Bericht legte Diskriminierung in der Armee offen – so sieht die Lage heute aus
Nach der Veröffentlichung der aufsehenerregenden Studie zu Diskriminierung und sexueller Gewalt vor zwei Jahren gibt die Schweizer Armee Fortschritte in dem Bereich bekannt. Die Hälfte der angekündigten Massnahmen wurde unterdessen umgesetzt. Laut den Verantwortlichen gibt es allerdings weiterhin Handlungsbedarf.
Die Armee will «den begonnenen Weg» im Kampf gegen Diskriminierung und sexuelle Gewalt «konsequent weitergehen», wie der Chef Kommando Ausbildung, Korpskommandant Gregor Metzler, am Freitag vor den Medien in Bern sagte. «Es gilt für alle Führungsstufen: Hinschauen, beurteilen, handeln.»
Im Einsatz müssten die Soldatinnen und Soldaten zusammen funktionieren können, da habe «Diskriminierung keinen Platz». Ziel sei es, eine Kultur zu haben, wo man sich gegenseitig respektiere, so Metzler weiter.
Am Freitag zog die Armee mit der Veröffentlichung eines Berichts eine Zwischenbilanz zu den Massnahmen im Kampf gegen Diskriminierung, die bis Ende 2027 umgesetzt sein sollen. Der Massnahmenplan basiert auf einer Ende Oktober 2024 veröffentlichten Studie zu Diskriminierung und sexualisierter Gewalt. Fast die Hälfte der damals rund 1100 befragten Armeeangehörigen hatte während ihrer militärischen Laufbahn Diskriminierung und sexualisierte Gewalt erlebt.
«Kulturwandel» auf gutem Weg
Der Kulturwandel sei «auf gutem Weg», sagte der Korpskommandant weiter. Man drehe mit dem vorhandenen Konzept «alle Steine um». Aber es bestehe weiterhin Handlungsbedarf. «Es ist vieles erreicht, aber mindestens noch gleich viel zu tun», sagte auch Mahide Aslan, Chefin der Fachstelle Frauen in der Armee und Diversity.
Der seit dem Freitag vorliegende Bericht hält fest, dass es erste Hinweise auf eine Verbesserung der Praxis gibt: So verzeichnete die zuständige Fachstelle mehr Kontaktaufnahmen von Kommandierenden. Anrufe bei den Beratungsstellen nahmen zu, auch von betroffenen Männern. Zudem zeigten die Kader zu Beginn der Rekrutenschulen eine «klarere Haltung».
Von den 16 geplanten Massnahmen setzte die Armee acht um und überführte sie in den ständigen Prozess. Eines der Kernelemente stellt dabei eine obligatorische Online-Lektion für Rekrutinnen und Rekruten dar. Diese ist seit Anfang 2025 obligatorisch - Ziel ist eine Grundsensibilisierung aller Armeeangehörigen. Bis im Mai 2026 absolvierten laut der Armee knapp 20'000 Personen dieses Modul.
Ein weiteres Element ist ein in den Kompanien und deren Untereinheiten selbst erarbeiteter Verhaltenskodex. Dies soll die Akzeptanz von Werten gegen Sexismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit stärken. Die selbstständige Erarbeitung des Kodex in der Truppe erhöhe die Akzeptanz der Verhaltensregeln, so Aslan weiter. «Prävention wirkt am nachhaltigsten, wenn sie früh und niederschwellig ansetzt.» Ab 2027 wird der Kodex um das Thema «Machtmissbrauch» erweitert.
Und auch ein anonymes Meldetool wurde eingeführt. Dies als Ergänzung zu den bereits bestehenden Angeboten. Hierbei betraf bis anhin jede zwölfte Kontaktaufnahme das Thema Diskriminierung. Ergänzend werden an den Rekrutenschulen auch Vertrauenspersonen und Meldemöglichkeiten ohne direkte Folgen erprobt.
Eine weitere, bereits umgesetzte Massnahmen, ist laut der Armee die Integration des Themenbereichs Konfliktmanagement in die Kaderausbildung. Zudem werden Disziplinarstraffälle im Zusammenhang mit Sexismus und Diskriminierung seit Ende 2025 gesondert erfasst.
Anleitung soll gesamtes Personal erreichen
Sieben weitere Massnahmen befänden sich in Umsetzung. Darunter ist etwa ein eigens entwickeltes Vertiefungsmodul für Zivilcourage. Letzteres ist für die den zweiten Rekrutenschulstart 2027 geplant.
Eine weitere Massnahme verzögert sich laut der Armee: Dabei handelt es sich um ein Merkblatt zu den Rechten von Betroffenen. Grund für die Verzögerung ist laut den Verantwortlichen die inhaltliche Erweiterung eines zugrundeliegenden Handbuchs, das neu alle Personalkategorien der Armee abdecken soll - also nicht nur die Miliz, sondern etwa auch das Berufsmilitär und zivile Angestellte.
Eine Folgestudie zur Überprüfung der Wirksamkeit der Massnahmen ist für das Frühjahr 2028 geplant.
Strategie direkt mit Alimentierung verbunden
«Diese Massnahmen sind kein isoliertes Zusatzprogramm, sie sind Teil der umfassenden Inklusionsstrategie der Armee und direkt mit der Verteidigungsfähigkeit verknüpft», so die Chefin der Fachstelle Frauen in der Armee und Diversity.
Denn, so steht es auch im Bericht, blieben die Fragestellungen und Herausforderungen im Zusammenhang mit Diskriminierung und sexualisierter Gewalt bestehen. Sie seien «nicht an eine bestimmte Organisationsform, sondern an das Zusammenwirken von Menschen in hierarchischen, teils geschlossenen Systemen gebunden».
Eine verlässliche personelle Alimentierung des Milizsystems setze eine Organisation voraus, in der sich Menschen psychologisch sicher fühlten.
Die Massnahmen müssten deshalb unabhängig von Verlauf und Fortschritt der strukturellen Transformation der Armee weiterhin adressiert, beobachtet und bei Bedarf nachgeschärft oder erweitert werden. (sda)
