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Odyssey: Deshalb hasst Antiken-Expertin Emily Wilson Nolans Kinofilm

«Miserabel!»: Diese Frau HASST Nolans «Odyssey» aus tiefstem Herzen

28.07.2026, 16:3328.07.2026, 16:33

Das gab es noch nie. Am Montag, dem 27. Juli 2026, brach die Seite der sonst im Internet eher gemütlich unterwegs seienden «London Review of Books» zusammen. Nichts ging mehr. Jemand fragte auf den sozialen Medien, ob das wegen dem «Odyssey»-Verriss von Emily Wilson sei. Das Literaturmagazin schrieb: «Short answer: yes.»

Frau Wilson war not amused. Die Altphilologin ist die bedeutendste lebende Übersetzerin antiker Texte. Aufgewachsen ist sie in Oxford, ihre Mutter war Literaturwissenschaftlerin, ihr Vater ist Schriftsteller, Emily Wilson selbst ist Professorin für Classical Studies an der University of Pennsylvania. Ihre Übersetzungen von Homers Versepen «Odyssee» und «Ilias» gelten seit Jahren als die besten, die zu haben sind.

Das findet auch Christopher Nolan, und auf seiner riesengrossen «Odyssey»-Pressetour erwähnte er Emily Wilson ehrfürchtig und lobend. Seither verkauft sich ihre «Odyssee»-Übersetzung rasend gut. Dafür ist sie Nolan auch dankbar. Für den Film nicht. Zu Nolans Drehbuch sagt sie: «Ich würde mich dafür schämen, wenn ich davon auch nur einen kleinen Teil geschrieben hätte.»

EDINBURGH, SCOTLAND - AUGUST 13: British-American author and translator Emily Wilson attends the 2024 Edinburgh International Book Festival on August 13, 2024 in Edinburgh, Scotland. (Photo by Roberto ...
Emily Wilson weiss wahrscheinlich mehr über die «Odyssee» als jeder andere lebende Mensch. Und damit auch mehr als Christopher Nolan.Bild: Getty Images Europe

Nolans Homer-Adaption, findet Wilson, fehle es «an psychologischer, emotionaler, politischer und ethischer Tiefe. Seine Erzählstruktur ist effekthascherisch. Der Schreibstil ist miserabel. Keine der Figuren hat eine überzeugende Motivation für ihre Handlungen oder Worte. Es gibt keine Sexszenen, und das Essen sieht allesamt furchtbar aus.»

(Schüchterne Anmerkung: Es gibt eine Sexszene zwischen Matt Damon und Anne Hathaway, und das Essen MUSS schrecklich aussehen.)

Sie ärgert sich über so ziemlich restlos alles, auch darüber, dass Nolans trojanischem Pferd die Räder fehlen.

(Noch schüchternere Anmerkung: Nolan wollte kein trojanisches Rösslein Hü zeigen, sondern die im Sand steckende Freiheitsstatue aus «Planet of the Apes» zitieren. Ein sich aufbäumendes Pferd ohne Räder steckt natürlich einfach imposanter im Sand als eines mit Rädern. Aber egal, das ist so Film-Nerdzeugs und Wilson ist kein Film-, sondern ein Homer-Nerd.)

This image released by Universal Pictures shows a scene from "The Odyssey." (Melinda Sue Gordon/Universal Pictures via AP)
Film Review - The Odyssey
Hier das Pferd aus «The Odyssey.Bild: keystone
Planet of the Apes Directed by Franklin J. Schaffner Shown: Final scene with the Statue of Liberty PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Mandatory credit line: Image courtesy 20th Century Fox 20th Century F ...
Und hier die Freiheitsstatue aus «Planet of the Apes».Bild: www.imago-images.de

Sie findet alle Figuren himmelschreiend unterkomplex, gerade auch die Frauen. Etwa Charlize Theron als Calypso: «Charlize Therons Calypso sieht umwerfend aus, aber sie ist niemals wütend, niemals witzig, nicht redegewandt und wird niemals von der Begierde nach ihrem zerzausten sterblichen Opfer überwältigt. Sie ist eine unbezahlte Therapeutin, die die Seele des zerzausten, von posttraumatischen Belastungsstörungen geplagten Odysseus mit Drogen beruhigt und sich geduldig seine zusammenhanglose Leidensgeschichte anhört.»

(Da stimmen wir ihr jetzt voll und ganz zu. Weil es stimmt.)

Ein ganz kleines bisschen vermittelt Wilsons furioser, oft sehr lustig zu lesender und absolut empfehlenswerter Vollverriss den Eindruck, dass sie ein ganz kleines bisschen beleidigt ist, weil sie nicht von Nolan als Expertin beigezogen wurde und dass er sich so selbstbewusst für eine subjektive Interpretation von Homer entschieden hat. Immerhin gibt sie zu, dass er a) formidables Unterhaltungskino gemacht und b) das Interesse an allem, was mit der «Odyssee» zu tun hat, auf eine Art neu entfacht habe, wie das einer Akademikerin wie ihr nicht möglich sei.

(sme)

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