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Analyse

Abstimmung zur EFAS: Die Kantone sind die einzigen grossen Gewinner

Flyer vom Komitee Ja zur einheitlichen Finanzierung der Gesundheitsleistungen fotografiert auf Boden am Montag, 11. November 2024 in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Flyer des Ja-Lagers zur einheitlichen Finanzierung der Gesundheitsleistungen.Bild: KEYSTONE
Analyse

Gesundheitsreform EFAS: Eine «Vorlage der Gesundheitslobby»?

So gut wie alle Interessensverbände des Gesundheitswesens sind für die einheitliche Finanzierung (EFAS). Weil sie davon profitieren werden? Und die Prämienzahlenden den Kürzeren ziehen? Jein, zeigt der watson-Überblick.
17.11.2024, 14:3817.11.2024, 16:21
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Eine Abstimmungsvorlage der Gesundheitslobby. So nennen die Gegnerinnen und Gegner – allen voran die SP und die Gewerkschaft VPOD – die EFAS, die «einheitliche Finanzierung von ambulant und stationär», über die wir am 24. November abstimmen werden. Dieses Argument könnte bei der Stimmbevölkerung fruchten. Die neusten Umfragen deuten auf ein knappes Rennen hin.

Denn tatsächlich fällt auf: So gut wie alle Interessensvertreter im Gesundheitswesen sprechen sich für die EFAS aus. Sie erklären es damit, dass nach 14 Jahren Diskussionen und Verhandlungen im Parlament endlich ein Kompromiss zustande gekommen ist.

Das Argument, das alle für die Vorlage nennen: Die EFAS eliminiere Fehlanreize. Bisher sei es für Krankenkassen und Prämienzahlende nämlich attraktiver gewesen, dass Patientinnen und Patienten stationär behandelt werden. Weil dort der Kanton bis zu 55 Prozent der Kosten übernahm, im Gegensatz zu den ambulanten Behandlungen, die Prämienzahlende und Krankenkassen vollends selbst übernehmen mussten.

Mit der EFAS würde man diese Fehlanreize abschaffen. Mit dem hoffentlich positiven Effekt: Ambulante Behandlungen würden zunehmen, die Krankenkassenprämien weniger schnell steigen, vielleicht sogar sinken – denn ambulant ist günstiger als stationär.

Ob diese Hoffnungen Realität werden, ist schwierig abzuschätzen. Es stellt sich also die Frage: Profitieren die einzelnen Akteure unseres Gesundheitswesens auch noch auf einer anderen Ebene von der EFAS? Oder haben sie sich nun wirklich einfach mal für einen Kompromiss zusammengerauft? Antworten liefert die Analyse ihrer Argumente.

Patientenorganisation: Dafür, trotz Vorbehalten

Wenn eine Organisation für die Interessen der Patientinnen und Patienten sprechen sollte, dann ist es die Patientenorganisation SPO. Und diese steht hinter der EFAS. «Wenngleich die konkrete Vorlage aus unserer Sicht auch einige Unklarheiten beinhaltet.»

So sei aus Sicht der Prämien- und Steuerzahlenden noch völlig unklar, wie sich die Vorlage konkret auswirken werde. «Es ist durchaus möglich, dass es nicht zu den gewünschten Spareffekten, sondern zu keinen Effekten oder Kostensteigerungen kommt. Das ist aus heutiger Perspektive noch nicht zu beurteilen», schreibt die SPO.

Ein Rollstuhl steht vor einem Zimmer an einer Medienorientierung der Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt betreffend Ausbildungsoffensive Pflege in der Stiftung Hofmatt in Muenchenstein, am Donner ...
Der SPO sagt: «Niemand wird freiwillig Patient.» Vielen wären sich den verschiedenen Finanzierungsmodellen daher gar nicht bewusst.Bild: KEYSTONE

Trotzdem habe man sich für die Unterstützung der Vorlage entschieden. Entscheidend sei für die SPO, dass die EFAS potenziell positive Auswirkungen darauf haben könne, dass Patientinnen und Patienten jene Behandlungen erhalten würden, welche für sie passender und nicht welche lukrativer seien. Denn:

«Es ist nachgewiesen, dass es in vielen Regionen Über- oder Fehlversorgung gibt, die nicht medizinisch indiziert ist.»
Patientenorganisation SPO

Mit der EFAS würden zumindest theoretisch bessere Voraussetzungen bestehen, um ganzheitliche Behandlungen zu fördern.

Die SPO setzt also auf das Prinzip Hoffnung. Dies aber durchaus aus einer realistischen Perspektive. So stellt die Patientenorganisation klar:

«Die Vorlage ändert nichts an der Grundproblematik, nämlich dass Einzelleistungen vergütet werden.»
Patientenorganisation SPO

Das bedeutet: Auch mit der EFAS haben alle, die Gesundheitsleistungen erbringen, von den Ärzten, über die Physiotherapeutinnen, Kliniken, Spitäler bis zur Spitex, den Anreiz, so viele Leistungen zu «verkaufen» wie möglich.

Pflegeverband: Weder dafür noch dagegen

Der Berufsverband der diplomierten Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) gehört zu den wenigen Verbänden im Gesundheitswesen, welche die EFAS nicht unterstützen. Er ist allerdings auch nicht dagegen. Der SBK hat Stimmfreigabe beschlossen. Die EFAS berge für die Pflege sowohl Vor- als auch Nachteile.

Der Grund, warum die Pflegenden die Vorlage nicht befürworten können, liegt in einem Detail: Dass die Kantone darauf bestanden haben, dass die Langzeitpflege – also beispielsweise in der Spitex oder in Alters- und Pflegeheimen – in die Vorlage integriert wird.

Heute bezahlen die Krankenkassen Pflegeleistungen mit einem fixen Anteil, während die Kantone für die Finanzierung der Restkosten zuständig sind. Diese Kosten dürften in Zukunft deutlich steigen, weil die Schweizer Bevölkerung immer älter wird. Gegnerinnen und Gegner werfen den Kantonen deshalb vor, dass diese die EFAS dazu nutzen, um sich den Kosten für die Langzeitpflege zu entledigen.

Der SBK spricht diesen Vorwurf nicht so direkt aus. Er hält lediglich fest, dass der Pflegebereich mit EFAS einen neuen, schweizweiten Tarif brauche, der kostendeckend sei. Insbesondere, damit die Pflegeinitiative umgesetzt werden könne. «Auf diese Forderung wurde eingegangen und ein entsprechender Passus im Gesetz aufgenommen», hält der SBK fest.

Blutdruckmessung an einer Medienorientierung der Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt betreffend Ausbildungsoffensive Pflege in der Stiftung Hofmatt in Muenchenstein, am Donnerstag, 19. September  ...
Die Pflegenden könnten mit der EFAS den Kürzeren ziehen.Bild: keystone

Der SBK habe zudem gefordert, bei den Tarifverhandlungen mitreden zu können. Gesetzlich verankert hat man diese Forderung allerdings nicht. Das Parlament hat sie lediglich zur Kenntnis genommen. Die Verhandlungen zum neuen Tarif sind noch nicht gestartet.

Damit steigt seitens des SBK die Unsicherheit darüber, ob sich der Spardruck in der Pflege, der sich schon heute auf das Personal auswirkt, mit der EFAS noch mehr erhöhen könnte. Denn wie der SBK schreibt:

«Die bestehende Unterfinanzierung der Langzeitpflege wird zementiert, wenn basierend auf heutigen Daten – ohne, dass die Pflegeinitiative umgesetzt ist – Tarife entwickelt werden.»
Pflegeverband SBK

Vor allem auch deshalb, weil die Krankenkassen mit der EFAS mehr Macht darüber erhalten würden, wohin die Milliarden Franken von Steuergeldern und obligatorischen Krankenkassenprämien fliessen würden. Der Verband findet, «dass die Steuerung des Gesundheitssystems demokratisch legitimiert sein muss». Denn wer zahlt, bestimmt. Diese Bedenken äussert der SBK allerdings ebenfalls nicht so direkt. Er legt sie lieber den anderen Gegnerinnen und Gegnern der Vorlage – dem VPOD und dem Schweizerischen Gewerkschaftsverbund – in den Mund und listet sie auf ihrer Website bei den Vor- und Nachteilen der EFAS auf.

Der SBK schreibt abschliessend nur:

«Wir fordern unsere Mitglieder auf, sich genau über die Vorlage zu informieren.»
Pflegeverband SBK

Spitex: Dafür

Einen wichtigen Teil der Pflegeleistungen im Land übernimmt die Spitex, die «spitalexterne Hilfe und Pflege». Sie bietet ausschliesslich ambulante Pflege an. Mit der EFAS steigt der Anreiz für Krankenkassen, ambulante Pflege durch die Spitex zu fördern. Denn diese hat so gut wie in jedem Bereich ambulante Angebote im Petto.

Es leuchtet daher ein, dass der Dachverband Spitex Schweiz auf Anfrage von watson schreibt, er setze sich «klar FÜR» die EFAS ein. Das heutige System würde dazu führen, «dass die Krankenversicherer einen Eintritt ins Pflegeheim unterstützen, auch wenn die Gesamtkosten der Pflege im ambulanten Bereich tiefer liegen und eine Person durchaus noch zu Hause gepflegt werden könnte». Das sei weder im Sinne der zu pflegenden Personen, noch sei es fair für die Prämienzahlenden.

Die Spitex Pflegefachfrau Helene Widrig spricht mit dem Mann einer Kundin, aufgenommen waehrend der Coronavirus-Pandemie, am Mittwoch, 20. Mai 2020, in Wittenbach. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Pflege, Betreuung und Unterstützung in den eigenen vier Wänden, das bietet die Spitex.Bild: KEYSTONE

Ein zweites Argument, das die Spitex Schweiz für die EFAS anführt:

«Das heutige Finanzierungssystem ist sehr kompliziert.»
Spitex Schweiz

Aktuell lege der Bund fest, welchen Teil der Pflegekosten die Krankenkassen tragen müssten. Über die verbleibenden Restkosten würden die einzelnen Kantone – und in manchen Fällen auch die Gemeinden – entscheiden.

Wie hoch diese Beiträge zur Deckung der Restkosten sind, würden Kantone und Gemeinden jährlich anpassen, «was für die Pflegeorganisationen wie die Spitex zu einem grossen administrativen Aufwand und zu Planungsunsicherheit führt». Je nach Kanton oder Gemeinde würde die Restfinanzierung sogar nicht ausreichen, um die Kosten der Spitex zu decken, «was letztendlich auf die Spitex-Organisationen und Pflegeheime zurückfällt», schreibt der Dachverband. Mit der EFAS wäre dieses Problem Vergangenheit.

Pro Senectute: Dafür, trotz Vorbehalten

Die grosse Sorge der Gegnerinnen und Gegner ist, dass die EFAS den Spardruck bei Pflegeleistungen erhöht. Und dass am Ende nicht nur die Pflegenden die Leidtragenden wären, sondern auch die Patientinnen und Patienten. Im Falle der Langzeitpflege vor allem: ältere Menschen.

Bundesraetin Eveline Widmer-Schlumpf an einer Medienkonferenz am Mittwoch, 28. Oktober 2015 in Bern. BDP-Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf hat sich entschieden, dass sie nicht mehr als Bundesra ...
Alt-Bundesrätin der BDP, Eveline Widmer-Schlumpf, weibelt an der Spitze von Pro Senectute für die EFAS.Bild: KEYSTONE

Diese Bedenken teilt Alt-BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf allerdings nicht. Sie ist die Präsidentin des Dachverbands Pro Senectute Schweiz, der sich für bessere Lebensbedingungen im Alter einsetzt. In einer Medienmitteilung lässt sie sich im Namen von Pro Senectute wie folgt zitieren:

«Menschen, die so lange wie möglich in ihrem vertrauten Umfeld betreut und gepflegt werden, profitieren in der Regel von besseren Lebensbedingungen und einer höheren Lebensqualität.»
Pro-Senectute-Chefin und Alt-BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf

Die EFAS würde bei allen Formen der Pflege den Druck eliminieren, ältere Menschen vorschnell ins Heim zu überweisen.

Eine Bewohnerin der Altersresidenz Singenberg lauscht Ilaria Sieber-Pedrotti und Oriana Kriszten, Violinistinnen des Sinfonieorchester St. Gallen, bei einem Gratiskonzert mit Sicherheitsabstand. waehr ...
Nicht alle älteren Menschen müssen sofort ins Pflege- und Altersheim, nur weil sie im Alltag auf Unterstützung angewiesen sind.Bild: KEYSTONE

Deutlich weniger klar positioniert sich Pro Senectute in seiner Antwort auf die direkte Anfrage von watson. Anstatt anzugeben, dass der Verband die EFAS befürwortet, schreibt er nur: «Pro Senectute ist der Vorlage gegenüber positiv eingestellt.» Dies aus der Hoffnung heraus, dass die EFAS etwas gegen die hohe Prämienlast der Menschen – nicht nur der älteren Bevölkerung – bewirken könnte.

Gleichzeitig äussert Pro Senectute in seiner Antwort aber auch Bedenken:

«Ob und wie gross die Effekte auf das Wachstum der Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien sein werden, lässt sich aufgrund fehlender Daten und komplexer Wirkungszusammenhänge nicht genau abschätzen.»
Pro Senectute Schweiz

Aus seiner Sicht bräuchte es für sinkende Krankenkassenprämien noch weitere Massnahmen.

Pflege- und Altersheime: Dafür

Auch die nationalen Branchenverbände für Alters- und Pflegeheime, Curaviva und Artiset, sagen auf Anfrage von watson, dass sie die EFAS «ausserordentlich» begrüssen. Aus demselben Grund, den auch Pro Senectute aufführte: Dass die Entscheidung, wie viele Pflege- und Betreuungsleistungen eine Person in Anspruch nimmt, nur noch von ihrem Bedarf abhängen würde. Nicht davon, für wen welche Kosten anfallen.

ARCHIV - 07.02.2024, Baden-Württemberg, Filderstadt: Eine Bewohnerin eines Pflegeheims wird von einer Pflegerin einen Gang entlang geschoben. (zu dpa: «Pflegebeitrag könnte 2025 erneut steigen») Foto: ...
Eine Pflegeheim-Bewohnerin wird von einer Pflegerin einen Gang entlang geschoben.Bild: DPA

Dass die Krankenkassen den Spardruck auf das Pflegepersonal erhöhen könnten, diese Angst herrscht bei den Alters- und Pflegeheimen nicht vor. Artiset hofft nämlich, dass die Pflegeheime künftig bei den Tarifen mitreden können. Anders als heute, wo Bund und Kantone bestimmen.

Die Ärztinnen und Ärzte: Dafür

Sowohl der Verband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH als auch der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte VSAO ist für die EFAS. Beide begründen ihre Unterstützung darin, dass die EFAS den Patientinnen und Patienten zugutekommt. Ohne die EFAS würden die unterschiedlichen Finanzierungsinteressen die Behandlung weiterhin torpedieren.

ARCHIV - 19.07.2018, NA, ---: Ein Arzt operiert einen Patienten am Knie. (zu dpa: �Kassen-Gutachter: Behandlungsfehler f�hren zu 270 Sch�den�) Foto: Sven Hoppe/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Auch Ärztinnen und Ärzte unterstützen die EFAS.Bild: keystone

Die Assistenzärztinnen und -ärzte äussern zudem die Hoffnung auf bessere Arbeitsbedingungen durch die EFAS. Aktuell könnten die Spitäler ihre Kosten nicht decken. Deshalb seien die Spitäler unter Druck, beim Personal zu sparen. Trotz Fachkräftemangel. Darum hofft der VSAO:

«Wenn in Zukunft mehr ambulant behandelt wird, fallen in gewissen Bereichen im Spital weniger Nachtschichten an. Das kann die Attraktivität der Gesundheitsberufe steigern und so gegen den ausgeprägten Fachkräftemangel helfen.»
VSAO

Gleichzeitig gibt der VSAO zu: «Die einheitliche Finanzierung löst nicht alle Probleme und Herausforderungen des Gesundheitswesens auf einen Schlag. Aber sie ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.»

Rehabilitationskliniken: Dafür

Aufenthalte in Rehabilitationskliniken sind heute mit stationären Behandlungen in Spitälern gleichgestellt. Darum sind Reha-Kliniken direkt von der EFAS betroffen. Gemäss dem Dachverband der Reha-Kliniken, Swiss Reha, bestehe heute für Kantone ein Anreiz, «in der Spitalplanung die stationäre Rehabilitation möglichst kleinzuhalten». Indem sie Reha-Kliniken nicht auf ihre Spitallisten setzten oder auch für gewisse Reha-Behandlungen keinen Leistungsauftrag vergäben.

Ein Patientin des Schweizer Paraplegiker-Zentrums geht mit dem Exoskelett und einer Therapeutin durch den Gang, aufgenommen am Dienstag, 26. Februar 2024 in Nottwil. Mit dem Exoskelett koennen Betroff ...
Eine Frau lernt in einer Klinik wieder laufen.Bild: KEYSTONE

Der Verband hofft, dass die EFAS dafür sorgen wird, dass sich die Kantone bei der Vergabe von Leistungsaufträgen nicht mehr auf die finanziellen Aspekte fokussieren, sondern darauf, welche Behandlungen die Bevölkerung tatsächlich braucht. «Nachteile sind keine zu befürchten», schreibt Swiss Reha weiter. Indirekt hofft der Verband aber natürlich auch darauf, dass es zu mehr Reha-Aufenthalten kommt, wenn mehr Reha-Kliniken einen Leistungsauftrag erhalten.

Physioswiss: Dafür

Physioswiss schreibt auf Anfrage:

«Viele Physiotherapeutinnen und -therapeuten stellen in der Praxis fest, dass Patientinnen und Patienten teilweise nicht die optimale Behandlung zukommt.»
Physioswiss

So würden beispielsweise Operationen zu früh oder unnötig durchgeführt. Der Grund: Im heutigen Finanzierungssystem würden Krankenkassen eine Operation gegenüber einer allenfalls längeren, aber dennoch kostengünstigeren ambulanten Behandlung bevorzugen. Weil diese die Kantone zahlen. Physioswiss spricht sich deshalb für die EFAS aus.

Physiotherapie
Die Physiotherapiepraxen sind dem steigenden Bedarf durch die EFAS womöglich gar nicht gewappnet.Bild: Shutterstock

Dies aber nicht ganz uneigennützig. Das gibt der Verband auch zu:

«Wir sind uns bewusst, dass mit der Ambulantisierung ein Kostenschub bei den physiotherapeutischen Leistungen ausgelöst wird.»
Physioswiss

Heisst übersetzt: Physiotherapien würden dank EFAS noch mehr Zulauf bekommen. Dies würde im Sinne der Allgemeinheit sein, ist der Verband überzeugt. Mehr Physiotherapie wirke sich nämlich kostendämpfend auf das Gesundheitssystem aus. «Weil dank Physiotherapie andere, teurere Leistungen vermieden werden können.»

Mehr Zulauf in den Physiotherapie-Praxen hat zudem nicht nur positive Auswirkungen auf die Branche. Der Verband schreibt:

«Schreitet durch die EFAS die Ambulantisierung schnell oder stark voran, könnte wegen des Fachkräftemangels die Arbeitslast der Physiotherapeutinnen und -therapeuten in den Praxen zum Problem werden.»
Physioswiss

Apothekerverband: Dafür

Der Apothekerverband Pharmasuisse ist für die EFAS. Obwohl Apotheken nicht direkt von der Vorlage betroffen sind. Zumindest noch nicht. Denn sie könnten es werden.

Ein entsprechender Vorstoss ist im Parlament nämlich schon hängig: das Kostendämpfungspaket 2. Dieses sieht unter anderem vor, dass gewisse Leistungen der Apotheken von der obligatorischen Krankenkassenversicherung übernommen werden. Beispielsweise Impfungen, Screenings oder Medikamentenüberprüfungen (Medication Review) und Medikamentenabgleiche (Medication Reconciliation).

[Symbolbild / Gestellte Szene] Reiseberatung in der Baeren Apotheke in Ostermundigen, fotografiert am Montag, 20. Februar 2023. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Apothekerinnen und Apotheker sind heute (noch) nicht direkt von der EFAS betroffen.Bild: KEYSTONE

Pharmasuisse schreibt, die EFAS mache den Weg frei für «die kostengünstigere Ambulantisierung». In dieser Ambulantisierung wollen die Apotheken künftig eine grössere Rolle spielen:

«Wir wollen, dass die Fähigkeiten der Apothekerinnen und Apotheker als Arzneimittelspezialistinnen und -spezialisten im Gesundheitssystem besser genutzt werden.»
Apothekerverband Pharmasuisse

Die Apothekerinnen und Apotheker gehören damit zu den wenigen Verbänden, die ausschliesslich von der EFAS profitieren könnten.

Krankenkassen: Dafür, trotz Vorbehalten

Die Krankenkassen müssen mit EFAS tendenziell für mehr Kosten aufkommen als bisher, weil die Langzeitpflege im neuen Finanzierungssystem integriert wurde. Genau gegen diesen Punkt hegte Santésuisse während der Verhandlungen zur EFAS im Parlament die grössten Vorbehalte. In der Ausgabe vom Februar 2023 seines Branchenhefts «Brennpunkt Gesundheitspolitik» kritisierte Santésuisse die Bedingungen, an die das Parlament die Integration der Langzeitpflege in der EFAS knüpfen wolle:

«Einerseits sollen die Kantone im Pflegesektor die notwendige Kostentransparenz herstellen und andererseits soll die Pflegeinitiative vollständig umgesetzt sein. Werden diese Bedingungen restlos erfüllt, wird sich zeigen, dass die Pflege die möglichen Einsparungen von EFAS wieder komplett aufzufressen und die Prämien in die Höhe zu treiben droht.»
Santésuissequelle: «brennpunkt gesundheitspolitik», Februar 2023

Trotzdem vertreten Santésuisse und Curafutura nun im Namen der Krankenkasse die Ja-Parole zur EFAS. Weshalb? «Unter dem Strich sehen wir mehr Vorteile als Nachteile», schreibt Santésuisse auf Anfrage von watson. Dies, weil die Vorlage grundsätzlich in die richtige Richtung gehe. Wegen der besagten wegfallenden Fehlanreizen und weil die Effizienz im Gesundheitswesen gesteigert würde. Ebenfalls begrüsst Santésuisse, dass sich mit der EFAS die Kantone neu an den ambulanten Kosten beteiligen würden. Denn diese würden bereits heute stark anwachsen.

ARCHIVBILD ZUR MK SANTÉSUISSE: "ATEMPAUSE" ZUGUNSTEN DER PRAEMIENZAHLER, AM MITTWOCH, 19. SEPTEMBER 2018 ---- Versicherungskarten verschiedener Krankenkassen, aufgenommen am 5. Juni 2009 in  ...
Die Krankenkassen bleiben dabei: Die Langzeitpflege hätte nicht in die EFAS gehört.Bild: KEYSTONE

Den Einbezug der Pflege in die EFAS werde Santésuisse zwar immer ablehnen. Aber:

«Immerhin hat das Parlament klare Bedingungen formuliert, die erfüllt sein müssen, um die Pflege in Zukunft in EFAS zu integrieren. Insbesondere müssen einheitliche, transparente Kostendaten der Pflegeorganisationen vorliegen.»
Santésuisse

Doch von wann sollen diese Daten stammen? Von heute? Das hoffen wahrscheinlich die Krankenkassen. Der Pflegeverband wünscht sich hingegen erst dann Tarifverhandlungen, wenn die Pflegeinitiative umgesetzt worden ist. Sonst drohe, dass sich die akute Unterfinanzierung der Langzeitpflege fortsetze.

So oder so ist zu erwarten, dass die Krankenkassen versuchen werden, den Kostendruck auf die Langzeitpflege zu erhöhen, wenn das Stimmvolk die EFAS annimmt.

Fazit: Kantone sind die Gewinner

Ja, die einheitliche Finanzierung der ambulanten und stationären Behandlungen könnte man durchaus als «eine Vorlage der Gesundheitslobbys» bezeichnen. Das heisst aber nicht, dass die Verbände nicht trotzdem einige Schritte aufeinander zugegangen und Kompromisse eingegangen sind, die genau von der Bevölkerung und Politik schon so lange gefordert werden.

Die Schwäche der EFAS, aus Sicht der Gegnerinnen und Gegner, ist gleichzeitig ihre Stärke. Nämlich dass ihr Effekt auf das Gesamtgesundheitssystem, etwa die Krankenkassenprämien, nicht final abgeschätzt werden kann.

Genau weil Punkte wie die Tarifverhandlungen bei der Langzeitpflege noch relativ offen sind, sind so viele Gesundheitsverbände für die EFAS. Sie hoffen, dass sie nach der Annahme das Blatt noch zu ihren Gunsten wenden können. Sobald das Stimmvolk Ja gesagt haben würde, würde die Einigkeit vorbei sein.

Es ist nämlich nicht so, als würden die Akteure unseres Gesundheitswesens mit der EFAS ausschliesslich gewinnen können. Sie könnten auch verlieren. Insbesondere die Krankenkassen, Prämienzahlenden und Pflegenden. Und alle drei aus demselben Grund: Weil sich die Kantone nicht mehr so stark an der Langzeitpflege beteiligen wollen.

Ändern lässt sich an dieser Tatsache momentan aber nichts mehr. Was also tun? Ja oder Nein stimmen?

Wie stimmst du bei der einheitlichen Finanzierung von ambulant und stationär, EFAS?

Wer für die EFAS stimmt, setzt wohl oder übel auf das Prinzip Hoffnung. Und muss darauf vertrauen, dass unser Parlament sich bei der Umsetzung für die Interessen der Bevölkerung entscheiden wird. Was auch immer das bedeuten mag. Fest steht heute nur ein Gewinner: Die Kantone.

Wer gegen die EFAS stimmt, hegt dieses Vertrauen in unsere Politik eher nicht. Und nimmt damit in Kauf, dass vorerst alles in unserem Gesundheitswesen so bleibt, wie es ist. Samt allen negativen Aspekten des heutigen Finanzierungssystems. Und von diesen gibt es leider genug.

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«Es verlassen zu viele den Beruf» – der Alltag von Pflegefachkräften
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72 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Meierli
17.11.2024 14:56registriert November 2019
"Wer gegen die EFAS stimmt, hegt dieses Vertrauen in unsere Politik eher nicht"

Richtig, habe ich seit 12 Monaten nicht mehr und meine 4x Nein sind bereits bei der Gemeinde.
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WatSohn?
17.11.2024 18:22registriert Juni 2020
Genau das ist des Pudels Kern: niemand kann mit Sicherheit sagen, was uns die EFAS bringt, aber alle hoffen. Das reicht mir nicht. Ich habe 46 Jahre in der Pflege gearbeitet und in den letzten zwanzig Jahren immer gehofft. Diese Hoffnungen wurden ausnahmslos enttäuscht, ganz einfach deshalb, weil praktisch sämtliche Player im Gesundheitswesen möglichst hohe Gewinne erzielen wollen. Daran ändert sich auch mit EFAS nichts. Darum ein klares Nein von mir.
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cro_magnon
17.11.2024 16:45registriert November 2021
Solange die krankenkassen als private Akteure handeln und es keine öffentlich rechtliche krankenkasse gibt glaub ich den versicherungen kein wort.
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