Schweizer Parteien schätzen ihre Wählenden zu konservativ ein – mit einer Ausnahme
Politikerinnen und Politiker halten ihre Wählenden systematisch für zu konservativ. Das zeigt eine neue Studie zu den Schweizer Parlamentswahlen 2023. Ein Überblick darüber, welche Parteien ihre Basis bei welchen Themen falsch einschätzen.
Die Forschenden befragten 2056 Kandidierende und 2866 Wahlberechtigte zu vier konkreten politischen Vorlagen:
- Sind Sie für die Anhebung des Rentenalters (z. B. auf 67 Jahre)?
- Sind Sie für die Einführung eines Mindestlohns von 4000 Franken für eine Vollzeitstelle für alle Lohnabhängigen?
- Sind Sie für die Einführung des Stimm- und Wahlrechts auf kommunaler Ebene für Ausländerinnen und Ausländer, die seit mindestens 10 Jahren in der Schweiz wohnen?
- Sind sie dafür, dass gleichgeschlechtliche Paare in allen Bereichen die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare haben?
Sie verglichen die tatsächlichen Meinungen der Wählerschaft mit den Einschätzungen und den persönlichen Positionen der Politikerinnen und Politiker.
Die Daten zeigen, dass Kandidierende ihre Wähler für zu konservativ halten, selbst aber noch extremere Standpunkte vertreten. Aber: Weder eine richtige Wahrnehmung der Wählermeinung noch eine hohe inhaltliche Übereinstimmung verbessert die individuellen Wahlchancen der Kandidierenden.
Die Fehleinschätzungen der Kandidierenden ziehen sich quer durch die Parteilandschaft. Dennoch gibt es kleine Unterschiede, welche Themen sie betreffen – und in welchem Ausmass.
Die linken Parteien verschätzen sich beim Rentenalter
Bei der SP und den Grünen fällt vor allem die Diskrepanz beim Rentenalter auf: Kandidierende beider Parteien haben das Gefühl, dass ihre Wählerschaft deutlicher für eine Erhöhung des Rentenalters ist. Damit liegen sie daneben: Die SP verschätzt sich um fast 25 Prozent, die Grünen um fast 20 Prozent.
Bei den übrigen drei Reformen schätzen SP und Grüne ihre Wählerschaft verhältnismässig gut ein. Besonders wenn es um die Rechte gleichgeschlechtlicher Paare geht, gibt es kaum Unterschiede zwischen der Einschätzung der Politiker und der Meinung der Wählerinnen.
Grünliberale und Die Mitte liegen deutlich daneben
Die beiden Mitteparteien verschätzen sich insgesamt am deutlichsten. Bei der Grünliberalen Partei sticht vor allem das Thema Mindestlohn heraus: Über 25 Prozent mehr GLP-Wählende sind für die Einführung eines Mindestlohns von 4000 Franken, als die Kandidierenden der Partei das Gefühl haben. Es ist die grösste Fehleinschätzung der ganzen Studie.
Die Mitte verfehlt die Meinung der Basis dafür im Schnitt am klarsten: Beim Mindestlohn und bei den Rechten gleichgeschlechtlicher Paare schätzt die Partei ihre Basis um über 20 Prozent konservativer ein, als sie eigentlich ist. Bei der Erhöhung des Rentenalters und dem Stimmrecht für Ausländerinnen und Ausländer sind es fast 10 Prozent.
Die FDP und die SVP liegen bei wirtschaftspolitischen Themen falsch
Die FDP hat ausgerechnet bei den wirtschaftspolitischen Themen ein falsches Bild ihrer Wählerschaft: Beim Rentenalter und beim Mindestlohn stuft die Partei ihre Basis um die 20 Prozent zu konservativ ein.
Die SVP ist hingegen die einzige Partei, die bei einem Thema ihre Basis zu progressiv einstuft. Wenn es ums Stimmrecht von Ausländerinnen und Ausländern geht, ist die SVP-Wählerschaft noch konservativer, als es die Kandidierenden annehmen.
Dafür ist sie bei den anderen drei Reformen ordentlich daneben: Die SVP-Basis ist beim Rentenalter, beim Mindestlohn und bei den Rechten gleichgeschlechtlicher Paare deutlich progressiver als eingestuft.
Kandidierende sind extremer als die Wählenden
Die Daten der Studie zeigen auch, dass linke Kandidierende im Schnitt progressiver sind als ihre Wählerschaft – und rechte Kandidierende konservativer. Die Politikerinnen und Politiker vertreten im Durchschnitt also ausgeprägtere Positionen als ihre Basis.
Dennoch haben gemäss der Studie weder die Fehleinschätzungen der öffentlichen Meinung noch die Übereinstimmung der Positionen einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, dass Kandidierende gewählt werden oder nicht. Ausschlaggebend für die Wahl seien die Listenposition und die politische und berufliche Erfahrung.
