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Leben
Reportage

Kaufsüchtig am Black Friday: «Man soll sich ja auch mal etwas gönnen»

«Man soll sich ja auch mal etwas gönnen» – 3 Betroffene erzählen vom Alltag mit Kaufsucht

Der heutige Tag stellt für sie eine ganz besondere Herausforderung dar – Sina, Merlin und Lea erzählen davon, wie sich die Kaufsucht auf ihren Alltag auswirkt.
25.11.2022, 18:3627.11.2022, 06:00
Anna Böhler
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«70 Prozent Rabatt auf Kopfhörer», «2 Parfums zum Preis von einem», «Nur heute – Tiefstpreisgarantie»: So werden am Black Friday, während der Cyber Week und während des gesamten Dezembers potenzielle Konsumenten in die Geschäfte und Online-Shops gelockt. Was für die einen die Ausnahme ist, ist für andere alltäglich – shoppen ohne Mass, einfach, weil der Preis gerade stimmt und das persönliche Befinden eben nicht.

In der Schweiz leiden 4,8 Prozent der Bevölkerung unter Kaufsucht – dies hat eine repräsentative Studie des Schweizer Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung im Jahr 2019 ergeben. Aufgrund fehlender Forschung wird die Kaufsucht jedoch nach wie vor nicht als eigenständige Verhaltenssucht klassifiziert. Nur ein geringer Teil der Kaufsüchtigen und der Menschen mit problematischem Kaufverhalten suchen sich professionelle Hilfe.

Einsicht ist der erste Schritt

Dies könnte auch damit zu tun haben, dass sie sich selbst nicht als kaufsüchtig einschätzen. Das zeigt das Beispiel von Lea: Sie ist 25 Jahre als und arbeitet als Sachbearbeiterin. Auf die Frage, ob sie kaufsüchtig sei, antwortet sie: «Ich selbst würde nein sagen. Aber mein Umfeld meint immer wieder, ich sei kaufsüchtig. Ich glaube aber nicht, dass es so schlimm ist, dass ich deswegen eine Therapie benötige.»

Und auch Merlin, von Beruf Plattenleger, brauchte etwa ein halbes Jahr, um zu realisieren, dass er unter Kaufsucht litt. Ihm habe ein Umzug vor Augen geführt, wie viele Dinge er eigentlich besitze, wie er sagt. «Was mache ich mit all dem Zeug, brauche ich das wirklich?», fragte er sich selbst und begann, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Von den 40'000 Franken auf seinem Konto waren plötzlich nur noch 15'000 übrig – da machte es Klick.

«Wenn ich noch 500.- CHF auf dem Konto habe, kann ich nicht anders, als diese auszugeben.»

Sina hingegen gibt offen zu, dass sie an Kaufsucht leidet. Jeden Monat leert die Beauty-Mitarbeiterin ihr Konto für Dinge, die sie – wie sie im Nachhinein merkt – eigentlich gar nicht braucht. Am meisten Geld gibt sie für Einrichtungsgegenstände und Dekoration aus, die sie meistens vor Ort im Geschäft kauft. Die 20-Jährige kauft sich aber auch andere Dinge, wie beispielsweise Elektrogeräte. Nachdem sie alle ihre Rechnungen bezahlt hat, schaut sie jeweils, wie viel vom Lohn noch übrig bleibt. «Letztens dachte ich, ich müsse mir jetzt ein Bett kaufen – und das, obwohl ich ja eins habe, das perfekt passt. Wenn ich noch 500 Franken auf dem Konto habe, kann ich nicht anders, als diese auszugeben.»

Signs advertise deals and low prices at a Walmart in Secaucus, N.J., Tuesday, Nov. 22, 2022. After last year's holiday season of skimpy discounts, American are seeing price cuts across the board for t ...
Bild: keystone

Die Preisvergleich-Falle

Die Regelmässigkeit ist ein wichtiger Indikator für Sucht im Allgemeinen. Diese bezieht sich jedoch nicht nur auf die Häufigkeit, mit welcher man effektiv etwas kauft, sondern auch, wie oft man sich Gedanken zum Einkaufen macht. Lea zum Beispiel sieht jeden Tag etwas, was sie sich gerne kaufen würde – in etwa 7 von 10 Fällen kauft sie sich das Objekt der Begierde dann auch, nachdem sie online Preise verglichen hat.

«Wir Menschen sind halt so: Wenn es irgendwo 10 Franken günstiger ist, dann muss ich es jetzt gleich haben.»

Auch bei Merlins Kaufsucht spielte das Preisvergleichen eine grosse Rolle: «Man ist überall mit Preisen konfrontiert und hat es heute sehr einfach, wenn man Preise vergleichen will. Wir Menschen sind halt so: Wenn es irgendwo 10 Franken günstiger ist, dann muss ich es jetzt gleich haben.»

Neuer, besser, schneller

Der Plattenleger kaufte sich während seiner Zeit mit Kaufsucht vor allem Marken-Kleidung. Als er gefragt wird, welches seine unnötigsten drei Einkäufe waren, lacht er und gibt zu, dass es deren weitaus mehr gegeben habe. «Ein T-Shirt muss sicher nicht mehr als 50 Franken kosten – wenn man dafür jetzt achtmal so viel ausgibt, frage ich mich im Nachhinein schon, warum. Man bezahlt ein Vielfaches, sieht aber auf dem Etikett dann, dass es am gleichen Ort produziert wurde, wie das Shirt für 50 Franken.»

Er sagt, er habe immer das Neuste und Beste haben müssen, beschreibt sein Verhalten als zwanghaft. Obwohl er eine funktionierende PS4 zu Hause hatte, bestellte er sich die noch neuere PS5 – und hatte danach ein schlechtes Gewissen.

«Ich verschenke Kleidungsstücke weiter, an welchen immer noch das Etikett hängt.»

Auf das Hoch folgt das Tief

Auf das High folgt bekanntlich ein Low – so geht es auch den befragten Betroffenen. Sie alle fühlen sich kurz nach dem Kauf euphorisch, die neuen Geräte oder Klamotten aus- oder anzuprobieren, oder die neue Dekoration aufzustellen. Einige Tage, oder spätestens Wochen später dann folgt jedoch Ernüchterung. Es folgt die Erkenntnis, dass man etwas gekauft hat, obwohl man es nicht braucht.

Sina, die monatlich zwischen 500 und 900 Franken für unnötige Dinge ausgibt, erzählt: «Nach einigen Wochen, mit Blick auf mein Konto, reut es mich, weil das Geld woanders fehlt. Das ist gefährlich.» Oftmals stelle sie ihre neu erworbene Dekoration gar nie zu Hause auf, sondern lasse sie in der Originalverpackung liegen. Auch Lea verschenkt immer wieder Kleidungsstücke an Freunde, an welchen noch ein Etikett hängt. Weil ihre Ausgaben für Shopping immer wieder ausufern, musste sie am Wochenende auch schon einfach zu Hause sitzen, während alle ihre Freunde ausgingen. Bei Lea setzt das schlechte Gewissen vor allem dann ein, wenn das Geld kurz vor dem nächsten Lohn knapp wird.

Portemonnaie Geldbeutel leer. Kein Geld.
Bild: shutterstock.com

«Man gönnt sich ja sonst nichts»

Die porträtierten Betroffenen erzählen alle davon, dass sie an einem schlechten Tag viel eher versucht sind, unnötig einzukaufen. So erzählt zum Beispiel Sina, dass sie vor allem dann shoppen geht, wenn sie genervt oder ihr Selbstwertgefühl tief ist. Ihre Ausgaben rechtfertigt sie dann so: «Ich rede mir das dann immer schön, indem ich sage: Besser ich gebe mein Geld aus für X oder Y, als dass ich mir beispielsweise Zigaretten kaufe oder im Ausgang das Geld ausgebe.»

«Ich schufte den ganzen Tag auf der Baustelle, dann darf ich mir auch mal etwas gönnen – für irgendetwas arbeite ich ja schliesslich.»

Die Mentalität im Sinne von «Man gönnt sich ja sonst nichts» scheint unter den Befragten eine wichtige Motivation fürs Shopping zu sein. Auch Lea legitimiert ihre Einkäufe im Interview mit der Aussage, man dürfe sich ab und zu doch mal etwas gönnen, mit dem Geld, für welches man täglich zur Arbeit geht. Für sie bedeutet der Kauf neuer Kleidung einen Selbstbewusstseins-Boost: Wenn sie sich nicht selbstsicher fühle, kaufe sie sich neue Sachen, damit sie sich schöner fühlen könne.

Merlin benutzt den Begriff «gönnen» ebenfalls immer wieder, wenn er von seinen unkontrollierten Shopping-Trips erzählt. Gerade dann, wenn er im Job demotiviert war. «Ich dachte halt: Ich schufte den ganzen Tag auf der Baustelle, dann darf ich mir auch mal etwas gönnen – für irgendetwas arbeite ich ja schliesslich. Dieses Gönnen ist irgendwann ausgeartet – wenn es bei der Arbeit nicht so rund lief, stieg der innere Druck, etwas zu kaufen, immer weiter.»

Online Shopping, Laptop und Kreditkarte, Black Friday
Bild: getty

Black Friday als Herausforderung

Der Black Friday stellt für alle drei eine grosse Herausforderung dar – rundherum ist alles voll mit Rabatten und Spezialangeboten, die es den Betroffenen schwer machen, kein Geld auszugeben für Dinge, die sie nicht benötigen.

Lea hat sich fest vorgenommen, am Black Friday nichts zu kaufen, damit sie für den Weihnachtseinkauf genügend Geld hat. Und Sina ist froh, dass sie bis acht Uhr arbeiten muss – dann hätten die Geschäfte grösstenteils sowieso bereits geschlossen und sie komme weniger in Versuchung, ihre Karte zu zücken. «Die Angebote sind aber schon sehr verlockend, muss ich zugeben.»

Merlin hat letztes Jahr zu Black Friday 2500 Franken ausgegeben – an einem einzigen Tag. Gekauft habe er eine Tasche, eine Jacke und eine PS5. Dieses Jahr gelingt es ihm viel besser, die Rabattschlacht zu ignorieren – das habe er zu einem grossen Teil der Hilfe seines Vaters zu verdanken.

Hilfe suchen und annehmen

Merlin traute sich lange nicht, mit seinen Freunden über sein Problem zu sprechen. «Ich hatte Angst, wie meine Freunde darauf reagieren würden – die arbeiten für solche Summen zwei, drei Monate.» Als er bemerkte, wie sehr ihm seine immer häufiger werdenden Shopping-Eskapaden psychisch zusetzten, wandte er sich an seinen Vater, zu welchem er ein enges Verhältnis pflegt. Es habe ihn viel Überwindung gekostet, die Karten offenzulegen – aber trotzdem sei es das einzig Richtige gewesen.

«Für solche Summen arbeiten meine Freunde zwei, drei Monate lang.»

«Viele junge Menschen schaffen diesen Schritt nicht und rutschen so immer weiter ab. Ich habe ihm die Bankauszüge der letzten 12 Monate offengelegt und er nahm sich die Zeit, alle durchzusehen. Er strich mir alle unnötigen Ausgaben mit Leuchtfarbe an. Dann checkte ich: Hätte ich nur meinen Lohn gehabt, ohne mein Erspartes, wäre das niemals möglich gewesen.» Sein Vater rechnete ihm zudem vor, dass Merlin mit diesem Geld locker ein Jahr in den USA hätte herumreisen können – so wie es seit dem Lehrabschluss sein Traum war. «Das tat schon weh», sagt er heute.

Sein übriges Erspartes verwaltet nun sein Vater – Merlin hat bloss noch ein paar Tausend Franken zur Verfügung, sollte er dringend auf eine grössere Summe zurückgreifen müssen.

Die Hürden sind hoch

Echte Schulden haben die drei Erzählenden nie angehäuft – einzig Lea berichtet davon, wie sie teilweise gemahnt wurde, weil sie Rechnungen zu spät bezahlte – zu einer Betreibung sei es jedoch nie gekommen. Professionelle Hilfe gesucht hätten sie sich erst, wenn sie finanziell dermassen in Schieflage geraten wären, dass sie ihre fixen Kosten nicht mehr hätten decken können – also Miete, Essen, Transport und so weiter. Über eben diese finanzielle Schieflage definieren die Befragten das Krankheitsbild eines Kaufsüchtigen – so lange sie noch alle Rechnungen bezahlen können, ist das Problem für sie nicht gross genug, um deswegen Hilfe zu suchen.

«Eigentlich sollte man immer erst Dinge kaufen, wenn einem etwas fehlt.»

Merlin konnte inzwischen viele seiner Klamotten wieder weiterverkaufen und somit einen Teil seiner Ausgaben wieder hereinholen. «Es war ein gutes Gefühl, die Dinge wieder loszuwerden und das Geld zurückzubekommen. Mittlerweile habe ich alles, was ich nicht benutze, wieder verkaufen können.»

Sein Kaufverhalten hat er seit dem Gespräch mit seinem Vater grundlegend verändert. Heute traue er sich manchmal kaum, einen Einkauf zu tätigen, sagt er. «Ich kaufe mir vielleicht alle drei Monate zwei neue Shirts, weil zwei alte kaputtgegangen sind. Eigentlich sollte man immer erst Dinge kaufen, wenn einem etwas fehlt.»

*alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

Anlaufstellen Kaufsucht
Wenn du selbst von Kaufsucht betroffen bist, oder vermutest, dass du es sein könntest, findest du hier Hilfe:
Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel
Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte RADIX
Selbsthilfe Schweiz
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Black Friday

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Black Friday
quelle: ap the register-guard / brian davies
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Der Kampf um das beste «Black Friday»-Schnäppchen

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55 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Umpalumpadumpa
25.11.2022 20:46registriert Oktober 2022
Ich kann den dreien ziemlich gut nachfühlen. Nur weil man keine Schulden hat oder körperlich leidet, heisst das nicht, dass Kaufsucht nicht ernstzunehmen ist. Das Thema Geld und Kaufen schwirrt einem von früh bis spät im Kopf rum, man hat Geldsorgen und ein Gefühl von Versagen und Kontrollverlust und das macht einen schon ziemlich fertig.
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nichtMc
25.11.2022 23:15registriert Juli 2019
Ich war selber mal in einer ähnlichen Situation. Meiner Frau und mir stehen seit min. 10 Jahren ein überdurchschnittliches Einkommen zur Verfügung und trotzdem haben wir heute nur rund 60k auf unseren Kontos.

Klar, Jammern auf hohem Niveau. Insbesondere weil wir in den letzten 11 Jahren rund 60k in Ausbildungen investieren konnten.

Trotzdem hätten wir theoretisch min. 200k zusätzlich sparen können. Stattdessen haben wir unsere mangelnde Freizeit, verursacht durch Überstunden und Ausbildung, mit Konsum kompensiert.

Ein nicht glücklich machender Teufelskreis...
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Mirabella
26.11.2022 02:03registriert November 2020
Und unten folgt sofort der Artikel mit folgender Schlagzeile: "Black Friday! 7 Tipps für eine erfolgreiche Schnäppchenjagd"
Na dann...
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