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Warum wir mehr lesen sollten – ein Kommentar

Worte sind für die Ewigkeit.
Worte sind für die Ewigkeit.Bild: Shutterstock
Kommentar

Warum wir mehr lesen sollten

Ein kleines Plädoyer für das schönste Hobby der Welt.
28.06.2026, 13:5828.06.2026, 13:58

Es gibt ein wunderschönes Zitat der deutschen Kinderbuchautorin Cornelia Funke, das besagt:

«Nichts verscheucht böse Träume schneller als das Rascheln von bedrucktem Papier.»
Aus der Fantasy-Reihe Tintenherz

Genau das tun so viele Autorinnen und Autoren auf dieser Welt für mich. Sie kommen, schreiben und gehen und hinterlassen ihre Werke, die für die Ewigkeit sind. Und damit ihre Geschichten, die Heldinnen und Helden darin. Kapitän Ahab, Momo, Edmond Dantès, Kya, Scout. Figuren, die ich nur dank des Lesens kennengelernt habe, die ich aber für immer mit mir herumtragen werde. Von denen ich gelernt habe, mit denen ich gefühlt habe, die mich zum Träumen und Lachen gebracht haben – und es noch immer tun.

Ich jedenfalls bin nie alleine, wenn ich ein Buch in den Händen halte. Und mit jeder Geschichte, die ich gelesen habe, verbinde ich Orte und Gefühle, Träume und Erinnerungen.

Markus Werner hat mich begleitet, als ich das erste Mal alleine im Ausland am Hang gewohnt habe, mit Paul Auster durchlief ich im Balkan vier Leben. Mit Ian McEwan war ich am Strand an der Ostsee, mit Hanya Yanagihara lernte ich New York kennen. Mit Alex Capus war ich verliebt in Paris, für Kazuo Ishiguro habe ich alles gegeben und mit Cormac McCarthy ging ich die Strasse lang.

Ich habe mit dem Grafen von Monte Christo Rache geübt und mit Winston Smith rebelliert. Kafka hat mich verwandelt und Atticus Finch mich erzogen. Und Cornelia Funke hat für mich böse Träume verscheucht.

«Puffer gegen Frustration»

Man kann das Lesen aber nicht nur aus einem emotionalen, sondern auch aus einem wissenschaftlichen Aspekt betrachten. Nehmen wir als Beispiel die mentale Gesundheit. Erst kürzlich publizierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) seinen nationalen Bericht «KidshealtCH». Das Ergebnis lässt aufhorchen, denn der Bericht zeigt: Die heranwachsende Generation ist psychisch stark belastet.

Als wesentlicher Teil hat dieser den steigenden emotionalen Druck herausgestrichen, den Jugendliche heutzutage erleben. Vor allem die hohe und problematische Nutzung von sozialen Medien führt zu Schlafproblemen und verschlechtert so auch die psychische Gesundheit. Man scrollt, man vergleicht, man wird apathisch. Eine Studie der Universität von Melbourne bringt es auf den Punkt:

«Der kurze Dopaminrausch beim Scrollen auf einem Gerät ist ein trügerisches Versprechen.»

Hier kann Lesen Abhilfe schaffen.

Studien belegen, dass Lesen einen positiven Effekt auf die mentale Gesundheit hat. In einer Publikation des «National Institutes of Health», die Lesen als Hobby bei Studentinnen und Studenten während eines Semesters näher untersucht hat, heisst es: «Freizeitlesen schien als Puffer gegen die Frustration grundlegender psychischer Bedürfnisse zu wirken, was im Laufe des Studienjahres zu einer verbesserten psychischen Gesundheit führte.»

Man könnte zig weitere Studien anführen, die in die gleiche Richtung zeigen. Doch mentale Gesundheit ist nicht das Einzige, was für das Lesen spricht. Ein anderer Punkt, den Lesen mit sich bringt, ist eine gesteigerte emotionale Intelligenz.

Emotionale Intelligenz ist, vor allem in einer Welt voller Unsicherheit und unberechenbarer Despoten, eine Eigenschaft, die unserer Gesellschaft Zusammenhalt geben kann. Denn wer diese besitzt, der ist fähig, sowohl die eigenen als auch die Bedürfnisse anderer Menschen ernst- und wahrzunehmen. Emotionale Intelligenz ist, wenn man fähig ist, zu verstehen. Zwischenmenschliche Beziehungen einzuhalten. Aufmerksamkeit zu schenken und zuzuhören. Nett und zuvorkommend zu sein.

Die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf argumentiert in ihrem Buch «Reader, Come Home», dass die «Qualität unseres Lesens als Massstab für die Qualität unseres Denkens» gilt.

Eine Übung der «Harvard Business School» veranschaulicht, was passiert, wenn Schülerinnen und Schüler Belletristik lesen. Sie zeigt, dass das Lesen von Romanen eine reichere und vertieftere Diskussion hervorbrachte als reine Fachtexte. Die Studenten mussten sich mit Figuren auseinandersetzen, die nicht einfach schwarz oder weiss waren, keine Fakten und Zahlen sind, sondern mit Charakteren, die Entscheidungen fällen und mit moralischen Dilemmata umgehen. Sie haben in den Schuhen der Figuren gestanden und darüber nachgedacht, wie ihr Handeln ausgesehen hätte.

Die Übung streicht als Konklusion drei Themen heraus, die die Diskussionen und Gespräche dominierten: Empathie, individuelle und soziale Verantwortung sowie Führungsqualitäten.

Sie haben mit den Figuren mitgefühlt. Und sich durch die Figuren persönlich weiterentwickelt.

Es gibt nicht viele Hobbys, die solche Eigenschaften fördern.

Es muss ja nicht Dostojewski sein

Und mit Lesen meine ich nicht, dass jetzt jeder Fjodor Dostojewski, Thomas Mann oder Hannah Arendt zur Hand nehmen sollte. Wie sagte doch Hemingway mit einem Augenzwinkern?

«Ein klassisches Werk ist ein Buch, das die Menschen loben, aber nie lesen.»

Nein, es kann auch etwas anderes sein. Die Ansprüche und Vorlieben eines jeden Lesers sind zu Recht individuell. Denn das Gute an diesem Hobby ist: Es wird für immer und ewig genug zu lesen geben. Für jedes Alter, jede Vorliebe, jedes Geschlecht.

Bücher werden der Menschheit niemals ausgehen und so werde ich für immer nie alleine sein. Mit jedem Buch, dass ich in den Händen hatte, habe ich mitgefiebert, mitgelitten, mitgelacht und mitgeweint.

Nichts kann solche Gefühle besser zutage bringen als ein gutes Buch. Beim Scrollen wird man zwar auch mit Bildern bombardiert, aber beim Lesen erschafft man sich diese eben selbst. Man kann die Zeit selbst bestimmen, man kann in der Welt der Bücher langsam und im eigenen Tempo leben. Darin ist alles möglich, alles kann.

Es ist, wie meine geschätzte Mitarbeiterin und Gegenleserin Anna Rothenfluh ausdrückt, «der vielleicht freieste Raum, den es für uns Menschen gibt».

Und so schliesse ich das kleine Plädoyer mit einem passenden Zitat von Heinrich Heine:

«Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die gewaltigste.»

Wer ist deine Lieblingsfigur? Schreibe es in die Kommentarspalte!

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