Armee vs. Trockenheit: 170’000 Liter Wasser kommen vom Himmel
Donnerstagnachmittag auf der Alp Combi, hoch oben im Breccaschlund. Ein Gebiet im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung – was gibt es Schöneres?
Doch die Idylle trügt. Bald ertönt der Lärm eines Helikopters, und Journalistinnen und Journalisten aus der ganzen Schweiz drängen sich in das enge Gebäude von Alphirt Hans Kohler. Der Grund: Wegen der anhaltenden Trockenheit werden gewisse Freiburger Alpbetriebe per Helikopter mit Wasser versorgt. Kürzlich hat der Kanton die besondere Lage ausgerufen, um Unterstützung der Armee zu erhalten.
Hans Kohler ist seit acht Jahren auf dieser Alp, er erlebt eine solche Wasserknappheit zum zweiten Mal, zuletzt 2022. «Damals war es jedoch nicht gerade so schlimm.» Er zeigt sich ob der Situation etwas besorgt, vor allem wegen seiner 28 Rinder: «Hitze tut den Tieren nicht gut, Kälte stecken sie besser weg.» Allerdings sei es im «Kessel» – dem Breccaschlund – lange schattig, und es gebe noch viel Gras. «Ohne Wasser müssen wir jedoch weg. Und im Tal haben wir kaum mehr Futter.»
Zwei Helikoptertypen kommen zum Einsatz
Während das Privatunternehmen Swiss Helicopter bereits einige Tage im Einsatz ist, unterstützt die Armee den Kanton Freiburg diese Woche von Mittwoch bis Freitag. Vergangene Woche war ein Super Puma der Armee bereits im Berner Oberland im Einsatz, um zwei Alpbetriebe mit Wasser zu versorgen.
Im Kanton Freiburg konnte der Armeehelikopter Wasser aus verschiedenen Seen entnehmen. In Schwarzsee wird das Fluggerät von Swiss Helicopter manuell mit einem Schlauch mit Wasser aus unterirdischen Quellen befüllt. Das hat zwei Gründe: Einerseits versorgt der Schwarzsee schon das ganze umliegende Gebiet, sein Wasserstand ist dementsprechend bereits zu tief. Das Grundwasser ist hingegen noch nicht erschöpft. Andererseits unterscheidet sich das geeignete Einsatzgebiet der beiden Helikoptertypen stark.
Ein Super Puma kann etwa 1600 Liter Wasser pro Flug transportieren, braucht jedoch viel mehr Platz zum Starten und Landen. Der Helikopter des Typs Ecureuil von Swiss Helicopter ist wendiger und braucht eine kleinere Fläche. Aber seine Kapazität ist geringer: rund 800 Liter pro Flug. Deshalb ist auch das Befüllen per Schlauch nur bei diesem Typ effizient.
20'000 Liter für eine Woche
«Ich erhalte etwa 20’000 Liter Wasser, welche für rund eine Woche reichen sollten», erklärt Alphirt Kohler, der mit seiner Familie einen Bauernhof in Riggisberg betreibt. Der Chef des Zivilschutzes, Pierre Burton, ergänzt: «Dafür sind etwa 25 Flüge notwendig.» Burton koordiniert den Einsatz.
Ein Transport dauere rund fünf Minuten, manchmal gar nur vier. Trotz der Schnelligkeit, mit der der Pilot und sein Team arbeiten, verursacht ein solcher Einsatz hohe Kosten: Pro Flugminute verlangt Swiss Helicopter 43 bis 45 Franken. Anders bei der Armee. Dort sind die Kosten zwar nicht tiefer – eher im Gegenteil –, doch werden diese anders abgerechnet und sind somit für den Alphirten und den Kanton günstiger.
Bis Freitag werden laut Burton insgesamt knapp 170’000 Liter Wasser auf acht Freiburger Alpbetriebe transportiert. Sollte es nicht bald regnen, dürfte es bald weitere Wassertransporte auf dem Luftweg geben.
Tradition oder Auslaufmodell?
Angesichts der sich wiederholenden Trockenperioden drängen sich Fragen auf. Hitzeperioden wird es tendenziell immer mehr geben, aktuell gibt es einen starken Wasser- und in den Tälern auch Futtermangel, Kühe müssen die Alpen früher verlassen und gar notgeschlachtet werden. Ergibt eine Alpsömmerung, wie wir sie kennen, so überhaupt noch Sinn?
Ja, sagt Sabine Müller, stellvertretende Direktorin des landwirtschaftlichen Kompetenzzentrums Grangeneuve und Leiterin der Sektion Landwirtschaft. Der Klimawandel sei nicht wegzudiskutieren, das Problem sei jedoch vielschichtig.
Die Alpsömmerung ist laut Müller auch Landschaftspflege: Kühe fressen das Gras, somit ist es kürzer, und das Risiko für Brände und – im Winter dann – Lawinen sinkt. «Schliesslich ist es eine Tradition und der Alpabzug ein Volksfest, dem müssen wir auch Beachtung schenken», sagt Müller.
Es seien aktuell viele Projekte am Laufen, mit denen die Wasserversorgung in den Alpen verbessert werden soll. Darum sei sie positiv gestimmt. Auch Alphirt Kohler ist zuversichtlich: «Wenn das seit Langem geplante Wasserversorgungssystem kommt, das den Breccaschlund entlasten soll, sind wir gerettet.»
Der Helikopter dreht eine letzte Runde und fliegt ab. Über dem Breccaschlund ist es wieder still. Vorerst. (schweizheute.ch)
