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Baby Reindeer: Deshalb wird Netflix in letzter Zeit so oft verklagt

Die Klagen gegen Netflix häufen sich – was ist da los?

Nicht nur wegen «Baby Reindeer» wird Netflix zurzeit verklagt. Immer wieder reichen Leute gegen Netflix Klagen ein. Meistens weil sie nicht damit einverstanden sind, wie sie in einer Serie, die auf ihren Geschichten basiert, dargestellt werden.
20.06.2024, 19:5724.06.2024, 08:49
Corina Mühle
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Anfang Juni reichte Fiona Harvey eine Klage in Höhe von 170 Millionen Dollar gegen Netflix ein. Sie behauptet, die Serie stelle sie fälschlicherweise als Sexualstraftäterin und zweifach verurteilte Stalkerin dar, die zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. In der Serie heisst Harveys Figur Martha, aber Fans der Serie haben Harvey schnell ausfindig gemacht, Netflix hat ihre Identität nicht ausreichend geschützt: Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der Serie soll Harvey online beleidigt und beschimpft worden sein. «Als Ergebnis der Lügen und des absolut rücksichtslosen Fehlverhaltens von [Netflix] wurde Harveys Leben ruiniert», heisst es in der Klage. In der Antwort erklärt Netflix, dass sie auf der Seite von Richard Gadd, dem Autoren und Schöpfer von «Baby Reindeer», stehe und sein «Recht, seine Geschichte zu erzählen», unterstütze.

Um die Serie, die zur meistgestreamten Netflix-Serie aller Zeiten werden könnte, ranken sich aber noch mehr Skandale. Zwei Monate vor Harveys Klage hatte die trans Schauspielerin Reece Lyons auf X gepostet, dass ein ungenannter männlicher Autor einer Netflix-Serie sie romantisch verfolgte, während er sie gleichzeitig mit einer Rolle lockte, die er für eine trans Frau geschrieben hatte. Wie im Fall von Harvey wurde Gadd in den sozialen Medien und in anschliessenden Nachrichtenberichten schnell als der unbenannte Autor identifiziert. Weder Netflix noch Gadd haben sich zu der Situation geäussert.

Dies wirft Fragen zur Verantwortung von einem Milliarden-schweren Unternehmen auf, und ob diese ausreichend wahrgenommen werden.

Klage nach Klage

Doch Harveys Klage gegen Netflix ist nur die letzte, die von Menschen eingereicht wurde, die sagen, sie wurden vom rücksichtslosen Verhalten von Netflix geschädigt.

Die Autorin Rachel DeLoache Williams, auf deren Buch «Inventing Anna» basiert, kommt in der gleichnamigen Netflix-Serie sehr schlecht weg. Sie steckt mitten in einem Rechtsstreit mit Netflix.

inventing anna
Rachel Williams wird in «Inventing Anna» von Katie Lowes gespielt.Bild: netflix

Weiter verklagte das inzwischen aufgelöste Unternehmen OneTaste, das gegen eine Gebühr tantrischen Sex lehrte, Netflix wegen Verleumdung im Zusammenhang mit der 2022 erschienenen Dokumentation «Orgasm Inc.». Die Klage wurde abgewiesen, ist allerdings in der Berufungsphase.

Auch die Doku «Dancing for the Devil: The 7M TikTok Cult», die im März veröffentlicht wurde, zog Folgen für reale Personen nach sich. Die Tänzerin Miranda Derrick wird in der Doku als indoktriniertes Mitglied der Shekinah-Kirche dargestellt. Sie sagt, das sei eine einseitige Darstellung und sie hat online viele Todesdrohungen erhalten.

Auch erst diesen Monat musste Netflix eine Million US-Dollar an eine gemeinnützige Organisation bezahlen und einen Disclaimer vom Ende an den Anfang der Serie «When They See Us» schieben. In dieser Serie geht es um den Fall der Central Park Five. Die Richterin Linda Fairstein, die darin involviert war, verklagte Netflix, weil diese sie als Rassistin darstellten. Faistein hat von der Klage kein Geld erhalten.

Das sind nur einige der Klagen, die gegen Netflix eingereicht wurden. Nicht zu vergessen sind die Klagen wegen des Streaming-Hits «Dahmer» und der Klage von Ägypterinnen und Ägypter wegen der Darstellung von Kleopatra in einer neuen Dokumentation.

In den letzten Jahren wurde gegen Netflix also ganz schön oft geklagt. Wie erfolgreich diese Klagen sind, wird sich bei den meisten aber erst noch zeigen.

«Netflix nimmt es locker mit den Fakten»

Das Problem ist, dass Netflix diese Shows als Wahrheit präsentiert, sagt die Rechtsanwältin Jennifer Bonjean, die OneTaste vertritt. «Sie sind aber weit von der Wahrheit entfernt. Und Menschen werden dabei verletzt.»

Es ist nicht nur Netflix, die mit Klagen konfrontiert wird, aber «Netflix nimmt es sehr locker mit den Fakten», so Bonjean.

In «Baby Reindeer» ist Martha nicht die einzige Figur, die von Internet-Detektiven entlarvt wurde. Auf Reddit versuchen Menschen herauszufinden, wer Darrien O'Connor, der Fernsehautor, der Gadd unter Drogen sexuell missbraucht, ist. Der Verdacht fiel auf den Autor Sam Bain. «Kürzlich erhielt ich Nachrichten in den sozialen Medien, in denen ich gefragt wurde, ob ich Darrien von ‹Baby Reindeer› sei. Da ich die Serie nicht gesehen hatte, schienen es unschuldige Fragen zu sein; erst später wurde mir klar, dass sie mich fragten, ob ich ein Vergewaltiger sei, ein abscheulicher Gedanke», erzählte Bain gegenüber Variety. Bain hat Gadd noch nie getroffen.

baby reindeer
Martha ist in «Baby Reindeer» eine skrupellose Stalkerin, die bereits im Gefängnis war.Bild: netflix

In der Doku-Serien-Branche sei man sich einig, dass die rechtlichen Genehmigungen für «Baby Reindeer» falsch gehandhabt wurden. Laut Variety sind viele auch empört, dass Netflix keine unabhängigen Untersuchungen nach Lyons Aussagen auf X eingeleitet hat. Lyon wollte zuerst nicht mit Gadd ausgehen, sie schreibt: «Ich hielt es nicht für klug, gleichzeitig miteinander auszugehen und gleichzeitig für seine Show vorzusprechen». Er habe sie dann aber überredet, doch mit ihm auszugehen.

Berichten zufolge untersuchte der Produzent von «Baby Reindeer» Gadd und sprach ihn von jeglichem Fehlverhalten frei. Es wurde gesagt, dass Gadd nicht das letzte Wort bei Casting-Entscheidungen hatte. Aber diejenigen, die mit der Produktion vertraut sind, sagen, dass Gadd das Casting mikroskopisch genau gesteuert und seine Agenten gefeuert hat, nachdem diese und Netflix darauf gedrängt hatten, Melissa McCarthy für die Rolle der Martha zu besetzen.

Dennoch wird gesagt, Netflix sei nicht anfälliger für Klagen als andere Streamingdienst-Anbieter. Nick Soltman vertritt Meghan Markle in einer Verleumdungsklage ihrer Halbschwester, die auf die Netflix-Dokuserie «Harry & Meghan» zurückgeht: «Ich denke, es hat weniger damit zu tun, dass Netflix ein besonders skandalöser Straftäter ist, sondern eher damit, dass Netflix viele Inhalte herausbringt. Es gibt einfach mehr Personen, die in einer Netflix-Show oder einem Netflix-Film dargestellt werden, weil es so viele Netflix-Produkte gibt.»

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67 Kommentare
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Urs Kipfert
20.06.2024 20:32registriert Februar 2019
Man könnte es auch so sehen: Netflix will gar nicht um jeden Preis verhindern, dass solche "Negativ-Publicity" aufkommt.
Bei einer Klage wird erneut über einen Film oder eine Serie geschrieben. Soviel Werbung könnte Netflix gar nicht kaufen.
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El_Chorche
20.06.2024 20:13registriert März 2021
Mich und meine Geschichte haben sie auf Prime in Fallout auch völlig verdreht dargestellt... aber in der Schweiz haben solcherlei Klagen leider einen schweren Stand.
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⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡
20.06.2024 20:11registriert Januar 2014
Relevant sind nicht dass Netflix angeklakt wird, sondern wie die Klagen ausgehen.
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