Ich habe zum ersten Mal Ferien auf einem Campingplatz gemacht – das ist mein Fazit
Camper nahm ich bis zu diesem Sommer nur als Hindernisse am Gotthard wahr. In ihren eierschalfarbenen Kisten verstopften sie die Strassen oder käsebeinig den Zugang zur Raststättentoilette. Nach verrichtetem Geschäft und einem nöligen Rundgang durch den Souvenir-Shop («Bekijk de waanzinnige prijzen!») verschwanden sie wieder in ihren rollenden Eigenheimen – und ein paar hundert Kilometer weiter südlich in einer Welt, die mir bisher verborgen blieb. Bis zu diesen Sommerferien. Wir wollten es wissen.
Wir stiegen gleich in die Camping-Champions-League ein: in eine Anlage in Istrien mit über 1200 Stellplätzen und Bungalows, mit über zehn grossen Wasch- und Toilettenhäusern, mit eigenem Supermarkt («Anne! Die Philadelphia ist hier vier Euro!»), eigener Auto- und Wohnmobil-Waschanlage, diversen Pools, Bars und Restaurants, mit gigantischen wohlriechenden Zypressen, einem Hundestrand und einer zweispurigen Zufahrtsstrasse, die an einer Schranke mit automatischer Kontrollschilderkennung endete. Massentourismus vom Feinsten.
Und so sah es auch aus, als wir abends um 21 Uhr ankamen. Überall Menschen; aufgebrezelte Jugendliche strömten zu den Arcade-Zelten, Kleinkinder balancierten Cornet-Glacés über die Strasse, aus den Lautsprechern über der Minigolfanlage pumpten Eurobeats und ein Däne, sein Wohnmobil und sein Anhänger waren sich uneinig, wie man rückwärts auf einen Stellplatz parkiert.
Für einen leichten Soziophobiker wie mich kein Traumstart. Doch in meiner Selbstgefälligkeit ignorierte ich die Zeichen.
Denn die Euro-Beats waren nicht mal so laut, die Jugendlichen ganz gesittet. Das Kind schaffte es ohne Verluste über die Strasse und der Däne, sein Wohnwagen und sein Anhänger erhielten flott einen Friedensrichter zur Seite. Es brauchte eine Weile, bis ich es kapierte. Dann aber sah ich die Signale überall: Camper, egal ob das der Pole in seinem Niewiadow ist, die Deutsche in ihrem Dethleffs oder der Österreicher im Hobby, die Holländerin im Kip Shelter oder der Slowake im Kampera (Camper sind patriotische Käufer) im Hymer, Knaus oder vielleicht sogar mal in einem Morelo, Camper, und ich schreibe das mit dem höchsten Respekt für diese Auszeichnung, sind Bünzlis. Oberbünzlis. Und was passiert, wenn sich 2000 bis 3000 Oberbünzlis treffen? Dann läuft's. Dann gibt's nichts zu meckern.
Da wird kein Abfall achtlos weggeworfen. Im Restaurant herrscht kein Geschrei. Im Supermarkt wird nicht gedrängt und die Zigarettenstummel werden sicher nicht auf dem Spielplatz entsorgt. Den Strassenfeger sehe ich während der zwei Wochen genau einmal. Nach einem Sturm zieht er einen Plastiksack aus dem Gebüsch. Job well done! Trotz seiner grundsätzlichen Abwesenheit wirkt die Anlage stets wie aus dem Ei gepellt.
Obwohl mitten während der Fussball-WM, die der Camper am liebsten auf dem selbstaufblasbaren Sofa («Maar het is duur») und mit dem mitgebrachten Beamer schaut, artet das Gejohle spät in der Nacht nie aus. Ehrlicherweise muss man sagen, dass während unseres Aufenthalts Holland, Österreich, Tschechien, Deutschland, Polen, Belgien und Norwegen bereits ausgeschieden waren – und Dänemark nie dabei. Für 99 Prozent aller BewohnerInnen der Anlage ging es also nur noch darum, dass Argentinien nicht gewinnt. Aber immerhin. Auch sonst artet der Lärmpegel nie aus. Einmal scheppert an einem Nachmittag Gabber aus einem Wohnmobil. Niemand hat gesagt, dass Bünzlis Geschmack haben.
Die Wertsachen, die kann man unter Campern bedenkenlos stundenlang am Strand, besser, am Kies-«Strand», liegen lassen. Camper klauen nicht. Und das vielzitierte Wettrennen um die besten Liegen findet auch nicht statt. Ja, unter Bünzlis, da lebt es sich fein.
Und ich bilde mir das nicht einfach ein. Bei Morgengrauen, wenn die einen schlafen und die anderen joggen, sehe ich vor Dutzenden Zelten, Wohnwagen oder -mobilen ungesicherte Velos, Scooter – ja, es gibt viele dieser Scheisselektroscooter – und andere Wertgegenstände herumliegen. Das Vertrauen ist gross, berechtigt und wird gelebt. Was ich hier so begeistert niederschreibe, wissen und schätzen die Camper natürlich alles.
Und das ist jetzt vielleicht ein Tiefschlag für einige Patrioten hier, die das Schweizersein vor allem über besonnenes Verhalten definieren, aber der Pole, die Ungarin, der Holländer und die Slowakin, die können auch recyceln. Und die Recyclingstation sieht danach nicht aus, als hätte die irische Rugby-Mannschaft darin trainiert. Die bleibt sauber, aufgeräumt und ordentlich. Es braucht dafür keinen laminierten Drohbrief. Das geschieht alles freiwillig – unter Campern.
Tönt ganz schön bieder. Ja, das war es auch. Friedliches Zusammenleben ist kein Punkkonzert. Aber mit dem Punk ist das so eine Sache. Er ist nur als Reaktion auf die gestopfte Elite lustig. Auf dem Campingplatz in Kroatien versammelt sich aber nicht die gestopfte Elite, sondern die Basis, die ehrlich arbeitende Mittelschicht, die mit Stolz den Skoda putzt oder auch den Polestar, ein lödeliges Leoparden-Bikini oder ein Mainz-05-Shirt trägt und im Familienverband einmal im Jahr eine friedliche Zeit verbringen will. In diesen Kreisen den Rebell zu mimen, ist nicht Punk. Es ist einfach nur anstrengend. Statt am Punk orientieren sich Camper vielmehr – ich mutmasse: sehr unbewusst – an Kant. Sie nehmen sich keine Freiheiten heraus, die in irgendeiner Form die Freiheit anderer einschränken könnten. Ich habe das bei einer so grossen Menschengruppe noch nie so eindrücklich erlebt.
Und wie es sich unter Bünzlis gehört, floss auch der Alkohol. Am Strand, besser: am Kies-«Strand», und am Pool manchmal bereits um 11 Uhr. Aber alles in Massen. Wir sahen keine Schlägerei, keine Kotzerei, keinen Streit, keine Kinder, die gewaltsam gemassregelt wurden (was man in Familienhotels durchaus erlebt). Ein gestochen scharfes «Jetzt reiss dich mal zusammen!» war die aggressivste erlebte Erziehungsmassnahme. Sowas leiste ich mir aber auch hin und wieder.
Ja, es gibt schönere Strände, auch Kies-«Strände», denke ich. Es gibt abenteuerlichere Ferien, einfacheren Zugang zum Meer, bessere Restaurants und sicher auch lauschigere Plätzchen mit mehr Privatsphäre. Aber das Erlebnis des rücksichtsvollen Zusammenlebens, die komplette Absenz von Ärgernis-Quellen in einer so grossen Menschenmenge, das hatte ich, auch wegen der heutigen Zeit, bitter nötig.
Es geht eben doch. Wir könnten es. Halb Europa kann zusammenkommen und es läuft so, dass es einfach nichts zu meckern gibt. Und das, ohne an jeder Ecke die Verhaltensregeln erklären zu müssen – rein auf Basis des gesunden Menschenverstands. Der scheint zwischen Sofia und Hammerfest eben doch nicht so unterschiedlich zu sein.
Deshalb bin ich nach diesem Urlaub nicht einfach nur erholt. Mein Vertrauen in die Menschheit wurde reaktiviert. Vielen Dank, liebe Camper. Wenn ich mal wieder ein Grüppchen von euch orientierungslos im Souvenir-Shop von Gottardo Sud sehe («Pap, ik wil terug naar de caravan»), bin ich mir sicher, es wird mir warm ums Herz werden.
