«Fliegen in reinster Form»: Patrouille Suisse steht vor ihrer letzten Saison
«Nach dem allerletzten Flug bleibe ich einfach im Cockpit sitzen und steige nicht mehr aus.» Maurice «Moe» Mattle sagt es scherzhaft, aber mit Wehmut in der Stimme. Der 37-jährige Militärpilot aus Frauenfeld denkt nicht gern an den Abschied, der wohl Ende 2027 bevorsteht – die Ausmusterung der rotweissen Tiger-Flugzeuge der Patrouille Suisse, das Ende der Jet-Kunstflugstaffel der Schweizer Armee.
Doch bis dahin dauert es noch, und einstweilen haben die Tiger viel zu tun. Die Patrouille Suisse steckt mitten in ihrer Flugsaison, sie war in den vergangenen Monaten schon in Frankreich, Belgien und vielerorts in der Schweiz zu sehen. Dieses Wochenende tritt sie am Flugplatzjubiläum in Altenrhein auf. Ein Ostschweizer Heimspiel für Mattle, der wegen seines Berufs vor zehn Jahren in die Romandie gezogen ist und seit 2024 zum Team der Patrouille Suisse gehört.
Vom Fussball zum Synchronschwimmen
Als er das Handy für unser Gespräch abnimmt, ist Mattle gerade in Kerzers im Kanton Freiburg, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern wohnt. Ein Tag im Home-Office – das kommt auch bei Militärpiloten vor. Mattle ist Major und fliegt in seinem Alltag den Kampfjet F/A-18, seine Staffel ist in Payerne stationiert. Soeben hat er eine zweitägige Übung hinter sich. Mattle war in führender Funktion mit seinem F/A-18 in der Luft, koordinierte das Zusammenwirken von Flugzeugen und Helikoptern. «Das war spannend, aber zugleich eine Riesenverantwortung. Ich musste schauen, dass wir die Mission gewinnen.» Fliegen im Luftkampf, das sei ein bisschen wie Fussballspielen. «Man ist zwar ein Team, doch jeder dribbelt auch für sich selber, bewegt sich eigenständig.»
Am nächsten Tag taucht «Moe» in eine völlig andere fliegerische Welt ein. «Synchronschwimmen statt Fussball, könnte man sagen. Ich fahre nach Emmen zur Basis der Patrouille Suisse. Ich höre dem Leader beim Briefing zu. Und dann fliege ich ihm einfach eine Stunde lang hinterher.»
Wobei «einfach» ein dehnbarer Begriff ist. Der Kunstflug im Sechserteam erfordert höchste Konzentration. Mattle fliegt auf der Position Left Wing, links hinter dem Leader, und lässt diesen nie aus den Augen. Die Abstände sind gering, die Piloten leisten Präzisionsarbeit am Steuer – bei 1000 Kilometern pro Stunde. Keine Computersysteme gibt es zu bedienen, kein taktisches Radar wie im F/A-18. «Es ist wirklich nur Handwerk. Pure flying – Fliegen in seiner reinsten Form», sagt Mattle. «Ich geniesse das sehr.»
Von der Aussicht in die Umgebung darf er sich zwar nicht ablenken lassen, aber für einige Eindrücke reicht es meistens dennoch. Wie vor kurzem beim Seenachtfest in Rapperswil. «Die Stimmung über dem See war unheimlich schön.»
Endlich eine Show in der Heimat
Die Vorbereitungen beginnen jeweils schon Wochen vor der Show. Der Leader plant die Einzelheiten und informiert das Team. Weil die Patrouille Suisse tief fliegt, muss sie sich mit dem Terrain vertraut machen. «Wir sind die einzige Kunstflugstaffel Europas mit echten Kampfjets», sagt Mattle. «Wegen unserer hohen Geschwindigkeiten und grossen Kurvenradien brauchen wir relativ viel Platz.» In Altenrhein müssen die Piloten zum Beispiel auf die Landesgrenze und die Hügel des Appenzellerlands achten. Damit bei der Vorführung am Samstag alles genau passt, fliegen die sechs Tiger am Freitagnachmittag ein Training. Die Jets starten und landen in Emmen. Am Samstag nach dem 25-minütigen Display kehren die Piloten voraussichtlich per Helikopter nochmals nach Altenrhein zurück, für eine Autogrammstunde.
Mattle freut sich als «Heimweh-Ostschweizer» ganz besonders auf die Show am Bodensee. «Ich war mit der Patrouille Suisse noch nie so richtig in der Ostschweiz.» Nach wie vor hat er viele Kontakte in die Region, kommt immer mal wieder zu Besuch. Viele seiner Familienangehörigen und Freunde sind am Fest in Altenrhein mit dabei.
Das Glück hat einen Preis
Die Jets der Patrouille Suisse stammen aus den 70er-Jahren. In der Autowelt würde man von Oldtimern sprechen. Mattle betont jedoch: «Der Tiger ist ein super Flugzeug, gerade für die Patrouille Suisse. Und er ist extrem zuverlässig.» Es komme praktisch nie vor, dass man einsteige und dann wegen eines Defekts auf einen anderen Flieger wechseln müsse. Im Vergleich zum F/A-18 sei der Tiger technisch weit weniger komplex. «Eigentlich hat er zwei Triebwerke, und das war’s.» Der Wechsel zwischen den zwei Flugzeugtypen sei reizvoll.
Wenn «Moe» mit dem F/A-18 unterwegs ist, tut er das für die Sicherheit des Landes. Und worin sieht er die Mission der Patrouille Suisse? «Wir sind eine Visitenkarte. Im Inland geht es vor allem darum, der Bevölkerung die Fähigkeiten der Luftwaffe zu zeigen. Im Ausland sind wir darüber hinaus Botschafter der Schweiz als Ganzes. Dort hören wir oft, unsere Show sei ein Beispiel für Schweizer Präzision.» Für Mattle persönlich zählt am meisten, dass er den Nachwuchs für die Fliegerei begeistern kann. «Ich stand selber schon als Dreijähriger in Dübendorf am Zaun und winkte den Flugzeugen nach. Wenn Kinder und Erwachsene Freude haben, wenn das Publikum bei unserer Autogrammstunde Schlange steht – das ist für mich das Grösste.»
Das Showfliegen hat für die Militärpiloten aber auch einen Preis. Die Kunstflugdisplays gelten zwar als Arbeitszeit, doch diese fällt oft an Wochenenden an. Im Sommerhalbjahr sind die Piloten häufig unterwegs. «Das kann belastend für das Privatleben sein», sagt Mattle. Er habe das Glück, dass seine Familie ihn unterstütze. «Und ich mache dafür unter der Woche mal frei und bin daheim.»
«Zuerst sagte ich: Spinnt ihr eigentlich?»
Die Piloten der Patrouille Suisse sind eine verschworene Truppe. «Wir vertrauen uns blind», sagt Mattle. Bewerben kann man sich für die Staffel nicht. Verlässt ein Mitglied das Team, wählen die verbleibenden Mitglieder die Nachfolge aus den Reihen der Luftwaffe. Es geht ums fliegerische Geschick, aber mehr noch um den Charakter. «Die Chemie muss stimmen. Wenn wir an einer Airshow im Ausland teilnehmen, sollten wir auch nach fünf Tagen noch gern zusammen ein Bier trinken und übers Leben reden können, ohne einander auf die Nerven zu gehen.»
Für Mattle kam die Einladung der Patrouille Suisse aus heiterem Himmel. Er hatte das Thema Kunstflug eigentlich vorerst abgeschlossen, nach einer Zeit im PC7-Team der Armee. Zudem sind die meisten Piloten, die neu in die Patrouille Suisse gewählt werden, eher jünger. Mattle war Mitte 30 und Familienvater. Er muss lachen, wenn er an den Moment zurückdenkt. «Zuerst sagte ich: Spinnt ihr eigentlich? Ich bin zu alt! Und dann sagte ich: Ich will sehr gern, aber ich muss zuerst mit meiner Frau reden.»
Ein schwieriges Ende und eine neue Aufgabe
Jetzt fliegt «Moe» seine zweite Saison mit den rotweissen Jets. Und er würde am liebsten noch lange weitermachen. Doch der Bundesrat will die Tiger aus dem Verkehr ziehen – angesichts ihres Alters seien die Kosten nicht mehr zu rechtfertigen, heisst es in Bern.
Der Gedanke ans absehbare Ende sei für das Pilotenteam sehr schwierig, sagt Mattle. «Wir wissen noch nicht genau, wie wir damit umgehen. Ich verstehe den Entscheid, aber es tut sehr weh.» Klar sei, dass die Staffel nächstes Jahr nochmals Vollgas geben werde. «Ich weiss, dass alles irgendwann aufhört. Das muss man akzeptieren.»
Momentan wird geprüft, ob die Patrouille Suisse mit einem anderen Flugzeugtyp weiterexistieren könnte – ein Jet wird es allerdings nicht mehr sein, das hat der Bund schon mitgeteilt.
Sicher ist: Mattle wird es in der Luftwaffe nicht langweilig. Ebenfalls nächstes Jahr übernimmt er das Kommando seiner F/A-18-Staffel.
