Yayoi Kusama verbrachte 48,5 Jahre in der Psychiatrie und wurde zum Weltstar
Sie hat exakt ihr halbes Leben in einer psychiatrischen Klinik verbracht. 48,5 Jahre. Es war 1977 ihre eigene Idee gewesen und es war definitiv eine wohltuende. Wie jetzt bekannt wurde, ist sie am 14. August nach längerer Krankheit in einem Spital in Tokio gestorben. Und vielleicht schwebt sie nun auf einem ihrer getüpfelten Kürbisse durchs All und analysiert die geheimen Muster des Universums.
Yayoi Kusama hat ein Leben lang psychedelische Kunst gemacht, ohne Drogen zu konsumieren. Medikamentös behandelt wurde sie erst in der Psychiatrie und je älter sie wurde, desto weniger Medikamente brauchte sie. Die Visionen, die Angststörungen, die Halluzinationen hatte sie seit ihrem zehnten Lebensjahr. Schuld daran waren jene Menschen, die sie hätten behüten sollen, ihre Eltern.
Die grausame Mutter
Sie kam 1929 in der japanischen Stadt Matsumoto zur Welt. Ihre Eltern betrieben eine Gärtnerei und Samenhandlung, die Familie lebte in finanzieller Sicherheit, Kusama liebte die Blumenfelder und die bunten, reifen Kürbisse, und weisse Steine an einem Bach wurden auf ihren Kinderzeichnungen zu weissen Punkten und Kreisen. Ihr Vater betrog die Mutter ständig, und die Mutter verlangte von ihrer Tochter, dass sie den Vater und seine Geliebten ausspioniere. Das Kind schaute seinem Vater beim Sex mit anderen Frauen zu und hasste es zutiefst, gleichzeitig war es besessen davon, sagte Kusama später. Und wenn sie der Mutter davon berichtete, wurde diese aggressiv und gewalttätig.
Mit zehn setzten die Episoden ein, sah sie Blitze, Licht, die Kürbisse redeten mit ihr, Punkte überwältigten sie, es war der Anfang von etwas, das sie «Selbstauslöschung» nannte. Mit zwölf versank ihre Jugend in der Dunkelheit einer Fallschirmfabrik, sie musste für die japanischen Fliegertruppen nähen, auch dies war eine Art der Selbstauslöschung, doch Kusama sah, dass es nicht nur schlecht war, sie konnte jetzt nähen und neben dem Zeichnen war dies ein weiteres Handwerk, das ihr Ausdrucksmöglichkeiten verlieh.
Die Rache am Vater
Sie besuchte gegen den Willen der Eltern eine Kunsthochschule und benutzte ihre Umwelt als Leinwand, dekorierte nicht nur Papier, sondern auch nackte Körper, Räume oder Autoscheiben mit ihren Mustern aus Polka Dots, brachte die Dinge unter tapetenähnlichen Attacken zum Verschwinden. Und weil sie seit ihrer Arbeit in der Fallschirmfabrik eine überzeugte Pazifistin war, glaubte man lange, dass es sich bei ihrem Punkte-Gewitter um Abbildungen von Hiroshima handeln würde. Um die Flecken auf der Haut der Opfer nach der Atombombe. Das war zwar eine interessante, aber eine falsche Deutung, Hiroshima fand nie Eingang in ihre Kunst.
Mit 27 tat sie, was die vier Jahre jüngere japanische Performance-Künstlerin Yoko Ono bereits mit 19 getan hatte, sie ging nach New York und wollte die Stadt mit japanischer Avant-Garde-Kunst erobern. Mit grossformatigen Bildern, auf denen sie unendliche Netze auswarf, repetitive, kosmische Muster-Orgien, Spermien-Schwärme oder die Oberfläche des Atlantiks, wie sie ihn beim Flug nach Amerika wahrgenommen hatte. Mit Räumen, die sie verspiegelte und integral mit «Phalli» füllte, mit handgenähten penisähnlichen weichen Würsten, die sie an ihren Vater erinnerten, den Boden bestreute sie mit Pasta. Mit Nackten, die sie mit fluoreszierenden Punkten bemalte. Es wirkte alles lustig und lustbetont und war ein anhaltender Skandal.
Die ideale Beziehung
Die Künstlerin selbst lebte arbeitssüchtig und abstinent. Manchmal arbeitete sie sechs Tage ohne Schlaf, die Visionen nahmen überhand und damit auch die Depressionen und Suizidgedanken. Doch dann verliebte sie sich in den älteren Surrealisten Joseph Cornell, der mit seiner Mutter und seinem behinderten Bruder zusammenlebte. Cornell war impotent, Kusama bezeichnete sich als asexuell, ihre sexfreie Beziehung funktionierte wunderbar. Sie waren unter vielen anderen mit Warhol, Georgia O'Keeffe befreundet.
Cornell starb 1972, und Kusama, die in New York mit ihrer Kunst zwar Aufmerksamkeit, aber kein Geld gewonnen hatte und enttäuscht war vom Materialismus und Nationalismus der Kunstszene, kehrte mit gebrochenem Herzen und pleite nach Tokio zurück. Auch die Tatsache, dass sie in New York als Angehörige einer einstigen feindlichen Kriegsmacht angesehen wurde, hatte sie unterschätzt.
Flucht in die Klinik
Fünf Jahre lang versucht sie, alleine mit sich einen Weg zu finden. Als Künstlerin ist sie in Japan noch immer ein Ärgernis, dennoch werden die Ausstellungen zahlreicher. Ihre Eltern sind beide gestorben, sie schreibt versöhnliche Gedichte über die Familiengeschichte, doch psychisch findet sie keinen Halt mehr. 1977 weist sie sich selbst in eine Klinik ein, bei einem Professor, der sich auf Kunsttherapie spezialisiert hat.
Kusamas Klinikaufenthalt ist ungewöhnlich. Gegenüber der Klinik befindet sich ihr Atelier, dort verbringt sie ihre Tage, nachts kehrt sie zurück, man kümmert sich um sie wie um ein angeschlagenes Familienmitglied. «Das Leben im Spital folgt einem festen Tagesablauf. Ich gehe um neun Uhr abends schlafen und wache am nächsten Morgen rechtzeitig für eine Blutuntersuchung um sieben Uhr auf. Jeden Morgen um zehn Uhr gehe ich in mein Atelier und arbeite bis sechs oder sieben Uhr abends. Am Abend schreibe ich. Derzeit kann ich mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren, was dazu geführt hat, dass ich seit meinem Umzug nach Tokio äusserst produktiv bin», schreibt sie in ihrer Autobiografie «Infinity Net».
Ihre Kunst bleibt, was sie seit ihrer Kindheit war: gepunktet, organisch, phallisch, aber sie scheint allmählich heiterer, verspielter und bunter. Der Kürbis bleibt weiterhin ihre Lieblingsfrucht, sie mag seinen «unprätentiösen» Charakter, seine Selbstgenügsamkeit. Und sie wird immer beliebter. Die Kürbisse werden zu Kunst im öffentlichen Raum, sie verpackt Baumstämme in weiss-pinken Punkte-Stoff, es wirkt ein bisschen wie Christo, bloss lebenslustiger.
Frau Kusama hebt ab
Sie verschwindet noch immer gern in ihrer Kunst, trägt Kleider mit dem Muster einer Tapete und hebt sich noch durch ihre bunten Perücken vom Hintergrund ab, doch sie hat jetzt Spass. Sie ist gerne berühmt. Ihre Serien heissen jetzt nicht mehr «Accumulation of the Corpses» (Anhäufung der Leichen) wie früher, sondern «Shooting Stars», «My Eternal Soul» oder «Love Forever».
Um die Jahrtausendwende stellt sie in den bedeutendsten Museen der Welt aus, in den 2010er Jahren designt sie Lippenstifte, Modeschmuck und Uhren für Lancôme, Marc Jacobs und Louis Vuitton, 2023 folgen auch noch kürbisförmige Handtaschen für Louis Vuitton. Da ist sie längst eine Internet-Sensation. Die Künstlerin, deren verspiegelte Tapetensäle und leuchtende Kürbisse so instagrammable waren wie gar nichts sonst.
Yayoi Kusama hat den Kampf gegen die Dämonen ihrer Kindheit gewonnen. Hat sie in Farbe und Freude für Millionen Menschen verwandelt. So ganz zufrieden kann sie sich damit natürlich noch nicht geben, mehr ist mehr, das zeigt sie in jedem einzelnen ihrer überbordenden Werke. Sie möchte auch noch Ewigkeit. Jedenfalls ein bisschen.
«Wenn auch nur die geringste Chance besteht, dass in hundert Jahren ein einziger Mensch meine Werke betrachtet und davon berührt wird, dann muss ich für diesen Menschen weiterhin Kunst schaffen», sagte sie einmal. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser Wunsch erfüllen wird, dürfte bei hundert von hundert möglichen Punkten liegen.
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