Unsichtbare Arbeit sichtbar machen – der feministische Care-Streik 2026
Worum geht es beim feministischen Care-Streik?
Am 14. Juni findet in der Schweiz der feministische Streik statt. Da der Tag in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt, rückt die unbezahlte Care-Arbeit in den Mittelpunkt. Der Streik wird darum Feministischer Care-Streik genannt.
Unter Care-Arbeit fallen Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, Pflege, Hausarbeit und emotionale Sorgearbeit. Diese wird häufig unbezahlt und überwiegend von Frauen geleistet – vieles davon fällt besonders an Sonntagen an.
Dem Care-Streik haben sich über 100 Organisationen aus allen drei Landesteilen angeschlossen. Zu den Unterzeichnenden gehören Berufsverbände, Gewerkschaften, NGOs, Parteien sowie weitere politische Organisationen.
Einige Statements:
Der feministische Care-Streik gilt als Auftakt für den geplanten Care-Streik am 14. Juni 2027 unter dem Motto «Do you care?». Im Mittelpunkt steht die Forderung, Care-Arbeit sichtbarer zu machen und stärker gesellschaftlich anzuerkennen.
«2027 legen wir die Arbeit nieder und zeigen der Gesellschaft, was passiert, wenn Care-Arbeit nicht mehr geleistet wird», teilt das Streikkollektiv Zürich mit. Care-Arbeit sei das Fundament unserer Gesellschaft. Ohne Care gebe es kein Leben.
Der Streik im nächsten Jahr konzentriert sich auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die gesellschaftliche Anerkennung von Sorgeberufen sowie auf die Umverteilung und Entlöhnung unbezahlter Care-Arbeit.
Wieso findet der Streik am 14. Juni statt?
Der Tag bezieht sich auf den 14. Juni 1981. Seit diesem Tag gelten Frau und Mann in der Schweiz per Gesetz als gleichberechtigt. Zehn Jahre nach der Volksabstimmung fand am 14. Juni 1991 der erste grosse Frauenstreik statt. Unter dem Motto «Wenn Frau will, steht alles still» strömten 100'000 Frauen auf die Strasse, um gegen die zögerliche Umsetzung des Verfassungsartikels und anhaltende Ungleichheiten zu demonstrieren.
Ins Leben gerufen wurde der Frauenstreik von Uhrenarbeiterinnen aus dem Jura, um auf die Lohnschere zwischen den Geschlechtern aufmerksam zu machen. Der Streik war bis 1991 die grösste öffentliche Mobilisierung der Schweiz seit dem landesweiten Generalstreik von 1918. Mit rund einer halben Million Teilnehmerinnen und Teilnehmern ging auch der Frauenstreik 2019 als weitere grosse Mobilisierung in die Schweizer Geschichte ein. Wie auch beim ersten Frauenstreik im Jahr 1991 galt die Lohngleichheit als eine der zentralen Forderungen.
Was haben die Streiks bisher bewirkt?
Die feministischen Streiks in der Schweiz haben über die Jahre Wirkung gezeigt, auch wenn sich diese nicht immer sofort in klaren Gesetzesänderungen messen lässt.
Zu den (Teil-)Erfolgen zählen unter anderem die Revision des Sexualstrafrechts, die Einführung des Straftatbestands Stalking sowie erste nationale Präventionskampagnen gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Auch Forderungen nach Elternzeit werden in politischen Debatten stärker diskutiert. Viele Entwicklungen, die aus Sicht der Bewegung in die richtige Richtung gehen, wenn auch oft nur schrittweise und begrenzt.
Auch andere strukturelle Probleme wie die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit, Lohnungleichheit oder geschlechtsspezifische Gewalt wurden sichtbarer gemacht. Begriffe wie sexualisierte Gewalt, Mental Load oder Feminizide fanden vermehrt Eingang in öffentliche und politische Debatten.
Doch der Kampf ist damit nicht beendet. Viele Forderungen sind weiterhin offen oder nur teilweise umgesetzt. Beispielsweise zeigen sich bei der Umsetzung der Istanbul-Konvention (Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt) nach wie vor Lücken – etwa bei der Finanzierung, der einheitlichen Umsetzung in den Kantonen und beim Einbezug unterschiedlicher Lebensrealitäten.
Zugleich zeigen internationale Entwicklungen, dass bereits erkämpfte Rechte nicht selbstverständlich gesichert sind. In mehreren Ländern, etwa den USA, geraten feministische und queere Errungenschaften zunehmend unter politischen Druck. Aus Sicht der Bewegung bleibt der feministische Streik deshalb auch in der Schweiz weiterhin notwendig.
Warum heisst der Streik nicht mehr Frauenstreik?
Der Streik wird seit 2023 nicht mehr Frauenstreik, sondern feministischer Streik genannt. Damit soll der Tag alle Menschen ansprechen, die sich für Gleichstellung und gegen strukturelle Diskriminierung einsetzen. Gemeint sind neben Frauen auch intergeschlechtliche, nichtbinäre und trans Personen.
Mit der Namensänderung wurde auch das Themenspektrum breiter. Neben klassischen feministischen Anliegen wie Lohnungleichheit und Care-Arbeit werden nun stärker intersektionale Themen berücksichtigt, etwa Rassismus, Queerfeminismus und der Schutz von Minderheiten.
Warum ist Violett die Farbe des Feminismus?
Violett gilt seit Jahrzehnten als Symbolfarbe feministischer Bewegungen. Ihren Ursprung als politische Protestfarbe hat sie in der Frauenbewegung des frühen 20. Jahrhunderts: Die Farbe wurde unter anderem von der britischen Frauenbewegung Women's Social and Political Union (WSPU) verwendet, die sich zwischen 1903 und 1917 für das Frauenwahlrecht einsetzte.
Aus historischer Sicht ist Violett allerdings nicht die Farbe der Frauen, sondern die Farbe der Gleichstellung. Denn: Violett ist die Mischung aus den stereotypischen Farben Rosa für Mädchen und Hellblau für Jungs. In den 70ern wurde die Farbe mit der berühmt-berüchtigten lila Latzhose wiederbelebt. Seither gilt die Farbe als Erkennungs- und Protestfarbe feministischer Bewegungen.
Dürfen Männer mitstreiken?
Männer sind beim feministischen Streik nicht ausgeschlossen und können sich solidarisch beteiligen. Im Zentrum stehen jedoch FLINTAQ-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans, agender und queere Menschen), die von patriarchaler Diskriminierung direkt betroffen sind. Der Tag soll in erster Linie ihnen gehören. Unterstützung bedeutet vor allem, im Hintergrund zu bleiben, Care-Arbeit zu übernehmen, am Arbeitsplatz einzuspringen und bei der Organisation mitzuhelfen.
«Feminismus ist im Interesse aller Geschlechter», findet auch SP-Nationalrat Fabian Molina. «Er befreit uns von einengenden Rollenbildern, verteilt die Aufgaben in der Gesellschaft gerecht und schafft mehr Freiheit für alle.» Deshalb sei es richtig und wichtig, dass sich auch Männer feministisch betätigen. Am Frauenstreik stehen aber die Bedürfnisse und Forderungen von Frauen im Zentrum.
Was sind die Forderungen?
Die Bewegung fordert vor allem drei Dinge: erstens die bessere Anerkennung und gerechtere Verteilung von Care-Arbeit. Gemeint ist unbezahlte Arbeit wie Kinderbetreuung, Pflege oder Haushalt, die stärker gesellschaftlich anerkannt und gleichmässiger zwischen Geschlechtern sowie Staat, Markt und Haushalten verteilt werden soll.
Zweitens stärkere Massnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Dazu gehören ein Ausbau von Schutz- und Hilfsangeboten, die konsequente Umsetzung der Istanbul-Konvention sowie wirksamere Massnahmen gegen häusliche und sexualisierte Gewalt.
Drittens der Schutz reproduktiver Rechte. Im Mittelpunkt steht der diskriminierungsfreie Zugang zu medizinischer Versorgung, insbesondere auch beim Schwangerschaftsabbruch.
