und klingt wie im Jahr 1911, gehört in eine ganz andere Wertklasse. Aerista verrät nur soviel: «Das Interesse an dem Flugzeug ist gross, und wir prüfen gerade aktiv die Interessenten!»
Aber wie hoch der Verkaufspreis am Ende auch sein mag: Hoffen wir einfach, dass der potenzielle Käufer das verdammte Teil auch tatsächlich fliegt!

