Das letzte Urteil – eine Halloween-Geschichte
Jetzt hat er mich gesehen. Zum ersten Mal. Der süsse Tomas. Der drahtige Tomas mit seinen langen Fingern.
Tomas. To-Mas. ToooooMasssss!
Tsss Tsss Tsssssss sss ss s
Toller toller Tolmas
Ich werd' dir deine Griffel brechen. Und dann den Rest.
In Zimmer 17 wohnt Frau Galeen. Darin stehen ein Tisch und ein Bett, daneben ein kleines Nachttischli, auf dem aber keine Bücher liegen, weil sie irgendwann meinte, die Worte darin seien nicht mehr lesbar.
Also hat Dr. Brenner damit aufgehört, ihr welche zu geben. Ein Handy gibt es da natürlich auch nicht. Dafür hat sie eine äusserst geräumige Schminkkommode, so eine alte aus Holz mit einer Marmorplatte obendrauf. Dort hat sie ihr gesamtes kosmetisches Arsenal ausgebreitet.
Im Kleiderschrank an der Wand gegenüber hängen sieben schwarze Kleider, alle identisch, für jeden Tag eines. Darunter, säuberlich aufgereiht die schwarzen Stilettos, sieben identische Paare, für jeden Tag eines.
Alles bereit, damit sie ihre Rolle spielen kann. Frau Galeen hat nämlich vergessen, wer sie ist.
Der riesige Spiegel, der über Frau Galeens Schminkkommode thront, ist aus Plexiglas. Bruchsicher, damit es keine Scherben gibt. Das könnte sonst gefährlich werden für sie. Oder für uns.
Aber Frau Galeen ist noch nie ausfällig geworden, und sie befindet sich schon sehr lange in Dr. Brenners Obhut. Er weiss nicht, woher sie gekommen ist. Sie sei nach dem Tod ihres Mannes einfach mit ihrem riesigen Überseekoffer vor der Tür gestanden und meinte: «Guten Abend der Herr, bitte geleiten Sie mich in mein neues Domizil.»
Und Dr. Brenner tat es, gebannt von der Frau, die sieben Mal die Woche dasselbe Kostüm aus dem Schrank nahm, um uns die Frau Oberrichterin vorzuführen.
Sitzungsprotokoll vom 31. Oktober 2022
Patientin: Elsa Galeen
Geführt von: Dr. med. F. Brenner
Dr. Brenner: Wer sind Sie?
Frau Galeen: Die Frau Oberrichterin, sagen Sie jetzt bloss, Sie kennen mich nicht mehr!
Dr. Brenner: Aber natürlich tu' ich das, bitte entschuldigen Sie.
Frau Galeen: Entschuldigen ist nicht mein Bereich, ich arbeite im Strafwesen. Wenn Sie sich nach Vergebung sehnen, gehen Sie zu Pfarrer Heinrich. Bei mir gibt's keine Ave Marias. Bloss Gitterstäbe und Gerechtigkeit.
Dr. Brenner: Ich habe doch aber gar nichts verbrochen.
Frau Galeen: Ihr alle habt etwas verbrochen.
Dr. Brenner: Wen meinen Sie denn mit «alle»?
Frau Galeen: Ihr gesammeltes Geschlecht.
Dr. Brenner: Ist das nicht ein wenig zu pauschal?
Frau Galeen: Nein.
Dr. Brenner: Aber Sie sind doch Oberrichterin, haben Sie für Ihre Anschuldigung denn Beweise?
Frau Galeen: Halten Sie mich für eine Idiotin?
Dr. Brenner: Keineswegs. Ich würde Ihnen nur gern folgen können.
Frau Galeen: Immer schön der Blutspur nach.
«Um zu sein, muss sie spielen, sonst löst sie sich im Nichts auf», sagt Dr. Brenner, aber ich bin mir da nicht so sicher. Vielleicht hatte Frau Galeen auch einfach keine Lust mehr auf ihr eigenes Leben. Also ist sie es losgeworden, um stattdessen in einem anderen aufzugehen. Aber zwanghaft erschien sie mir nie. Sie blieb stets Herrin ihres Spiels, das sie frei, ja geradezu schelmisch betrieb.
Bis jetzt jedenfalls.
Gestern aber, als ich ihr zur gewohnten Zeit ihr Käsesandwich brachte, empfing sie mich in ihrem Nachthemd. All die Jahre hatte ich sie immer nur kostümiert gesehen, doch an jenem Abend nicht. Ich versuchte, meine Verwirrung darüber zu verbergen und nahm mir viel Zeit, das Tablett auf den Tisch zu stellen. Im Spiegel sah ich, dass sie nun ganz dicht hinter mir stand. Ihr ungeschminktes Gesicht schien wie festgezurrt, als zöge etwas so fest an ihrer Haut, dass sich ihre Mundwinkel immer weiter voneinander entfernten. Sie fletschte die immer dünner werdenden Lefzen, fletschte so lange, bis sie zerrissen und ein blutender, klaffender Schlund alles war, was von der Fratze im Spiegel übrig blieb.
Ich starrte in den Abgrund und spürte, wie mich alle Spannkraft verliess, wie der Schlund sie aus mir heraussog und mein Körper in sich zusammenfiel.
Dann lag ich am Boden. Für Gott weiss wie lange. Auch die Zeit hatte sie mir genommen. Irgendwann bückte sie sich zu mir herunter, ich schloss sofort die Augen. Ich wollte ihr nicht noch den letzten Rest meiner Energie überlassen. Ich fühlte ihre Hand auf meiner, und unter ihrer fast sanften Berührung brachen meine Finger wie Salzstangen. Mein Schrei zerfiel noch auf dem Weg.
«Warum hast du denn so lange Griffel?», fragte es aus dem Schlund, in das Knacken meiner Knochen hinein.
«Damit du besser würgen kannst?»
Als ich wieder erwachte, lag ich im Personalbett. Neben mir auf dem Tischchen stand eine Wasserflasche, ich trank sie in einem Zug leer. Ich fühlte mich fiebrig und der kalt gewordene Schweiss schien mir nicht nur die Glieder, sondern auch meine Sinne zu verkleben. Der Schrecken der Nacht aber fand seinen Weg zurück in meinen Kopf. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass sich die Finger meiner linken Hand allesamt mühelos bewegen liessen. Da war kein Schmerz, da war bloss ein Ring. Ich versuchte, ihn abzustreifen, doch er sass fest.
«Warum trägst du Frau Galeens Ring?», hörte ich plötzlich Dr. Brenners Stimme aus der dunklen Ecke des Zimmers fragen. Sie klang wie eine Stimme, die es gewohnt war, über alles Bescheid zu wissen. Dass dies im vorliegenden Falle nicht so war, liess sie vor Fassungslosigkeit beben. Das hier war seine Klinik und Frau Galeen seine favorisierte Patientin. Keines ihrer Worte blieb undokumentiert, er raffte alles zusammen und hielt es für sich fest, um dann in späteren Stunden in seinem Arbeitszimmer hemmungslos fasziniert darüber zu brüten. Und nun war etwas Aussergewöhnliches geschehen, und er hatte es nicht nur verpasst, ich war statt seiner anwesend gewesen. Dafür verachtete er mich. Und dafür bohrte er seine Frage wie eine glühende Lanze in mein Fleisch.
«Ich … ich weiss es nicht», gab ich zögernd zurück. «Ich weiss überhaupt nicht, was geschehen ist», fasste ich meine grenzenlose Ahnungslosigkeit die vergangenen Geschehnisse betreffend zusammen.
Die Lanze zischte. Und Dr. Brenner nickte. Dann meinte er: «Die Frau Oberrichterin hat mich gestern um 23.20 angerufen. Sie war gänzlich aufgelöst und meinte, du seist einfach in ihrem Zimmer zusammengebrochen.»
«Die Frau Oberrichterin?», fragte ich erstaunt zurück.
«Ja, warum?» Jetzt klang er wieder ungehalten.
«Weil sie gestern nicht entsprechend gekleidet war», erklärte ich ihm möglichst ruhig.
«Was meinst du damit?», herrschte er mich an.
«Sie trug nur ein Nachthemd», sagte ich. «Kein Kostüm, keine Rolle.»
«Das kann nicht sein!», schrie er. «Nein! Neinneinnein!» Er sprang auf und begann nervös auf und ab zu gehen«. Das ist unmöglich! Es gibt nur die Oberrichterin! Ich selbst hab sie sieben Jahre lang geformt! Sie ist das Gefäss, sie hätte ...»
Der Satz brach ab. «Erzähl mir alles», meinte er stattdessen trocken. Er holte sein Diktiergerät aus der Hosentasche und stellte es an. Den Stuhl schob er vor mein Bett und setzte sich hin. Sein Blick war stechend. Er hasste diesen Moment der Abhängigkeit, hasste mich so sehr, dass sich seine Ader bedrohlich aus der Stirn herauszuschälen begann. Blau pulsierend wölbte sich der enge Kanal unter der wallenden Wutflut, wand sich wie eine zu prall gefüllte Schlange über seinen Brauen.
«Ich warte», sagte er gequält.
Also begann ich zu erzählen. Erst vom seltsam verzerrten Gesicht im Spiegel, das nicht mehr das von Frau Galeen war. Dr. Brenner wollte Details. Zeichnen soll ich diese Zurrfratze, befahl er mir. Also zeichnete ich. Und bald malte meine Hand wie von selbst in immer wilder werdenden Kreisen, die sich spiralförmig ins Papier hineindrehten, bis es riss.
«Der Schlund,» schloss Dr. Brenner und stellte das Diktiergerät ab.
Es war die Art, wie er es sagte. Als hätte er ihn erwartet. Nicht als Symbol in einer Trauma-Erzählung, nicht als Sinnbild eines unfassbar gewaltsamen Aktes, sondern als das, was er war: eine die Natur übersteigende Kraft. Etwas, das jenseits des Verstandes ein dunkles Dasein fristet. Und Dr. Brenner war davon weder irritiert noch überrascht, viel eher hiess er es willkommen wie ein lang ersehntes Kind.
Was war hier los?
Ich atmete tief ein und versuchte meiner Verwirrung Herr zu werden. Sie durfte jetzt nicht in lähmende Angst kippen. Bang suchte ich Halt an seiner Stirnschlange, aber sie war verschwunden. Nur ein paar Schweisströpfchen zeugten von der vergangenen Anstrengung. Kurz darauf verliess Dr. Brenner das Zimmer.
Ich weiss nicht mehr, wie lange ich auf meinem Bett sitzen geblieben war. Ich versuchte, das mir Widerfahrene zu ordnen, doch die gängigen Gedankengänge liefen allesamt ins Leere. In mir würde ich rein gar nichts finden, was mich der Wahrheit näherbrächte. Ich hatte keine Sprache dafür.
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Als ich auf die Uhr schaute, war es bereits nach drei Uhr nachts. Ich musste vor lauter Erschöpfung eingeschlafen sein. Die Stimme der Oberrichterin hatte mich geweckt, ich hörte, wie sie oben in ihrem Zimmer mit Dr. Brenner sprach. Der genaue Inhalt war nicht zu verstehen, aber sie klang aufgebracht.
Das war der Moment. Ich stand auf, lief den Flur hinunter und betrat Dr. Brenners Arbeitszimmer. Die Tischlampe brannte noch immer, unzählige, durcheinander geratene Papiere lagen im Schein darunter. Als hätte zuvor auch Dr. Brenner hastig darin geblättert. Meine Finger zitterten wahllos über die Gesprächsprotokolle und klinischen Einschätzungen. Alle betrafen den Fall Elsa Galeen. Und alle waren in der etwas gestauchten Handschrift des Doktors gehalten.
Plötzlich hielt meine Hand inne. Vielleicht war ich es selbst, mich zu einem systematischeren Vorgehen zwingend. Ein Versuch, das Grauen zu steuern, das in meine Glieder gefahren war und sie gerade im Augenblick grösster Gefahr so unbrauchbar machte. Vielleicht aber auch nicht. Meine linke Hand schien ohne mein Zutun zu wissen, wohin sie sich wenden musste.
Der Ring. Er zog sie mit sich, zum ältesten Eintrag, der aus dem Jahr 2019 stammte. Frau Galeen kam erst drei Jahre später in Dr. Brenners Klinik. Er hatte sie also schon davor gekannt. Und sogar behandelt. Damals war er noch Psychiater am Zentrum für seelische Gesundheit Eichberg. Dem Aufnahmebericht entnahm ich, dass ihr Mann, Walter Galeen, Oberrichter am Obergericht des Kantons Zürich war. Die beiden waren zu diesem Zeitpunkt 27 Jahre lang verheiratet.
Ich las weiter:
Zürich, ZSG Eichberg, 2. Juni 2019: Patientin gibt an, ihren Mann zu hassen, sie ertrage Ungerechtigkeit nicht mehr, die er kraft seines Amtes doch aus der Welt schaffen müsste. Sie wisse um «sein System».
Zürich, ZSG Eichberg, 23. August 2019: Galeens Wut ist von ausserordentlicher Intensität, angefacht durch einen übersteigerten Gerechtigkeitssinn, gepaart mit der Ohnmacht einer Frau, die keine Mittel und Möglichkeiten hat, am System etwas zu ändern.
-> Beginn einer sich abzeichnenden Désagrégation im Sinne M.s?
-> Natürlichen Verlauf dokumentieren, Optionen der Steigerung prüfen, niedrig dosierte Dissoziativa, Ketamin?
Zürich, ZSG Eichberg, 27. Oktober 2019: Galeen bittet um stationäre Aufnahme aus Angst vor Gewalteskalation. Unterbringung in Zimmer 354.
Einrichtung demoliert, Stuhl an die Wand geschlagen, Bettzeug zerrissen. Bemerkenswerte Kraft für ihre zierliche Person.
-> Videoüberwachung von Dr. Hagenbach genehmigt, akute Selbstgefährdung :-)
Plötzliche Veränderung von Galeens Gesichtsausdruck; eisern, bestimmt. Erste Anzeichen einer gelungenen Désagrégation, Stadium 2
Zürich, ZSG Eichberg, 31. Oktober 2019: Besuch des Ehemanns angemeldet, 14.15 Uhr, Gesprächszimmer 3. Keine Aufsicht angeordnet.
-> Stadium 2 soll ungestört reifen.
Die weiteren Sitzungen beschrieben eingehend, wie Dr. Brenner «die Persona der Oberrichterin» in der Folge stabilisierte, wie er die sogenannte «forcierte Konsolidierung» vorantrieb. Wie er sie über Kennwörter und Gerüche tief in Frau Galeens Unterbewusstsein verankerte, während er ihr eigentliches Ich systematisch zerstörte. Oder zu zerstören versuchte. Denn was ich an jenem Abend sah, war nicht die Frau Oberrichterin. Keine Ahnung, was es war, der unheimliche Rest einer ins Nichts gestossenen Seele, ein Schattenwesen, das sich von fremdem Leben ernährt.
Mir wurde übel, aber meine Hand suchte weiter und fand etwas noch viel Älteres, Schmales, eingebunden in braunes Leinen. Es war die Schrift eines gewissen Pater Alois Mesmers aus dem Jahr 1871: «De Natura Daemoniaca Hysteriae». Darunter, etwas kleiner, stand: «Ein Traktat zur Entstehung paranormaler Kräfte durch Zorn in der gespaltenen Seele». Mehr konnte ich nicht entziffern, alles war in dieser alten deutschen Schrift gedruckt worden. Aber ich hatte M. gefunden.
Meine Finger sprangen rastlos weiter und begannen, in den Schubladen zu wühlen. In der unteren stiessen sie auf einen gerichtsmedizinischen Bericht über den Tod des Oberrichters Walter Galeen, der am 31. Oktober 2019 in Gesprächszimmer 2 des ZSG Eichberg an «akutem Kreislaufversagen» verstorben war. Dr. Brenner hatte die Stellen «stark eingefallenes Gesicht wie nach wochenlangem Hungern» und «ausgeprägte Muskelatrophie» angestrichen und darunter den Satz vermerkt:
Erfolgreiche Auszehrung durch vollendete Désagrégation im Sinne Ms.
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Dann hörte ich es. Erst hielt ich es für Einbildung, eine Fabulation meines entkräfteten Geistes, doch die Stimme wurde lauter. Sie rief nach mir.
Tomas, Tomäschen, Tomätchen, sag, was hast du getan?
Warum hast du ihr so lange die Luft abgeschnürt, bis sie ganz blau war?
Bald ist's aus. Bald ist's still. Bald ist keiner mehr von euch übrig.
Im nächsten Augenblick stand ich in Zimmer 17. Sie stand vor ihrem Spiegel, in ihren Stilettos. Der dünne Hals ragte aus ihrem Nachthemd wie ein Stumpf.
«Willkommen», sagte sie mit dem Rücken zu mir, während ihre Hand präsentierend durch den Raum flog, in dem ich schon so viele Male zuvor gewesen war. Nur lag jetzt Dr. Brenner in der Ecke. Zerknüllt wie ein achtlos weggeworfenes Stück Papier. Seine Finger waren unnatürlich in alle Richtungen verkrümmt und über seinen Knochen lag ledern die Haut eines hundertjährigen Mannes.
«Wie war dein Tag, Liebchen, hast du brav für Gerechtigkeit gesorgt?», fragte sie, und im selben Augenblick begann der Ring zu glühen. Ich schrie auf vor Schmerz, während sich das Metall dampfend in meinen Finger frass. Jetzt sass es fest für die Ewigkeit.
«Ich bin's doch, Thomas!», versuchte ich an den verbliebenen Kern Mensch zu appellieren, der vielleicht noch in ihr drin steckte.
«Thomas, Walter, Michael, eure Namen sind mir einerlei», gab sie zurück.
Im Spiegel sah ich, wie sie ihren roten Lippenstift ansetzte. Doch da, wo er auftraf, waren schon keine Lippen mehr. Dann drehte sie sich ruckartig um.
«Aber ich habe doch nichts verbrochen!», schrie ich.
«Ihr alle habt etwas verbrochen», sagte der Schlund.
