Schweiz
Gesellschaft & Politik

Wahl aberkannt in Grenchen: Erneuter Eklat in der Solothurner Uhrenstadt

Wahl aberkannt in Grenchen: Erneuter Eklat in der Solothurner Uhrenstadt

Wegen «erheblicher Verfahrensmängel» hat das Bundesgericht die Stadtpräsidiumswahlen in Grenchen annulliert. Die Lokalpolitik der Stadt am Jurasüdfuss sorgt immer wieder für heftige Skandale.
24.06.2026, 06:4024.06.2026, 06:40
Da war die Welt in Grenchen noch in Ordnung: François Scheidegger übergibt Susanne Sahli die Schlüssel zum Stadtpräsidium (31. Dezember 2025).
Da war die Welt in Grenchen noch in Ordnung: François Scheidegger übergibt Susanne Sahli die Schlüssel zum Stadtpräsidium (31. Dezember 2025).Bild: Carole Lauener/Solothurner Zeitung

Grenchen. Immer wieder Grenchen.

Am 31. Dezember 2025 übernahm Susanne Sahli (FDP) von ihrem Vorgänger und Parteikollegen François Scheidegger feierlich die Schlüssel für das Grenchner Stadtpräsidium. 169 Tage später wurde sie vom Bundesgericht per sofort ihres Amtes enthoben.

Die höchstrichterliche Absetzung Sahlis von letzter Woche bringt die Solothurner Stadt mit 19'000 Einwohnern erneut in die nationalen Schlagzeilen.

Grenchen ist ein Knotenpunkt der SBB und eine Hochburg der Uhrenindustrie. Doch mit der Pünktlichkeit ist es so eine Sache. Das Bundesgericht setzte die Stadtpräsidentin ab, weil es beim entscheidenden zweiten Wahlgang vom 28. September 2025 zu «erheblichen Verfahrensmängeln» gekommen war.

Einer davon: Die briefliche Stimmabgabe im Briefkasten am Stadthaus ist gemäss Gesetz nur bis Mitternacht vor dem Wahltag möglich. Doch die Leiterin des Wahlbüros entnahm die Stimmcouverts erst am Sonntagmorgen, weil sie «nicht nachts um 24 Uhr einen Briefkasten leeren» gehe.

FDP-Kandidatin Susanne Sahli gewann mit nur 25 Stimmen Vorsprung vor Patrick Crausaz (GLP). Gemäss Bundesgericht liegt es deshalb «im Bereich des Möglichen», dass die Unregelmässigkeiten den Wahlausgang entschieden haben.

Die erfolgreiche Wahlbeschwerde stammt aus der Feder eines Grenchner Stimmbürgers, der auch national mit juristischen Eingaben für Furore sorgt: Elias Vogt, der mit seinem Verein «Freie Landschaft Schweiz» von Bodensee bis Genfersee mit Rekursen gegen Windkraftanlagen kämpft und zwei Volksinitiativen zum Thema eingereicht hat.

Schon der erste Wahlgang der Stadtpräsidiumswahl vom 29. Juni 2025 sorgte für Schlagzeilen. Die SP-Kandidatin zog sich drei Wochen vor der Wahl überraschend zurück. Sie machte «persönliche und gesundheitliche Umstände» geltend. Kurz zuvor hatte ihr Vater, zu dem sie laut eigenen Angaben seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr pflegt, seine Kandidatur als Parteiloser eingereicht.

Grenchen, immer wieder Grenchen.

Ab 1899 wurde die Arbeiterstadt Grenchen während 114 Jahren von sozialdemokratischen Stadtpräsidenten regiert. Der letzte von ihnen war Boris Banga (1991–2013), der zeitweise auch im Nationalrat sass.

22 Jahre lang streitbarer Stapi von Grenchen: SP-Politiker Boris Banga (Aufnahme vom 17.9.2013).
22 Jahre lang streitbarer Stapi von Grenchen: SP-Politiker Boris Banga (Aufnahme vom 17.9.2013).Bild: Annika Bütschi / az

Banga war ebenso streitbar wie engagiert. Er sorgte für unzählige Schlagzeilen: Mobbingvorwürfe aus der Stadtverwaltung. Ein Nachbarschaftsstreit wegen eines zu hohen Ahornbaums. Oder polemische Kommentare, die seine Frau unter kritische Artikel eines SVP-nahen Lokal-Onlinemediums absetzte. (Banga sah darin «den grössten Liebesbeweis, den ich je erhalten habe».)

Warum ist die Grenchner Lokalpolitik dermassen skandalträchtig? Farah Rumy hat eine einfache Erklärung: «Die Lösung für viele Probleme in Grenchen», sagt die 34-jährige SP-Nationalrätin aus der Stadt, «ist es, das verkrustete Establishment aufzubrechen».

Grenchen sei zwar der Einwohnerzahl nach eine Stadt, aber es habe einen sehr dörflichen Charakter, sagt Rumy, die nächstes Jahr voraussichtlich als Nationalratspräsidentin zur höchsten Schweizerin gewählt wird. «Es gibt eine ungute Machtkonzentration bei wenigen Personen, die oft aus dem Hintergrund agieren.»

«Ungute Machtkonzentration bei wenigen Personen»: SP-Nationalrätin Farah Rumy über ihre Heimatstadt Grenchen (Bern, 19. März 2025).
«Ungute Machtkonzentration bei wenigen Personen»: SP-Nationalrätin Farah Rumy über ihre Heimatstadt Grenchen (Bern, 19. März 2025).Bild: Alessandro della Valle / Keystone

Grenchen hätte grosses Potenzial. Aber viele Einwohner – insbesondere Junge und Menschen mit Migrationshintergrund – fühlten sich von der Lokalpolitik nicht abgeholt. Das zeige sich auch in der tiefen Stimmbeteiligung. «Wir müssen die Partizipation und die Identifikation mit der Stadt stärken», fordert Rumy.

Wann die kassierte Stadtpräsidiumswahl wiederholt wird, steht noch aus. Am Dienstagabend befasste sich der Grenchner Gemeinderat mit dem Bundesgerichtsurteil. Die Bürgerlichen sprachen von einem «Super-GAU», die SP von einem «schmerzhaften Verdikt».

Die Uhrenstadt Grenchen beheimatet auch das Schweizer Krimiarchiv. Der nächste Plot-Twist ist nur eine Frage der Zeit.

Grenchen, immer wieder Grenchen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Diese 31 Bilder zeigen, wie Europa der Hitzewelle trotzt
1 / 33
Diese 31 Bilder zeigen, wie Europa der Hitzewelle trotzt

Am Sonntag wurde es in Paris 37 Grad.

quelle: keystone / michel euler
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Lamborghini geht an Tankstelle in Flammen auf
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
0 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Aufsicht kritisiert Führung und Strategie der Bundesanwaltschaft
Die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft (AB-BA) hat die Führungsorganisation und die strategische Ausrichtung der obersten Strafverfolgungsbehörde des Bundes kritisiert. Sie bemängelt unter anderem eine problematische Doppelfunktion und die zu restriktive Übernahme von Verfahren.
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Abteilung Wirtschaftskriminalität (WiKri). Deren Leiterin führe gleichzeitig in Doppelfunktion den Standort Lugano TI. Das erschwere es ihr, ihre fachliche Verantwortung vollumfänglich wahrzunehmen und an den anderen Standorten sowie in der Zentrale in Bern ausreichend präsent zu sein, befand die Aufsichtsbehörde.
Zur Story