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Das Joller-Haus in Stans, in dem ein Poltergeist sein Unwesen trieb.  bild: quilaztli.over-blog

Das Joller-Haus: Die rachsüchtige Seele der Stanser Grossmutter, die ihren Enkel ins Grab polterte

Melchior Joller, ein geachteter Anwalt und liberaler Nationalrat wurde im Jahr 1862 vom Geist seiner Grossmutter um den Verstand gebracht: Ein schweres, starrsinniges Weibsbild, das sich gegen Napoleon und jede aufklärerische Idee stellte, die von der Welt in ihr Bergtal dringen mochte ...



Auf der Spichermatt in Stans stand bis vor fünf Jahren ein altes, stattliches Bauernhaus. Darin wohnte Melchior Joller, ein angesehener Rechtsanwalt und Nationalrat der Liberalen. Ein Mann der Ratio, der nicht an übersinnliche Dinge glaubte – bis ihn der Geist seiner Grossmutter Veronika Gut im Jahre 1862 in den Wahnsinn trieb. 

Portrait des 22-jährigen Melchior Joller (1840).

Das Portrait des 22-jährigen Melchior Joller (ca. 1840) hängt im Nidwaldner Museum.  bild: nidwaldner museum

Das Poltern, das dieser Geist veranstalte, war so laut, dass die Leute verwundert vor dem Anwesen stehen blieben. Faustgrosse Steine flogen aus dem Haus, Äpfel hüpften durch die Küche, Möbel wirbelten durch die Zimmer, Fenster wurden auf- und wieder zugeschlagen, ein brauner Armknochen schwebte im Raum. Und manchmal berührte etwas wie «spitze, kalte Hundekrallen» Melchior Jollers Gesicht. 

Sein Sohn Oskar war neun Jahre alt, als er die weisse Gestalt in der Holzkammer sah und vor lauter Angst in Ohnmacht fiel. 

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gif: watson

«Gegen 8 Uhr des Morgens war ich Zeuge von dem sonderbaren Herumhopfen eines Apfels.»

Tagebucheintrag Melchior Jollers vom 16. September 1862.

Die Leute lachten über den Nationalrat und seine Spukgeschichten, der bald schon die Behörden über das seltsame Treiben in seinem Haus informierte. Der Regierungsrat schickte eine Untersuchungskommission hin und die Familie Joller zog für ein paar Tage aus. Doch die Männer versuchten nicht die Anwesenheit eines Geistes zu prüfen, sondern fahndeten nur nach Betrügereien der Jollers. Sie fanden nichts. Und dieses Nichts bedeutete für Melchior das Ende. Er zog mit Frau und Kindern nach Rom, wo er vergeblich um eine Audienz beim Papst bat. 1865 starb er als gebrochener Mann. Er war 47 Jahre alt. 

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Melchior Joller und seine Familie. bild: wikimedia, bearbeitung watson

Nur wer war diese Frau, die ihren Enkel das Grausen lehrte? 

Die trotzige Bauernseele der Veronika Gut

9'000 Bewohner zählte man in Nidwalden im Jahr 1798. Es war das Jahr, in dem die Alte Eidgenossenschaft unter dem Druck der revolutionären französischen Truppen zusammenbrach. Napoleon war gekommen und errichtete die Helvetische Republik. Jetzt mussten ihre Bürger nur noch auf die neue Verfassung schwören; auf die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit. 

«Freyheit! Möchte wissen, wer das Wort erfunden hat. Freyheit! An welchem Tag schuf Gott die? Und hat er sie nicht erschaffen, woher kam sie denn? Hütet Euch wohl, die neue Konstitution anzunehmen. Sie ist des Teufels Werk.»

Kaplan Kaisers Wutrede auf die neue Verfassung in der Kirche zu Stans quelle: zit. nach alex capus, 13 wahre Geschichten

Die Bevölkerung der Stadt Zürich schwört den Bürgereid auf die Helvetische Verfassung

Die Bevölkerung der Stadt Zürich leistet auf dem Lindenhof den Eid auf die Helvetische Republik, 1798. bild: wikimedia

Aber die ländlichen Nidwaldner schwörten allein auf Gott. Sicher nicht auf ein fremdes Papier, auf dem noch fremdere Gesetze standen, die ihnen ihre Privilegien wegnahmen. Sollen doch die von «ennet dem See» schwören, auf was sie wollen. Die Vaterländer aber – so nannte man damals das konservative Lager – würden für die gottgewollte alte Ordnung kämpfen – bis zum bitteren Ende. 

Der Kopf der Aufmüpfigen war weiblich, starrsinnig, tief katholisch und gehörte Veronika Gut, der Grossmutter von Melchior Joller. «Es grosses, schwärs Wiibervolch» sei sie gewesen, schrieb der Enkel in sein Tagebuch. Die reiche Bäuerin fuhr morgens mit einem Boot über den Vierwaldstättersee an den Luzerner Markt, wo sie Obst und Gemüse verkaufte und mit Pistolen, Gewehren und Schiesspulver zurückkam. Ihr ganzes Wesen war durchdrungen von dieser einen Sache: Die Unabhängigkeit ihres heimatlichen Bergtals musste gewahrt bleiben. Keine übergeordnete Bürokraten und schon gar kein kleiner Korse darf von draussen in ihre kleine Welt hineinfummeln. 

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Leider existiert kein Bild von Veronika Gut, aber diese Bäuerin, gemalt von Albin Egger-Lienz (1918), sieht auch aus, als liesse sich nichts befehlen.  bild: reproarte, bearbeitung watson

Veronika Gut hielt auf der Spichermatt heimliche Sitzungen ab und wetterte gegen die Patrioten – das Lager der Franzosenfreunde. Sie flüsterte böse Gerüchte durch manch einen Türspalt: Der Mann, der die Nidwaldner zum Schwur auf die Helvetische Republik bewegen sollte, habe an einem Fastentag «tüchtig Braten gegessen». Gezielt schürte sie den Hass auf diesen armen Tropf, der dann prompt von den Vaterländern gefangen genommen wurde. 

Das ging der helvetischen Zentralregierung zu weit. Zeit, dieses störrische, zwischen den Bergen eingeklemmte Bauernvolk zur Vernunft zu bringen. 

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Die Schreckenstage von Nidwalden: Der Kampf am Allweg. Xylographie von A. Beck um 1870.  bild: ennetmoos

Am 9. September kamen die französischen Bataillone über die Berge. 1'200 Nidwaldner stellten sich ihnen mit den geschmuggelten Waffen von Veronika Gut entgegen. Sie hatten nicht den Hauch einer Chance. Nach wenigen Stunden schon war der Kampf vorüber. Auf dem rauchenden Schlachtfeld lagen etwa 170 Nidwaldner, darunter Veronika Guts Sohn Leonz. 350 Frauen, Kinder und Greise fielen den französischen Raubzügen zum Opfer. Die Spichermatte, das Nest des Widerstands, brannte bis auf die Grundmauern nieder. 

Veronika Gut wurde verhaftet. Ihr wurde ein Schild um den Hals gehängt, auf dem zu lesen war: «Ruhestörende Lügnerin». Wahrscheinlich trug es dieses bockige Weibsbild wie eine Auszeichnung. 20 Meter von der Brandstelle baute sie ihr neues Haus auf und begann sofort von Neuem mit der niederträchtigen Agitation. Nach und nach verschwanden die Patrioten, sie packten ihre Frauen und Kinder auf die Heuwaagen und fuhren weg aus Nidwalden. 

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Symbolbild (Jean-Baptiste Camille Corot, Heuwagen, ca. 1865).  bild: malerei-meisterwerke

Am 11. September 1801 mussten die Franzosen schon wieder einrücken. Diesmal kamen sie mit 600 Soldaten, um den Nidwaldner Vaterländern klar zu machen, dass ihre aussenpolitischen Bemühungen, Hilfe von Österreich, Russland, Preussen, Spanien und Grossbritannien für den Kampf gegen Napoleon zu bekommen, nicht weiter geduldet wurden. 

In der Nacht vor dem Einmarsch floh Veronika mit ihren vier Töchtern. Sie kämpften sich durch den peitschenden Regen, und als sie den unruhigen Fluss Engelberger Aa überqueren wollten, brach der Steg ein. Veronika entstieg den Fluten ohne ihre vier Mädchen.

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Symbolbild (Johann Christian Michael Ezdorf, Reissender Wildbach in romantischer Ideallandschaft, ca. 1825). bild: gemaeldeundgrafik

Die Franzosen aber kamen in dieser Nacht nicht, um zu morden und zu brennen, so wie es Veronika Gut vor ihrer überstürzten Flucht zugetragen wurde. Sie kamen erst am nächsten Morgen, friedlich. Ihre vier Töchter waren umsonst gestorben. 

Noch ein letztes Mal bäumte sich die Unzerstörbare auf. Als die Kantone nach Napoleons Niederlage allmählich wieder zu ihrem alten Bund der Eidgenossen zurückkehrten, propagierte sie die absolute Isolation Nidwaldens. Ihre Heimat sollte nicht einmal mehr mit den Eidgenossen verbunden sein. Aber selbst ihre «Stäckli-Buebe», eine handvoll muskulöser Jünglinge, konnten mit ihren Stangen die erhobenen Hände für die Annahme der Bundesverfassung nicht mehr niederprügeln. 

Erinnerungsblatt an das Inkrafttreten der ersten Bundesverfassung am 12. September 1848.

Am 17. August 1815 landeten eidgenössische Invasionstruppen in Stansstad. Von jenem Tag an war Nidwalden ein treues, wenn auch widerborstiges Mitglied der Eidgenossenschaft. Im Bild: Die Bundesverfassung vom 12. September 1848, mit der die Schweiz vom Staatenbund zum Bundesstaat geeint wurde. bild: wikimedia

Vergrämt und vereinsamt zog die Bauersfrau an die Nägeligasse. Das Nachbarsmädchen erinnert sich noch gut an die verhärmte Alte, die das Leben kaum mehr ertrug: 

«Diese Frau, noch ganz durchdrungen von der Bitterkeit des erlittenen Unrechts, konnte nicht begreifen, dass ein junges Geschlecht wieder sorglos heranwuchs und dass es wieder Leute gab, die trotz dieser Vergangenheit lachen und scherzen mochten.»

Erinnerung des Nachbarsmädchens quelle: zit. nach alex capus, 13 wahre Geschichten

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Symbolbild: Veronika Gut wurde mit 71 Jahren «als geachtete, mildtätige und fromme Frau» auf dem Friedhof von Stans beigesetzt.  bild: shutterstock

Am 28. April 1829 starb Veronika Gut. Und vielleicht tat sie das sogar aus reinem Trotz, nur um dann ihrem Enkel Melchior Joller – dem Sohn ihres einzig überlebenden Kindes – als schauerliche weisse Gestalt zu erscheinen, im Haus Stühle herumzuwirbeln und ihn mit ihren «spitzen, kalten Hundekrallen» langsam in den Tod zu streicheln. 

Denn er hatte sich auf die falsche Seite geschlagen. Auf die Seite der Liberalen. 

Wie Veronika Guts trotzige Bauernseele obdachlos wurde

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Das Joller-Haus kurz vor dem Abriss im Februar 2010. bild: kultpavillonblog, bearbeitung watson

Hermann Beyeler wollte auf der Spichermatt den «Kristall-Hybrid-Stans-Nord» hinpflanzen. Ein 75 Meter hohes Luxushotel mit Läden und Wohnungen. Ein neues Wahrzeichen für Stans, in dessen gläserne und stählerne Mitte das Joller Haus hineingebaut werden sollte. Mitsamt Veronika Guts Geist, der dort mit seinem Gepoltere den Spuktourismus ordentlich ankurbeln sollte. Doch in Stans wollte man von dem Projekt nichts wissen. Zu massig. Verträgt sich ganz und gar nicht mit der Landschaft. 

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So hätte das Viersterne-Hotel ausgesehen. bild: projectconsult

Also hat man sich auf eine Überbauung mit 40 Wohnungen geeinigt. Die Bagger kamen und rissen das Joller-Haus ein. 

Was bleibt, sind ein paar Butzenscheiben, aus denen einst Äpfel und Steine flogen, und die jetzt irgendwo auf Ebay feil geboten werden. Oder sich vielleicht schon im Besitze eines Geister-Verliebten befinden, der sich ein letztes Relikt dieses wundersamen Spukes sichern wollte. Wo die obdachlos gewordene Seele der Veronika Gut abgeblieben ist, weiss allerdings niemand. 

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bild: shutterstock

Quellen: Tagebuchaufzeichnungen von Melchior Joller: Darstellung selbsterlebter mystischer Erscheinungen (1863), Hans Peter Roth, Niklaus Maurer: Orte des Grauens in der Schweiz, Lukas Vogel: Schreckliche Gesellschaft. Das Spukhaus zu Stans und das Leben von Melchior Joller, Alex Capus: 13 wahre Geschichten, Tagesanzeiger, NZZ

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Luisigs Totämuggerli 28.07.2015 09:32
    Highlight Highlight Meine Grosi und meine Mutter erzählten mir immer wieder die Geschichte vom Joller Haus. Ich bin in der Nähe vom Pass aufgewachsen, über den die Franzosen zu uns kamen.
    Seit dem gibt es auch die "Rivalität" zwischen Ob- und Nidwaldner.
    Danke viel Mal für den guten Text!
    • Anna Rothenfluh 28.07.2015 12:42
      Highlight Highlight <3
  • 's all good, man! 27.07.2015 08:39
    Highlight Highlight Heute wäre dem Melchior wohl einfach eine akute Psychose oder Schizophrenie attesiert worden. 😀

    Spannende Serie, danke dafür, Anna!
    • Anna Rothenfluh 27.07.2015 09:31
      Highlight Highlight Ja, das sagen gewisse Wissenschaftler auch. Anscheinend war der gute Melchior nicht ganz sooo beliebt in Bern wie die Stanser das gerne gehabt hätten. Er stand unter enormem Druck und die Arbeit als Nationalrat war ehrenamtlich. Als er dann seine Anwaltskanzlei auch noch schliessen musste, kamen die finanziellen Schwierigkeiten hinzu.

      Und danke für das Kompliment, das freut mich sehr!
  • Raphael Bühlmann 26.07.2015 22:16
    Highlight Highlight Meine Grossmutter kommt aus Stans und hiess früher Joller ...
    • Anna Rothenfluh 27.07.2015 09:32
      Highlight Highlight Ui, pass ja auf ... :-)
  • Yelina 26.07.2015 22:11
    Highlight Highlight In Stans wurden sogar Strassen nach Veronika Gut benannt, meine Grossmutter wohnte am Veronika-Gut-Weg.
  • Lolos 26.07.2015 17:25
    Highlight Highlight [Ein schweres, starrsinniges Weibsbild, das sich gegen Napoleon und jede aufklärerische Idee stellte, die von der Welt in ihr Bergtal dringen mochte ...]
    Die gute Frau wäre heute mit Sicherheit eine überzeugte Blick-Leserin.
    • Xi Jinping 27.07.2015 13:04
      Highlight Highlight und SVP Wählerin...
    • Hinkypunk #wirsindimmernochmehr 27.07.2015 15:37
      Highlight Highlight "Aber die ländlichen Nidwaldner schwörten allein auf Gott. Sicher nicht auf ein fremdes Papier, auf dem noch fremdere Gesetze standen, die ihnen ihre Privilegien wegnahmen. "

      Hört sich wirklich sehr nach SVP an. So von wegen fremde Richter.

    • Anna Rothenfluh 27.07.2015 16:06
      Highlight Highlight Das ist natürlich auch ein bisschen meine Schuld. Pathos und so ;-) Aber grundsätzlich stimmt es schon. Man hatte Angst vor dem Neuen, ganz besonders, weil es von Frankreich kam.

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