Die richtige Dosis Sonne
In der Antike galt blasse Haut als Zeichen von Wohlstand. Wer braun war, verbrachte offenbar zu viel Zeit draussen – und musste womöglich sogar körperlich arbeiten. Von ägyptischen über griechische bis hin zu römischen Frauen: Viele griffen zu allerlei Mitteln, um ihre Haut aufzuhellen, manche davon waren hochgiftig.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Sonnenlicht plötzlich als Medizin. Die Heliotherapie wurde zur Behandlung von Rachitis und Tuberkulose eingesetzt. Später löste die Entdeckung von Vitamin D und Antibiotika die Therapie ab.
Gebräunte Haut gewann in der westlichen Welt weiter an Popularität. Besonders eine Frau prägte diesen Wandel: Coco Chanel. Als die Stilikone 1923 nach einer Mittelmeerkreuzfahrt gebräunt zurückkehrte, popularisierte sie die Idee des Bräunens und Sonnenbadens.
Ganzkörperbräune war plötzlich chic – und wieder ein Statussymbol. Sie signalisierte: Jemand war im Urlaub oder verbringt seine Zeit mit Sportarten wie Tennis.
Ein Jahrhundert später ist unser Verhältnis zur Sonne ambivalenter geworden. Das Wissen um die Risiken übermässiger UV-Strahlung – wie Hautkrebs oder vorzeitige Hautalterung – hat zu einem Umdenken geführt.
Doch Sonnenlicht hat nachweislich auch positive Effekte auf unsere psychische Gesundheit und ermöglicht die Bildung von Vitamin D. Und ein ausreichender Vitamin-D-Spiegel wird mit einem geringeren Risiko für bestimmte innere Krebsarten wie Darm- oder Brustkrebs in Verbindung gebracht.
Wie viel Sonne ist also gesund? Und wie schaffen wir die Gratwanderung zwischen Schutz und den möglichen Vorteilen?
Warum brauchen wir Sonne?
Die einen lieben es, die anderen meiden es: Sonnenbaden. Die einen geniessen die Wärme auf der Haut, andere wollen möglichst schnell braun werden. Doch Sonnenlicht hat auch für unsere Gesundheit eine wichtige Bedeutung. UV-B-Strahlung regt die Bildung von Vitamin D in der Haut an. Erst dieser Botenstoff veranlasst den Darm dazu, Kalzium und Phosphat aus der Nahrung zu filtern. Das Resultat: Die Mineralstoffe wandern direkt in die Knochen, sorgen für die nötige Dichte und schützen vor Knochenbrüchen.
Ein Mangel kann zu einem Knochenschwund (Osteoporose) führen. «Die Krankeheit ist tückisch, denn sie verläuft ohne Symptome, birgt aber grosse Gefahren. Meist tritt sie erst in Erscheinung, wenn es schon zu spät ist», sagt Diana Frey, Leiterin des Osteoporose Zentrums an der Klinik für Rheumatologie des USZ.
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Vitamin D ist nicht der einzige Grund, warum unser Körper auf Licht angewiesen ist. Denn Sonnenlicht regelt auch unsere innere Uhr und steuert den Tag-Nacht-Rhythus. Die Augen messen die Helligkeit und senden dem Gehirn Signale. So weiss der Körper, wann er leistungsfähig ist und wann er regenerieren muss.
Und es gibt noch mehr: Die Sehnsucht, Sonne zu tanken, hat einen biochemischen Grund: Wenn Sonnen- und Tageslicht auf die Netzhaut unserer Augen und auf die Haut trifft, regt dieser Prozess das Gehirn dazu an, mehr Serotonin auszuschütten. Der Botenstoft hebt die Stimmung, sorgt für mehr Antrieb und steigert das allgemeine Wohlbefinden.
Wie viel Sonne ist gesund?
Wenn Sonne also unser Wohlbefinden aufwertet, gleichzeitig aber das Hautkrebsrisiko erhöht und die Haut schädigt: Wie viel Sonne darf es denn nun sein?
Darauf gibt es leider keine einfache Antwort. Zu unterschiedlich sind Hauttypen, Tageszeit, Jahreszeit und UV-Index. Auch ist noch nicht abschliessend geklärt, welche UV-Dosis für welche positiven Effekte optimal ist.
Deshalb gibt es auch keine genaue Minutenangabe, wie viel Sonne der Körper für die Vitamin-D-Bildung braucht. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt kurze, ungeschützte Aufenthalte im Freien von fünf bis etwa 30 Minuten. Gesicht, Hände und Arme sollten der Sonne direkt ausgesetzt sein. Im Sommer genügen etwa 30 Minuten am Vormittag oder zehn Minuten am Nachmittag.
Menschen mit dunklerer Haut benötigen für die gleiche Vitamin-D-Produktion länger, da sie mehr Melanin besitzen. Das Farbpigment verlangsamt zwar die Bildung von Vitamin D, schützt die Haut aber besser vor UV-bedingten DNA-Schäden als bei Menschen mit sehr heller Haut.
Im Winter reicht die natürliche Sonneneinstrahlung in der Schweiz nicht aus. Doch die in den Sommermonaten angelegten Vitamin-D-Reserven reichen bei den meisten Menschen über die kalte Jahreszeit.
Wie viel Sonne ist zu viel?
Viel Zeit an der Sonne kann zwar glücklich machen, ist aber auch die Hauptursache für Hautkrebs und steigert das Risiko für Pigmentstörungen und vorzeitige Hautalterung.
Die Zahl der Fälle von schwarzem Hautkrebs (Melanom) hat sich in den vergangenen 35 Jahren mehr als verdoppelt. Mit jährlich rund 3500 neuen Fällen gehört die Schweiz zu den Ländern mit den höchsten Hautkrebsraten weltweit.
Die geografische Lage lässt das nicht vermuten. Zurückzuführen ist die hohe UV-Belastung unter anderem auf die Höhenlage der Schweiz: In den Bergen ist die UV-Strahlung stärker, Schnee reflektiert sie zusätzlich. Auch reisen Schweizerinnen und Schweizer gerne an hochbesonnte Gebiete.
Aber wie viel Sonne ist nun zu viel? Und wie woher weiss man, wie lange man an der Sonne bleiben kann?
Auch das lässt sich nicht nicht pauschal in Minuten beantworten. Denn UV-Strahlung ist unsichtbar und nicht zu spüren. Entsprechend schwer ist es, ihre Stärke einzuschätzen. Temperaturen sind auch kein verlässlicher Hinweis: Auch an kalten Tagen kann die UV-Belastung hoch sein, denn für die Wärme der Sonne ist nicht die UV-, sondern die Infrarotstrahlung verantwortlich.
Wie stark die UV-Strahlung ist, hängt auch vom Stand der Sonne ab. Je höher sie am Himmel steht, desto intensiver ist die UV-B-Strahlung. Rund um die Mittagszeit ist sie deshalb besonders intensiv. Auch die geografische Lage und die Dicke der Ozonschicht beeinflussen die UV-Belastung.
Fest steht: Häufiges und intensives Sonnenbaden belastet die Haut. Die Haut ist zwar anpassungsfähig, sie kann sich zu einem gewissen Grad an UV-Strahlung anpassen, indem sie mehr Melanin bildet und die Hornschicht verdickt. Trotzdem schützt das nicht vor UV-Schäden – und kann auch Hautkrebs nicht verhindern.
Wie viel Sonne die Haut verträgt, hängt also nicht nur vom Hauttyp ab, sondern auch von der Stärke der UV-Strahlung. Orientierung bietet der UV-Index: Je höher der Wert, desto intensiver die UV-Strahlung und desto grösser die Sonnenbrandgefahr.
I → circa 10 Minuten
II → circa 20 Minuten
III → circa 30 Minuten
IV → circa 50 Minuten
V → > 60 Minuten
VI → > 60 Minuten
UV-Index – Stärke der UV-Strahlung
0–2 → schwach
3–5 → mittel
6–7 → hoch
8–10 → sehr hoch
11+ → extrem hoch
