Warum «Brand New Day» Tom Hollands bester Spider-Man-Film ist
In Zeiten, in denen mich die meisten Superheldenfilme nicht mehr reizen und alles wie Einheitsbrei wirkt, schafft es «Spider-Man», einen Ton zu treffen, der auch 2026 noch frisch bleibt. Es ist Tom Hollands vierter Solo-Auftritt als Spider-Man – und macht ihn damit zum am längsten amtierenden Peter Parker im Marvel Cinematic Universe (MCU). Höchste Zeit also, dass sich Marvel endlich der Frage widmet, wer Spider-Man eigentlich ist.
Seit vier Jahren lebt Peter Parker ein einsames und zurückgezogenes Leben. Wir erinnern uns an die Ereignisse aus «No Way Home»: Spider-Mans Identität wurde aufgedeckt, und damit er die Menschheit retten konnte, musste er alle vergessen lassen, wer Peter Parker ist. Dazu zählten auch sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) und seine Freundin MJ (Zendaya).
Deren Leben verfolgt er nun von Weitem mit traurigem Hundeblick, während er an seinem Spidy-Anzug herumbastelt, das Grab seiner Tante May besucht und einer Detektivin hilft, Verbrecher zu fassen.
In «Spider-Man: Brand New Day» legt Tom Holland seinen bislang stärksten Auftritt als Marvel-Held hin. Er zeigt eine emotionale Tiefe, die man von ihm in dieser Form noch nicht gesehen hat, und beweist gleichzeitig, dass er den typischen Spider-Man-Humor keine Sekunde verliert. Genau diese Balance zwischen echter Verletzlichkeit und lockeren Sprüchen macht seinen Peter Parker in diesem Film so fesselnd. Und auch Zendaya überzeugt mit ihrer schauspielerischen Leistung, und man muss sie halt auch einfach lieben.
Der Film verzichtet bewusst auf eine überladene Aneinanderreihung prominenter Gastauftritte von anderen Marvel-Figuren, die lediglich dem Fanservice dienen.
Klar, der eine oder andere Avenger oder Marvel-Charakter kommt vor. So etwa holt sich Peter Parker Rat von Bruce Banner, der an einer Universität als Professor arbeitet. Zu keiner Zeit wirkt dies aber fehl am Platz. Die Gastauftritte haben alle einen Zweck und sind gut in die Story eingearbeitet.
Die Fans erhalten einen tiefgründigen Einblick darin, wer Spider-Man wirklich ist. Im Verlaufe des Filmes muss sich dieser nämlich selbst entdecken, und als Zuschauer ist man mittendrin.
Hier setzt auch der Ton von Regisseur Destin Daniel Cretton an, der von Jon Watts übernommen hat, der die bisherigen drei Filme inszenierte. Cretton legt den Fokus konsequent auf Peters Verletzlichkeit – etwas, das auch Zendaya kürzlich in einem Interview bestätigte: «Ich glaube, dass wir Peter noch nie so verletzlich gesehen haben. Ich denke, er war schon oft in sehr schwierigen Situationen, aber er war noch nie völlig isoliert und ganz auf sich allein gestellt. Ich glaube, das verändert die gesamte Dynamik des Films.» Und Cretton hat genau diese Einsamkeit perfekt eingefangen und Holland weiss sie perfekt zu inszenieren.
Ein neuer Feind für New York
Doch Peters Einsiedler-Existenz nimmt bald ein jähes Ende, als ein neuer Bösewicht New York City bedroht. Es ist etwas Böses, das noch niemand zuvor gesehen hat, und niemand weiss, wie man dies bekämpft.
Spidy schliesst sich schliesslich mit dem Punisher (Jon Bernthal) zusammen, und dieses Zweiergespann mit Frenemy-Energie strotzt nur so vor Sarkasmus. Bitte mehr davon!
Dann tritt Sadie Sink auf den Plan. Als Bösewicht macht sich die «Stranger Things»-Darstellerin bereits früh im Film bemerkbar, obwohl wir ihr Gesicht erst ab der Filmhälfte tatsächlich zu sehen bekommen.
Es sind ihre Fähigkeiten, die einen entscheidenden Moment darstellen, denn diese stehen dafür, dass man alles andere sein möchte, ausser einem selbst. Während des Films entwickeln sich Peters Spider-Man-Kräfte und die Spinnen-DNA wird immer stärker und droht, überhandzunehmen. Dies zwingt Peter dazu, darüber nachzudenken, wer er wirklich ist, und eine harte Entscheidung zu treffen, was es zu einem der besten Spider-Man-Filme bisher macht.
Der Hype um die Marvel-Filme ist längst vorbei. Doch die sogenannte Marvel-Müdigkeit gilt nicht für Spider-Man. Cretton weiss allerdings: Damit das so bleibt, muss sich die Figur weiterentwickeln.
Grosse Erwartungen an das MCU
Die Erwartungen an «Brand New Day» sind riesig, nachdem «No Way Home» aus dem Jahr 2021 mit weltweiten Einspielergebnissen von 1,9 Milliarden US-Dollar zu einem Popkultur-Phänomen wurde. Zwar hatte Marvel in den letzten Jahren sowohl Höhen («Deadpool» und «Wolverine») als auch Tiefen («Captain America: Brave New World») zu verzeichnen, doch «Brand New Day» dürfte das MCU im Vorfeld von «Avengers: Doomsday» im Dezember wieder auf eine solide Grundlage an den Kinokassen bringen.
«Brand New Day» fühlt sich wie ein klassischer Spider-Man-Film an. Wir sehen, wie Peter Verbrechen aufklärt, in der Stadt lebt, die ihn wertschätzt, und versucht, die Liebe der Menschen zurückzugewinnen, die er verloren hat. Wir sehen, wie Spider-Man durch die Fassaden von Wolkenkratzern kracht und mit dem Hintern voran auf dem Boden landet, nachdem er von einer Feuerleiter gestürzt ist. Die Kampfszenen selbst bleiben dabei aber eher solide als wirklich überwältigend – dem Film hätte an dieser Stelle etwas mehr visueller Mut gutgetan. «Spider-Man: Brand New Day» ist nicht makellos, doch man spürt darin das Fortleben einer Tradition, die 2002 begann – und gleichzeitig ein waches Bewusstsein für das schwierige Umfeld, in dem der Film heute steht. Diesen Spagat hinzubekommen, das schafft wohl nur einer: Peter Parker.
In der Schweiz kannst du «Spider-Man: Brand New Day» ab dem 29. Juli im Kino schauen. Die Laufzeit liegt bei 2 Stunden und 25 Minuten.
