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Filmfestival Locarno

Isabella Rossellini in Locarno: Ein kolossal sympathisches Nepobaby

Actress Isabella Rossellini of Italy poses after winning the "Excellence Award 2026" at the 79th Locarno Film Festival, in Locarno, Switzerland, Wednesday, Aug. 5, 2026. (Jean-Christophe Bot ...
Liebe Frau Rossellini, was hat es mit Ihrem Anzug auf sich? Sie wird es uns gleich erzählen.Bild: keystone
Filmfestival Locarno

Isabella Rossellini: Ein kolossal sympathisches Nepobaby

Die einst «schönste Frau der Welt» sieht die Sache mit den legendären Eltern sehr entspannt. Sie hat ja selbst genug Legendäres erlebt. Nach Locarno bringt sie auch Dinge mit, die auf ihrer Farm gross geworden sind.
07.08.2026, 19:4907.08.2026, 19:49

«La famiglia» ist überall

Über allem, was Isabella Rossellini ist und tut, über allem, woran sie sich erinnert und was sie mit sich trägt, thront «la famiglia». Die italienische Grossfamilie. Sie erstreckt sich über Dutzende, vielleicht auch Hunderte von Menschen, deren Leben oder Werk unzählige andere irgendwann einmal berührt hat. Als Isabella Rossellini, die heute unfassbar vitale 74 Jahre alt ist, bei 35 Grad in Locarno vor ihren Fans sitzt, steht ein Mann auf: «Mein Vater hat Ihre Tante verheiratet!» Worauf sie eine launige Anekdote über die Tante erzählt, deren Leben leider in der grossen Vergesslichkeit von Alzheimer endete.

«Mein Vater hat Filmplakate für Ihren Vater gestaltet!», ruft eine Frau, worauf sich Rossellini überschwänglich bedankt. Und in Ascona sagt unser Lieblingswirt Bruno: «Oh, die Rossellini! Ich habe sie einmal bedient, vor vierzig Jahren, da war ich Kellner im Hotel Dorchester in London, eine feine Adresse, ich habe dort für Anton Mosimann gearbeitet.» Anton Mosimann, der Schweizer Lieblingskoch der Queen selig. Alles ist irgendwie Royalty. Und mehr Royalty, mehr Erbadel als Isabella Rossellini kann man im Filmgeschäft und in der Filmgeschichte fast nicht darstellen.

Ihre Mutter war die überirdisch schöne Schwedin Ingrid Bergman, ihr Vater Roberto Rossellini, der italienische Regisseur und Erfinder einer Filmrichtung namens Neorealismus. Kino, geboren aus den Trümmern der Nachkriegszeit, Kino ohne Geld. «Mein Vater hat sich nicht hingesetzt und gesagt: Jetzt machen wir eine neue Bewegung und sie heisst Neorealismo. Er hat sich gesagt: Jetzt machen wir Filme mit dem, was wir überhaupt noch haben.»

INGRID BERGMAN and ISABELLA ROSSELLINI. 1952. Credit: Album
Mama Ingrid mit den Zwillingen Isabella und Isotta.Bild: www.album-online.com

Eine Schwedin erobert einen Italiener

Bergman war ein Hollywood-Star: Der Zweit-Weltkriegs-Liebes-Thriller «Casablanca» mit Bergman und Bogart gehört noch immer zu den bedeutendsten Filmen überhaupt, sie drehte mehrfach mit Hitchcock, und «Gaslight» von George Cukor prägte den Begriff des «Gaslighting». Doch dann setzte sie sich – verheiratet wie sie war – in den Kopf, den intellektuellen Italiener Rossellini zu erobern, was ihr gelang, weil Rossellini eh ein berüchtigter Vielweiberer war. Hollywood cancelte sie deswegen. Sie zog nach Italien, gebar drei Kinder, darunter die Zwillinge Isabella und Isotta; es war die grosse Liebe, bis Rossellini sie mit einer 24 Jahre jüngeren Inderin betrog. Isabella blieb ein Papakind. Sie hatte zu viel Freude daran, Teil des Clans zu sein, in dem es von Rossellinis Exfrauen und weiteren Kindern, Cousins, Onkeln und Tanten wimmelte und alle waren irgendwie am Mammutprojekt «Film» beteiligt.

RECORD DATE NOT STATED Italian film director Roberto Rossellini playing with her daughter Isabella, Italy 1950s PUBLICATIONxNOTxINxITA ACHTUNG AUFNAHMEDATUM GESCH�TZT
Papa Roberto mit Isabella.Bild: www.imago-images.de

Als Kind verbrachte Isabella qualvolle Jahre im Gips, ihre Wirbelsäule war verkrümmt und musste gestreckt werden. Später war davon nichts mehr zu sehen. Später war sie wunderschön. Schauspielerin werden wollte sie nie, sie hatte als 24-Jährige an der Seite ihrer Mutter in «A Matter of Time» eine junge Nonne gespielt, es war ihre erste Rolle, und sie war von der Presse so grausam zerrissen worden, dass sie jedes Selbstvertrauen verlor. Lieber arbeitete sie als Kostümbildnerin und Journalistin.

Sie trägt ihre Schafe um den Hals

Als Kostümbildnerin? «Frau Rossellini, ich weiss, das ist jetzt eine sehr oberflächliche Frage, aber bitte erklären Sie uns Ihren Anzug!» Ich kann nicht anders, als sie auf ihr höchst eigentümliches Outfit anzusprechen. Es ist ein heller Anzug, der Stoff ist bemalt, auf dem Rücken prangt ein Gespenstermädchen, das an «The Ring» erinnert, es befindet sich in einer Art Gestrüpp aus Naturmotiven. Der Kragen und die Hosennähte sind mit Schafwolle garniert. Also mit Fellbüscheln.

«Wie gut, dass sie das fragen! Das sind meine Schafe!» Aha. Rossellini ist seit Jahrzehnten die grösste Tierfreundin der Filmbranche. Sie drehte lustige Bastelfilme über das Paarungsverhalten von Tieren und ist heute hauptberuflich Farmerin auf Long Island. Jetzt trägt sie also ihre Schafe um den Hals? «Ja, die dunkle Wolle ist von Frida Kahlo, die weisse von Georgia O'Keeffe! Ich habe diesen Stoff gefunden, liess mir daraus einen Herrenanzug schneidern und verzierte ihn mit der Wolle meiner Schafe. Abends werde ich ähnlich über den roten Teppich gehen. In einem einfachen weissen Kleid, das ich mit Schafwolle verziert habe. Ich habe ein Dilemma. Darf ich darüber reden?»

IPA87264682 - Locarno, Switzerland Locarno Film Festival 2026 Isabella Rossellini Excellence Award In the photo: Isabella Rossellini PUBLICATIONxNOTxINxITA Copyright: xNickxZonnax/xNickxZonnax 8726468 ...
Detail vom roten Teppich in Locarno.Bild: www.imago-images.de

Ja! Ja, ja, ja! «Mein Dilemma heisst roter Teppich. Ich habe gelernt, dass die meisten Menschen, die an einen roten Teppich kommen, die Filme, die wir repräsentieren, gar nicht gesehen haben. Sie sind bloss da, um zu beurteilen, wie wir aussehen. Ich mache also einen Film mit einem feministischen Statement, in dem es darum geht, als Frau nicht beurteilt zu werden, aber dann stehe ich auf dem roten Teppich und ich bin ein Objekt und stecke in einer Falle, die ich immer zu vermeiden versuchte. Was das Publikum ja oft nicht weiss, ist, dass gerade junge Schauspielerinnen ihre Miete nicht mit ihren Filmgagen bezahlen, sondern mit dem Geld, das sie von Modehäusern und Schmuckherstellern für einen Auftritt auf dem roten Teppich erhalten. Das ist doch verlogen! Es geht gar nicht um die harte Arbeit, die in unseren Filmen steckt! Deshalb designte ich jetzt meine eigenen Kleider. Nicht, weil ich Mode hasse, im Gegenteil, ich verehre Mode, ich war schliesslich Model.»

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Isabella Rossellini 1991.Bild: www.imago-images.de

The Beauty

Isabella Rossellini war nicht irgendein Model. Sie war DAS Model. Von 1982 bis 1993 war sie Gesicht der Kosmetikmarke Lancôme – «als ich 40 wurde, kriegte ich die Kündigung» –, sie verdiente da 400'000 Dollar für 35 Arbeitstage im Jahr, es war für jene Zeit absolut spektakulär, nie dagewesen, heute gibt es zehnmal so viel. Dazu kam Werbung für Schmuck und Mode, sie jettete alle zwei Wochen einmal um die Welt, um all ihre Engagements zu erfüllen. Weil sie ein Nepobaby war, bevor das Wort überhaupt erfunden wurde. Sie trug den Titel «schönste Frau der Welt» und war definitiv das Vorbild für junge Frauen wie Demi Moore.

Wäre sie ein Schaf, wenn sie ein Tier wäre? «Nein, lieber ein Hund, Hunde werden besser behandelt und dürfen in den Betten ihrer Besitzer schlafen.»

Vorteil Rossellini

Doch zurück zu Rossellinis Laufbahn. Als Journalistin musste sie einmal einen italienisch-amerikanischen Filmemacher interviewen. Sie beging die Todsünde und verpasste es, den Film, um den es ging,, vor dem Interview zu sehen. Dem Regisseur war das vollkommen egal, er wusste genau, wessen Tochter er vor sich hatte, er verehrte ihren Vater und schlug entzückt vor, sich den Film doch nach dem Interview einfach gemeinsam anzusehen. Er hiess Martin Scorsese und wurde Isabella Rossellinis erster Ehemann.

1970-1979 Schauspieler / Schauspielerin 5. Mai 1979 - Ingrid Bergmans Tochter heiratet: Isabella Rossellini, Tochter der Schauspielerin Ingrid Bergman und des verstorbenen italienischen Filmregisseurs ...
1979 mit Martin Scorsese, kurz vor der Hochzeit.Bild: www.imago-images.de

Scorsese besetzte sie zwar nicht in seinen Filmen, doch er sorgte dafür, dass ihr Gesicht auf mehrere Cover der «Vogue» kam. Das Model Isabella Rossellini war geboren. Mit einem Schulterzucken integrierte sie ihren neuen Job in die Filmwelt ihrer Familie: «Der Fotograf Richard Avedon sagte mal: Weisst du, modeln ist wie Stummfilm.» Die Ehe mit Scorsese zerbrach, als Ingrid Bergman an Krebs erkrankte und Isabella sich um die sterbende Mutter kümmerte.

Vorteil Bergman

Auch die bedeutendste Liebe ihres Lebens beruhte auf dem «Tochter von»-Bonus. Er war ein Mann mit handfesten Obsessionen, eine davon war, dass er davon träumte, Ingrid Bergman wäre seine Mutter. Rossellinis zweite Ehe mit einem männlichen Model, das John F. Kennedy ähnlich sah, war gerade gescheitert, als sie in einer grösseren New Yorker Runde einem angesagten jungen Regisseur gegenübersass. Er kannte sie nicht, doch er sagte: «Komisch, du könntest Ingrid Bergmans Tochter sein!» Er bot ihr die Rolle der masochistischen Nachtclub-Sängerin in «Blue Velvet» an und besetzte sie danach in «Wild at Heart», sie war seine Muse und er machte sie zum Filmstar.

1990 - Wild at Heart - Movie Set PICTURED: ISABELLA ROSSELLINI as Perdita Durango RELEASE DATE: August 17, 1990 . MOVIE TITLE: Wild at Heart. DIRECTOR:David Lynch .STUDIO: Polygram Entertainment. PLOT ...
So sah sie David Lynch in «Wild at Heart».Bild: imago stock&people

Was sie bei Lynch lernte – das Bizarre, das Körperliche, das Obsessive – hat sie nicht mehr verlassen. Ihre «Green Porno»-Reihe ist voll davon. Es geht um Sex und Tod im Tierreich und darum, wie oft das zusammenhängt und dass das Lustleben von so einem Tier etwas ganz Entgrenztes sein kann: «Es gibt Fische, die verwandeln sich im Lauf ihres Lebens von Männchen zu Weibchen, und andere Tiere sind von Anfang an zweigeschlechtlich, niemand soll mir sagen, dass sowas unnatürlich sei!»

Robert Redford und Ryan Murphy

Die minutenlangen Kurzfilme, in denen sie selbst als Tier verkleidet mit Papptieren kopuliert, entstanden, weil das iPhone erfunden wurde: «Robert Redford hatte mich gefragt, ob ich für seinen Sundance-Channel wirklich kurze Kurzfilme drehen könnte. Zusammen flogen wir nach Barcelona, wo Apple gerade das erste iPhone vorstellte. Sie sagten uns, dass wir eines Tages ‹Lawrence of Arabia› auf dem iPhone schauen könnten, es klang unglaublich! Und Robert sagte: Wir müssen unbedingt Filme entwickeln, die auf einem so kleinen Bildschirm funktionieren! Das habe ich gemacht.» Wurde «Green Porno» etwa von Apple gesponsert? «Das weiss ich nicht, kann schon sein.»

Isabella Rossellini in einem «Green Porno».
Gleich paaren sie sich: Szene aus einem «Green Porno»-Kurzfilm.Bild: locarno film festival / isabella rossellini

Und wie war ihre Arbeit mit Ryan Murphy? Er ist der Trashmeister unter den Serienmachern – «Nip/Tuck», «Glee», «American Horror Story», «Monster» und brandneu «The Shards». Oder eben «The Beauty» (2026) mit Isabella Rossellini: Ein aus einer Schönheitsklinik entfleuchter Virus sorgt dafür, dass die Menschen erst irrsinnig schön werden und dann explodieren. Sie spielt die Frau von Ashton Kutcher. «Oh, Ryan Murphy ist der lustigste Mensche der Welt! Er hat alles in sich reingefressen, was es an Popkultur gibt, er hat jedes Fashion-Magazin angeschaut, weiss allen Klatsch, kennt jede Gruselgeschichte, weiss alles über klassisches Kino, er besteht quasi aus Zitaten und Referenzen. Als ich ihn zum ersten Mal sah, sagte er: ‹Okay, bis zum Fenster gehst du wie Bette Davis. Und dann machst du auf Evita Peron.› Ich wusste genau, was er meint.»

ISABELLA ROSSELLINI in THE BEAUTY (2026), directed by MICHAEL UPPENDAHL and RYAN MURPHY. Copyright 20th Television / Ryan Murphy Productions. Credit: 20th Television / Ryan Murphy Productions / Album
Auch Ryan Murphy verpackt sie in Rosa.Bild: www.album-online.com

Ein innerfamiliärer Triumph

Dass sie jetzt einen goldenen Leoparden aus Locarno mit nach Hause nimmt, ist für sie ein innerfamiliärer Triumph: 1948 hat ihr Vater hier einen Preis abgeholt und 2023 ihr Bruder. Jetzt ist sie an der Reihe. Ähnlich erging es ihr 2025 mit ihrer ersten Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin in «Conclave»: «Gut, meine Mutter hatte drei Oscars gewonnen und war weitere vier Male nominiert.» Aber ein Tröpfchen auf den heissen Stein der Mutter-Tochter-Konkurrenz war es schon.

«Was haben Sie in Ihrem Leben noch Grosses vor?», will ein Fan-Mädchen in Locarno wissen. «Grosses? Grösser als alles, was ich schon erlebt habe, ist nur noch der Tod», sagt sie. Aber erst einmal wird weitergelebt. Sie erzählt, dass eines ihrer aktuellen Projekte «Survival of the Kindest» heisst. «Das Gegenteil von ‹Survival of the Fittest›!» Die Freundlichsten sollen überleben. Nicht die Stärksten. Wenn das keine schöne Botschaft ist!

Die Zitate von Isabella Rossellini stammen aus einem Pressegespräch vom 5. August und einem Podium vom 6. August in Locarno.

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