«Es ist sehr, sehr düster da draussen» – Olivia Wilde über heterosexuelle Beziehungen
Angela (Olivia Wilde) betreibt obsessives Hipster-Spiessbürgertum: der Käse, der Schinken, die Möbel, die Farben von Wänden, Textilien, Kleidern (33 Schattierungen von Salbeigrün), wehe, wenn etwas nicht stimmt. Haushalt und Wohnung sind ihre Selbstverwirklichungs-Kampfzone, hier bestimmt sie restlos alles und treibt sich mit ihrem Kontrollwahn seit Jahren ins selbstgewählte Unglück. Ihr Mann Joe (Seth Rogen) ist ein griesgrämiger Musiklehrer, der seine Band-Vergangenheit verklärt und zuhause einfach nur gerne chillen würde.
Wenigstens können sich Angela und Joe auf ein gemeinsames Problem einigen: Die Nachbarn von oben sind viel zu laut. Immer ist da dieser Sexlärm! Und um das alles mal auf den Boden nachbarschaftlicher Tatsachen zu bringen, werden die Nachbarn eingeladen. Angela müht sich dafür mit einem Soufflé ab, das leider den Vergleich mit Nachbarin Piñas spanischem Flan nicht besteht.
Piña ist – Sexlärm will ja schliesslich geübt sein – Sexologin und Therapeutin. Und Piñas Toyboy Hawk (Edward Norton) ist nicht einfach irgendwas, sondern der amerikanische Held schlechthin, nämlich ein ehemaliger Feuerwehrmann. Kommunikativ erweist er sich allerdings als Brandstifter, der alles fragt, was man nie fragen sollte, etwa: «Seid ihr reich?» Die beiden sind Swinger. Und wollen mit Angela und Joe swingen. Ein Vorschlag, der tausend Höllen an Projektionen, Wünschen und purer Überforderung aufreisst.
«The Invite» ist einer jener Filme, die federleicht abheben und fliegen, und vor allem ein Riesenspass mit einem phänomenalen Ensemble. Cruz lässt, man kann's nicht anders sagen, genüsslich die Sau raus, Rogans komödiantisches Timing ist unerreicht, Norton spielt, als würde er sich konstant wundern, in was für eine durchgeknallte Gesellschaft er eigentlich geraten ist, und Wilde begegnet allem mit schon fast zähnefletschender Verkrampftheit.
Der Stoff ist nicht ganz unbekannt, «The Invite» ist ein Remake des spanischen Films «Sentimental» (2020) von Cesc Gay und hat vor «The Invite» schon mehrere Remakes erlebt, auch in der Schweiz, da waren es «Die Nachbarn von oben».
«The Invite» ist nach «Booksmart» (2019) und «Don't Worry Darling» (2022) die dritte Regiearbeit der heute 42-jährigen Olivia Wilde, die bei uns selbst den grössten Serienabstinenzlern als hinreissende Assistenzärztin Thirteen aus «Dr. House» ein Begriff sein dürfte. Und jetzt sitzt sie also vor mir, im noblen Hotel Giardino in Ascona.
Die Frau, die aus einer britisch-amerikanischen Journalistenfamilie mit landadeliger Vergangenheit stammt, mit 19 einen italienischen Prinzen heiratete, später zwei Kinder mit Jason Sudeikis und eine Affäre mit Harry Styles hatte, trägt ein komplexes weisses Spitzenkleid und darüber ein schwarzes Herrensakko, ist schmal und cool und sehr, sehr nett.
«The Invite» wurde am vergangenen Samstag auf der Piazza Grande gezeigt. Am frühen Nachmittag verschickte das Festival Mails mit der Warnung, dass restlos alle 8000 Plätze ausverkauft seien. In meiner Erinnerung war das so früh erst einmal der Fall. Wie war Ihre Piazza-Grande-Erfahrung?
Wow, das macht ja alles nur noch besser! Ich war total überwältigt, ich wusste ja, dass da Tausende von Menschen auf mich warten, doch als ich vor ihnen stand, war es einfach nur atemberaubend. Ich war total gerührt und plötzlich sehr nervös. Wie alle, die jemals Regie geführt haben, bin ich ein Kontrollfreak und über diesen Abend konnte ich nicht Regie führen! Ich dachte: Wird die Technik funktionieren, werden alle alles hören können, ist der Film nicht zu klein für diese Riesenleinwand, wird man ihn überhaupt fühlen? Ich habe mir fast den ganzen Abend von einem Balkon aus angeschaut, und ich fand nur zwei von 8000, die an ihren iPhones waren, was aussergewöhnlich war. Alle lachten, wo sie lachen sollten.
Der Film ist ja auch zu lustig.
Ja, aber es gibt doch diese Witze, die man sich in der Familie erzählt und alle finden sie lustig. Ausserhalb der Familie versteht sie niemand. Das war meine Angst. Locarno war schliesslich unsere Europa-Premiere und ich hoffte, dass unser Humor auch für das europäische Publikum funktionieren würde. Als ich die ersten grossen Lacher hörte, wusste ich, dass uns das gelungen ist. Es war eine unglaubliche Erlösung. Und das Schöne ist ja auch: Mit anderen zu lachen, wirkt wie Medizin, es ist die beste Therapie.
Gut, reden wir also über das Thema Therapie! Ich bin etwas besorgt, wenn ich Filme über heterosexuelle Beziehungen anschaue, etwa «Don't Worry Darling», «The Invite» oder «The Drama», dann herrscht da immer enorm viel Therapiebedarf. Stehen heterosexuelle Beziehungen gerade unter einem Fluch?
Oh ja, glauben Sie mir, es ist sehr, sehr düster da draussen. Und Therapeutinnen und Therapeuten sind allgegenwärtig. Wir leben in einer absoluten Therapiegesellschaft. TikTok etwa ist voller Therapie-Content, und junge Menschen heutzutage beherrschen ein therapeutisches Vokabular und kennen sich mit Dingen aus, von denen ich in ihrem Alter keine Ahnung hatte. Ich beschäftigte mich doch nicht mit Konzepten von Narzissmus, Projektion oder Übertragung, das lag mir fern.
Penelope Cruz spielt für Sie ja auch eine Therapeutin, die eine Dinnerparty in eine Therapiesitzung verwandelt und Sie beschäftigten die prominente Psychotherapeutin Esther Perel als Beraterin für Ihren Film.
Was «The Invite» gerne möchte, ist, Fragen aufzuwerfen wie: Übernehme ich eigentlich die Verantwortung für mein eigenes Glück? Oder gebe ich meinem Partner die Schuld für meine Unzufriedenheit mit meinem Leben? Das war für uns die wertvollste Frage, die es zu stellen gab. Esther Perel steuert die Idee bei, dass eine Beziehung mit der gleichen Person noch einmal neu beginnen könnte. Dass ein Paar also seine Beziehung neu erfinden könnte, aber nur, wenn es einander seine dunkelsten Abgründe offenbart. Eine sehr optimistische Idee.
Sehr optimistisch … Aber natürlich ist das für einen Film sehr komisch. Weil man Figuren von ihren neurotischsten Seiten kennenlernt.
Ja, genau. Sie sind ausgelaugt, das Gewebe ihrer Beziehung ist fadenscheinig, ihre Nerven liegen blank, sie sind kaputt von all diesen Jahren, in denen sie aufeinander rumgehackt haben. Sie sind noch nicht auf der Stufe der Verachtung angekommen, ich glaube, dann kommt jede Rettung zu spät. Doch der Punkt, an dem wir Joe und Angela antreffen, ist ein Tiefpunkt. Piña und Hawk sind die Brandbeschleuniger einer notwendigen Explosion.
Es gibt ein Detail, das mir ins Auge gestochen ist: Diese eine vorherrschende Farbe, die äusserst entlarvend ist für die Hölle, die sich Angela selbst geschaffen hat, die aktuell sehr angesagte Farbe Salbeigrün. Wieso haben Sie sich dafür entschieden?
In der Wohnung wie auch in der Beziehung von Angela und Joe herrscht dieser Mangel an Wärme. Es ist, als wären die beiden ausgeblutet und in diesem anämischen, salbeigrünen Zustand zurückgeblieben.
Oder als wären sie unter Wasser?
Ja! Unsere Set-Designerin hat mit ganz feinen, aber unterschiedlichen Schattierungen dieses Grüns gearbeitet, das verlieh der Architektur Tiefe und Abgründigkeit. Die Kostümbildnerin wählte die Farbe meiner Bluse so, dass ich mit den Wänden verschmelze. Angelas Identität löst sich komplett in dieser Wohnung auf.
Schauspielerin zu sein, stelle ich mir als äusserst anspruchsvoll vor. Aber auch noch Regisseurin zu sein, sprengt meine Vorstellungskraft. Diese Entscheidungen! Diese Verantwortung! Die Technik, das Geld! Wie gehen Sie damit um?
Wenn ich einen Film als Regisseurin vorbereite, gehört es dazu, dass ich versuche, jeden Level des Films aus der Perspektive jeder Figur zu untersuchen. Genau das war bei «The Invite» die perfekte Vorbereitung auf meine Figur. Angela ist obsessiv, ich bin obsessiv. Ich zerbrach mir den Kopf über restlos alles: Stimmt diese Farbe? Stimmt dieser Stoff? Am Ende hatte ich das Gefühl, nicht Angela lädt die Nachbarn von oben zu einer Dinnerparty ein, sondern ich persönlich lade alle ein. Und vielleicht ist diese Gastgeber-Panik die treffendste Metapher fürs Filmemachen: Man lädt andere ein, sich an einem abgelegenen Ort zu treffen und zu hoffen, dass sie es geniessen können, aber man kann es nicht garantieren. Und dann bittet man sie auch noch darum, selbst Essen mitzubringen.
«The Invite» startet am 13. August im Kino.
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