Sie musste im Sommer Tiere notschlachten – dann trat diese Bäuerin den Grünen bei
Ungefähr eine halbe Stunde dauert der Weg, den die Kühe von Corinne Röthlisberger diesen Sommer gehen mussten. Er führt zu einem Hang direkt am Rand eines Walds. Hier fanden die Tiere noch saftiges Gras, während die Wiese in Stallnähe mehr an eine Steppenlandschaft erinnerte als an das Toggenburg, wo Corinne ihren Bio-Hof mit 16 Kühen betreibt.
Der abgelegene Weideplatz sollte eine Zwischenlösung sein. Weil das Heu aus dem Wintervorrat noch für den vorgesehenen Zweck genügen sollte, mussten vier Tiere früher ihr Leben lassen. «Das war nicht einfach. Niemand in der Landwirtschaft möchte das Leben seiner Tiere früher als nötig beenden», erzählt die 36-Jährige aus Ganterschwil SG am Telefon über die Hofschlachtung.
Die klimabedingte Hitze und die Trockenheit in diesem Sommer hätten letztlich den Ausschlag für eine Mitgliedschaft bei den Grünen gegeben. Corinne ist nicht die einzige, die sich dafür entschied. In den Sommermonaten hat die Partei nach eigenen Angaben drei Mal so viele Neumitglieder begrüsst wie im langjährigen Schnitt. Allein seit August habe man zudem eine «zweistellige Zahl» an Bäuerinnen und Bauern hinzugewonnen, schreibt Mediensprecher Florian Wüstholz auf Anfrage von watson.
Der Bauernverband blockt aus Sicht von Corinne zu viel ab
Corinne fand es schon vor dem Hitzesommer wichtig, sich politisch zu engagieren. Von einem Parteibeitritt abgehalten habe sie bisher ihr Profil: Gemeinsamkeiten habe sie zwar bei politischen Kräften von links bis rechts gefunden, aber eben auch mindestens so viele Differenzen.
Mit der SVP eine sie die Skepsis gegenüber einer Annäherung der Schweiz an die EU. Doch die Partei unternehme zu wenig für Klima- und Umweltschutz, findet Corinne. Das Gleiche gelte für die Mitte, die mit Markus Ritter den Präsident des Schweizer Bauernverbands in ihren Reihen hat. «Ich finde, der Bauernverband nimmt in Umwelt- und Klimafragen grundsätzlich eine Abwehrhaltung ein. Langfristig verhärtet das die Fronten», sagt Corinne.
Stattdessen müsse die Landwirtschaft tragfähige Lösungen für Klima- und Umweltschutz finden, zusammen mit der Konsumentenschaft. Dieser Meinung scheinen auch andere Neueingetrete bei den Grünen zu sein. Das offenbare sich in den Gesprächen mit diesen, schreibt Grünen-Mediensprecher Florian Wüstholz: «In der Landwirtschaftspolitik zeigt sich, dass unsere Bäuerinnen und Bauern eine ökologische Agrarpolitik und ein zukunftsfähiges Ernährungssystem wollen.»
Ihren Landwirtschaftsbetrieb führt Corinne nach Demeter-Richtlinien, also nach strengen Standards, die Tierwohl, ökologische Bodenbewirtschaftung und einen ressourcenschonenden Hofbetrieb in den Vordergrund stellen. Zum Beispiel fressen ihre Kühe viel Gras und Heu, statt Futtergetreide.
Die Klimathematik sei auch dem Bauernverband «sehr bewusst», sagt Sandra Helfenstein, Mediensprecherin des Schweizer Bauernverbandes, auf Anfrage von watson. Sie sehe kein Problem darin, wenn einzelne Bäuerinnen und Bauern den Grünen beitreten.
GLP ist für die Bäuerin ein No-Go
Schon lange vor dem Hitzesommer beschäftigte Corinne, wie Natur und Umwelt funktionieren. Nach der Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin vertiefte sie sich in einem Umweltingenieurinnen-Studium auf Biolandbau. Mit dem Profil hätte sie ohne Weiteres auch in die GLP gepasst.
Doch diese kam für einen Beitritt nicht in Frage. Aus ihrer Sicht engagieren sich die Grünliberalen zu stark für den Freihandel. Blieben also noch SP und Grüne. Letztere fand Corinne vor allem wegen des Berner Nationalrats Kilian Baumann interessanter, der selbst Bio-Landwirt ist. Er vertrete jene Positionen, die der Bauernverband teils vermissen lasse und ein Prinzip zu ökologischen Massnahmen, das auch sie auf ihrem Hof lebe: «Mehr machen als nur das Minimum.»
