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Leben
Schweiz

Black Friday: Wenn Shopping süchtig macht – der Experte erklärt

Interview

«Die Gesellschaft ist noch nicht bereit, Shopping und Sucht miteinander zu verknüpfen»

Der Black Friday birgt für Kaufsüchtige ein grosses Risiko – wir haben mit einem Experten darüber gesprochen, was Kaufsucht überhaupt ist und wer daran erkranken kann.
19.11.2022, 12:54
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Im Gegensatz zu anderen Suchterkrankungen ist die Kaufsucht relativ schlecht erforscht. Im Hinblick auf den Black Friday wollten wir vom Experten Renanto Poespodihardjo wissen, wie Betroffene mit der Rabattschlacht umgehen können und wie man herausfindet, ob man vielleicht selbst darunter leidet.

Zur Person
Renanto Poespodihardjo ist leitender Psychologe im Bereich der Verhaltenssüchte an den Universitären psychiatrischen Kliniken in Basel.

Herr Poespodihardjo, was ist eigentlich Kaufsucht?
Renanto Poespodihardjo:
Kaufsucht ist eine Erkrankung. Offiziell gibt es sie nicht – beziehungsweise ist sie nicht im ICD-11 (International Classification of Diseases) aufgelistet. Sie gehört jedoch zu den Verhaltenssüchten, so wie beispielsweise die Geldspielsucht.

Wieso ist sie nicht aufgelistet?
Die wissenschaftliche Forschung und Datenlage dazu ist noch nicht ausreichend, um sie als eigenständige Erkrankung zu klassifizieren.

Woran liegt das? Erkranken denn einfach so wenige daran?
Ich vermute, dass dem ein gesellschafts- und wissenschaftspolitisches Problem zugrunde liegt. Wenn man nämlich schaut, wie viele Menschen daran leiden, lässt sich feststellen: Die Kaufsucht ist unter den Verhaltenssüchten die Krankheit, die am meisten Menschen betrifft. Mehr als beispielsweise von Geldspielsucht betroffen sind.

Wie viele sind in der Schweiz betroffen?
Das grosse Problem ist, dass für die Schweiz keine konkreten Zahlen existieren. Schaut man sich westeuropäische Erhebungen zum Thema Kaufsucht an, reichen die Zahlen von 3 Prozent bis 13 Prozent der Bevölkerung. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass 5 Prozent der Schweizer Bevölkerung im Laufe ihres Lebens einmal eine behandlungsbedürftige Kaufsucht entwickeln. Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges grösser sein – hier hinkt die Forschung nach.

Überrascht Sie diese Zahl?
Nein, es ist verständlich, ist diese Art der Verhaltenssucht so weitverbreitet: Wir alle kaufen. Kaufen ist ein Teil unserer Gesellschaft und wir sind ständig davon umgeben.

Und trotzdem ist die Geldspielsucht viel bekannter – obwohl sie schätzungsweise nur 0,5 bis 1 Prozent der Schweizer Bevölkerung betrifft.
Ebenfalls spannend finde ich, dass es jedes Jahr eine Sensibilisierungskampagne gibt zum Thema Geldspielsucht. Da wird gesagt, man solle aufpassen. Gerade jetzt im Zuge der Fussball-WM wird auf das Risiko von Sportwetten aufmerksam gemacht. In der Schweiz gab es aber noch nie eine nationale Kampagne zum Thema Kaufsucht – fast so, als wäre sie nicht notwendig.

Wie erklären Sie sich das?
Meine Hypothese dazu ist folgende: Etwas, was in der Gesellschaft so hoch bewertet wird wie Shopping, kann nicht mit einer Suchterkrankung in Zusammenhang gebracht werden. Ich glaube, die Gesellschaft ist noch nicht bereit, diese beiden Dinge zu verknüpfen.

Mit welchem Stigma sehen sich Kaufsüchtige konfrontiert?
Ursprünglich gab es vor allem das Stigma rund um die Frau. Das schwache Geschlecht, das prinzipiell einfacher verführt wird. Die Kaufsucht galt früher als absolute Frauenkrankheit, weil es nur wenige Männer gab, die darunter litten. Inzwischen ändert sich das.

Wieso der Wandel?
Die Entstehung einer Suchterkrankung hängt auch immer mit dem dazugehörigen, abhängig machenden Produkt zusammen. Beim Kaufen im Laden – dem terrestrischen Kaufen – werden primär Frauen angesprochen. Bildersprache und Präsentation sollen eher Frauen ansprechen. Beim Gaming zum Beispiel ist die Bildersprache eher maskulin, es sollen Männer hineingezogen werden in das Spiel. Heutzutage wird jedoch immer mehr online eingekauft, von Männern wie Frauen.

Das bedeutet ...?
Früher genoss man die Ware im Laden, nun jagt man sie immer mehr online. Man sucht nach dem günstigsten Produkt, vergleicht und begibt sich auf die sogenannte Schnäppchenjagd. Nur schon das Wort Jagd hat etwas sehr Männliches. Die Bildersprache ist online neutraler als in der Filiale, weil das Internet eben beide Geschlechter stärker ansprechen will.

Wie wirkt sich dies aus?
Wir haben jetzt mehr Männer, deren Jagdinstinkt geweckt wird und die von diesem Jagen angesprochen werden. Und wir haben somit auch mehr Männer, die an einer Kaufsucht erkranken. Hinzu kommt, dass beispielsweise Fashion längst nicht mehr ein reines Frauenthema ist. Die Industrie möchte natürlich auch die Männer mit ihrer Mode beliefern.

Wie wird die Kaufsucht vom Marketing beinflusst?
Die Konsumgüterindustrie fragt nicht nach den Bedürfnissen ihrer potenziellen Kunden, sondern danach, wie solche Bedürfnisse konstruiert werden können.

Wir müssen essen, wir müssen trinken – weil sonst unsere Bedürfnisse nicht erfüllt sind und wir nicht mehr funktionieren. Es ist natürlich optimal, dass Produktentwickler es geschafft haben, dieses ‹Ich muss etwas haben› auf beispielsweise einen Pullover oder eine Hose zu übertragen.

Welche Menschen können an Kaufsucht erkranken?
Grundsätzlich alle, denn wir sind alle dem Kaufen ausgesetzt. Das Risiko ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich gross.

Welche Faktoren erhöhen das Risiko, kaufsüchtig zu werden?
Wer emotional belastet ist, hat ein höheres Risiko, an einer Sucht im Allgemeinen zu erkranken. Wenn der Konsum dafür genutzt wird, negative Emotionen zu regulieren, besteht eine grössere Gefahr, abhängig zu werden. Menschen, die in einer Familienkultur aufwachsen, in welcher das Konsumieren – ‹Kleider machen Leute› – eine grosse Rolle spielt, sind ebenfalls einem höheren Risiko ausgesetzt.

Ab wann ist man kaufsüchtig?
Eine Erkrankung liegt dann vor, wenn man unter anderem Kontrollverlust erlebt. Dieser zeigt sich zum Beispiel daran, dass man zwar mit negativen Konsequenzen für sein Handeln rechnet, es aber dennoch tut.

Haben Sie ein Beispiel für eine solche Konsequenz?
Natürlich. Ein gutes Beispiel ist die illegale oder moralisch fragwürdige Geldbeschaffung: eine fremde Kreditkarte benutzen, aus einer Kasse stehlen, Freunde belügen, um an mehr Geld zu kommen.

Was ist ein weiteres Indiz dafür, dass eine Kaufsucht vorliegen könnte?
Die Gefühle, die mit dem Kaufen verbunden werden. Erstens geht es darum, wie ich mich nach dem Kauf fühle – sind es Schuldgefühle, Scham oder Traurigkeit und innere Leere? Und auch, aus welcher emotionalen Lage heraus man seine Käufe tätigt: Kaufe ich ein, wenn ich mich schlecht fühle und nicht gut drauf bin? Ein weiteres Indiz für die Kaufsucht ist, dass sich Betroffene rund um die Uhr mit Gedanken ans Kaufen beziehungsweise Nicht-Kaufen beschäftigen.

Welche Fragen kann man sich stellen, um herauszufinden, ob man von Kaufsucht betroffen ist?

  • Kann ich ehrlich dazu stehen, was ich alles eingekauft habe, wenn mich jemand danach fragt?
  • Wenn ich mir sage, ich will für eine bestimmte Zeitdauer nicht mehr einkaufen, was ich nicht dringend brauche – halte ich mich daran?

Wenn beide Fragen mit Nein beantwortet werden, sollte ich mir Gedanken zu meinem Kaufverhalten machen und vielleicht Hilfe suchen oder zumindest einmal mit einem guten Freund oder einer guten Freundin darüber sprechen, was sie dazu meinen.

Wie wirkt sich der Black Friday auf Kaufsüchtige aus?
Für Kaufsüchtige ist das jetzt gerade eine sehr schwere Zeit, auch im Dezember, wenn die Weihnachtsverkäufe losgehen, wird es nicht besser. Vor allem jene Kaufsüchtigen, die immer auf der Jagd nach dem günstigsten Preis sind, werden mit diesen Aktionen extrem verführt.

Was raten Sie den Betroffenen für die nächsten Wochen?
Man sollte sich bewusst machen, was man wirklich benötigt und dann eine «Bedarfsliste» anfertigen und sich daran halten. Zudem sollte man klar beziffern, wieviel Geld maximal für diese «Bedarfskäufe» zur Verfügung steht.

Sollte dies nicht möglich sein und man läuft Gefahr, Haus und Hof zu versetzen, dann hilft nur eins: Am besten geben Sie Ihr Geld jemand anderem, um darauf aufzupassen – die Karte am besten gleich auch. Man könnte es auch versuchen mit sozialen statt materiellen Belohnungen – also einem Fondueplausch mit guten Freunden oder einer Winterwanderung. Man muss sich bewusst ablenken und diesen Reizen des Black Fridays etwas Positives, Soziales entgegensetzen – dann kann es klappen.

Anstelle des Konsumrauschs, könnte man einen berauschenden November mit spannenden und liebenswerten Menschen planen.

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28 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fretless Guy
19.11.2022 13:51registriert Juli 2018
"Beim Kaufen im Laden – dem terrestrischen Kaufen – werden primär Frauen angesprochen."

Und Männer im Baumarkt 😍🪚🔧🪛🧰🔨🤩
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