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Streit um Lifestyle-Teilzeit: Eine neue Studie zeigt Überraschendes

Lastwagenchauffeure füllen typischerweise die «Ernährer-Rolle» aus.
Lastwagenchauffeure füllen typischerweise die «Ernährer-Rolle» aus.Bild: Getty Images

Streit um Lifestyle-Teilzeit: Eine neue Studie zeigt Überraschendes

Viele Männer würden gern Teilzeit arbeiten, aber nur ein Bruchteil tut es. Warum verhalten sich gerade Lastwagenchauffeure und Firmenchefs so ähnlich? Erkenntnisse einer Studie.
08.10.2026, 06:0708.10.2026, 06:07
Daniel Zulauf
Daniel Zulauf

Macht der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz die Leute bequem? Die vom Arbeitgeberverband und von anderen wirtschaftsnahen Kreisen vertretene These von der Teilzeitarbeit als neuem Lifestyle-Phänomen polarisiert – zu Recht.

Die Arbeitnehmenden in der Schweiz arbeiten zwar deutlich weniger oft als in anderen Ländern im Vollzeitpensum. Aber die Wochenarbeitszeit auf Vollzeitbasis ist hierzulande mit 42 Stunden weit überdurchschnittlich hoch und viele älteren Arbeitnehmende bleiben lange nach ihrem offiziellen Pensionierungsalter noch während Jahren im Erwerbsleben.

«Mit Begriffen wie Bequemlichkeit oder Faulheit lässt sich der Trend zu mehr Teilzeitarbeit in der Schweiz gewiss nicht erklären», sagt Jan Müller, ein Forscher am Institut für Soziologie der Universität Zürich. Der Schweizer Wissenschaftler hat sich zusammen mit der Berufskollegin  Youngjoo Cha von der amerikanischen Universität Indiana Bloomington des Themas angenommen und lange Reihen von Schweizer Arbeitsmarktdaten über den Zeitraum 2004 bis 2020 ausgewertet und zudem eine Vielzahl von Stellenangeboten analysiert.

Vizeweltmeisterin

Die Schweiz ist für solche Untersuchungen ein besonders interessantes Pflaster. 40 Prozent der aktiven Bevölkerung in der Schweiz arbeiten Teilzeit, unter den Frauen sind es 60 Prozent, unter den Männern mehr als 20 Prozent. Von den 38 Industrieländern der OECD weisen nur die Niederlande höhere Werte aus.

Was begünstigt die Teilzeitquote der Männer in der Schweiz, was bremst sie, wollten die Forscher wissen. Um hinter die Antworten zu kommen, haben sie sich die Längsschnittdaten von Männern verschiedener Alters- und Einkommensschichten und deren Partnerinnen angeschaut und dabei zwischen Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten unterschieden.

Aus den Stelleninseraten und den im Umfrageverfahren erhobenen Arbeitsmarktdaten haben sie typische Berufsprofile herausgefiltert: Berufe, in denen die traditionelle Rolle des männlichen «Ernährers» als Ideal hochgehalten wird, Berufe, in denen erwartet wird, dass sich Arbeitende aus Überzeugung oder aus anderen Gründen ganz ihrer Arbeit hingeben, aber auch Berufe, in denen eine «Work-Life-Balance» möglich oder gar wünschenswert ist.

Jan Müller und seine Kollegin haben herausgefunden, dass jedes Jahr 10 Prozent der vollzeitbeschäftigten Männer innerhalb eines Jahres einen Teilzeitwunsch entwickeln. Aber nur 10 Prozent der vollzeitbeschäftigten Männer, die im Folgejahr einen Teilzeitwunsch äusserten, diesen realisierten. «Das sind wenige», sagt Müller. Die interessante Frage lautet: Warum?

Kaum Übergänge zwischen Vollzeit und Teilzeit finden die Forscher bei Männern, die in typischen Männerjobs tätig sind. Zum Beispiel entwickeln nur 8 Prozent der Lastwagenfahrer innerhalb eines Jahres eine Präferenz für Teilzeit und auch nur 8 Prozent mit einer solchen Präferenz wechseln dann tatsächlich zu einem Teilzeitjob.

Soziale Phänomene

Unter Bauarbeitern liegen die Quoten bei 7 beziehungsweise bei 9 Prozent. Was man sich spontan nur mit den vergleichsweise niedrigen Löhnen von Männern in solchen Branchen erklären könnte (Teilzeit muss man sich leisten können), ist tatsächlich auch sehr stark ein soziales Phänomen.

Teilzeit und flexible Arbeitszeiten werden in solchen Berufen immer noch oft stigmatisiert. In Griechenland wird Teilzeitarbeit gemäss jüngeren Untersuchungen von mehr als 50 Prozent der Arbeitnehmenden negativ gesehen, in Portugal sind es über 40 Prozent, in Italien und Grossbritannien über 30 Prozent. In Deutschland, Skandinavien, den Niederlanden oder Österreich sind es dagegen deutlich weniger als 20 Prozent. Das Flexibilitätsstigma, wie das Phänomen in der Wissenschaft bezeichnet wird, bremst Arbeitnehmende, ihren Wunsch nach Teilzeitarbeit zu formulieren und umzusetzen.

Viele Forscher werden dem Rollenbild des «Vielarbeiters» gerecht.
Viele Forscher werden dem Rollenbild des «Vielarbeiters» gerecht.Bild: Getty Images

Dasselbe Phänomen gibt es aber auch in Berufen mit hohem Prestige, in denen viel Geld verdient wird. Nur 10 Prozent der Firmenchefs sagen, sie möchten trotz hoher Belastung weniger arbeiten, 13 Prozent tun es trotzdem. In der Wissenschaft ist von einer sogenannten «Vielarbeitsnorm» die Rede. Auch Ärzte, Wissenschaftler oder Hochschullehrer formulieren ihre Wünsche nach mehr Freiraum zurückhaltend. Intellektuelle Hochleistungsarbeiter, die gleichzeitig ein eher tiefes Arbeitspensum haben, riskieren, dass sie in ihren Kreisen weniger gelten.

Diese und andere soziale Normen behindern Männer, ihrem Wunsch nach Teilzeitarbeit mehr nachzukommen. «Teilzeitarbeit ist nicht per se besser als Vollzeitarbeit», sagt Müller. Aber er ist überzeugt davon, dass die Arbeitswelt weniger stressreich und Differenzen zwischen den Geschlechtern kleiner werden, wenn die Leute ihren Präferenzen für das eigene Arbeitsmodell folgen können.

Effizientere Familienpolitik

Müllers Untersuchung steht zweifellos in einem gewissen Widerspruch zu dem, was der Arbeitgeberverband unter Lifestyle-Teilzeit subsumiert. Gerade deshalb ist man auch in diesen Kreisen gut beraten, die vorliegende, vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Analyse mit ihrem soziologischen Fokus ernst zu nehmen. Denn eine höhere Teilzeitquote bei Männern bringt Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter im Arbeitsmarkt und damit auch Fortschritte in der Familienpolitik.

Mehr Kinderkrippen, mehr steuerliche Anreize, mehr Elternzeit, mehr Flexibilität am Arbeitsplatz – die bekannten Rezepte zur Ankurbelung der historisch tiefen Geburtenrate in der Schweiz haben bislang keine erkennbaren Erfolge gebracht. Immer mehr setzt sich unter Fachleuten die Erkenntnis durch, dass nur die Gleichstellung den Trend zu immer tieferen Geburtenraten stoppen oder sogar umkehren kann. Eine im vergangenen Jahr publizierte und ebenfalls vom Nationalfonds unterstützte Studie der Universität Lausanne hat gezeigt, dass sehr viele Frauen in der Schweiz gegen ihren Wunsch kinderlos bleiben. Das gilt insbesondere für solche mit einem höheren, tertiären Bildungsabschluss.

Eine Erklärung dafür könnte sein, dass viele Akademikerpaare in der oben beschriebenen «Vielarbeitsnorm» feststecken und den Teilzeitwunsch weder am Arbeitsplatz umzusetzen wagen noch in der Lage sind, mit ihren Partnern ein geeignetes Modell zur Verbindung von Familie und Karriere zu verhandeln. Es ist anzunehmen, dass gerade in solchen Paaren eine höhere Teilzeitquote der Männer zu einer geringeren Teilzeitquote der Frauen führen würde. Unter dem Strich bliebe die geleistete Arbeit im Idealfall dieselbe, hätte durch eine bessere Verteilung aber positive Effekte für die Familienpolitik. (schweizheute.ch)

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