So trotzen Schweizer Bauern der Trockenheit
Die Kartoffeln hören auf zu wachsen, der Blumenkohl bekommt Sonnenbrand und dem Vieh droht wegen der verdorrten Wiesen das Futter auszugehen: Trockenheit und Hitze setzen der Landwirtschaft derzeit stark zu.
Er wolle nicht in Alarmismus verfallen, sagt Michel Darbellay, stellvertretender Direktor des Bauernverbands. Schiebt aber gleich nach: «Die Situation ist sehr ernst.» Nicht nur seien derzeit fast alle Regionen betroffen. Sorgen bereitet ihm auch, wie früh und intensiv die Trockenheit diesen Sommer zum Problem geworden ist. Schon jetzt könne das Vieh in einigen Regionen nicht mehr auf die Weide, weil es dort nichts zu fressen gibt. Die Bauern müssen auf die Winterfütterung umsteigen und werden allenfalls Futter zukaufen müssen. Das kostet.
Auch in den Ställen geraten die Tiere derweil in Hitzestress. Temperaturen über 22 Grad machten Kühen bereits zu schaffen, sagt Darbellay. Helfen können Ventilatoren und Vernebelungsanlagen.
Sprinkler lösen das Problem nicht
Bewässerung ist auch draussen auf dem Feld das einzige Mittel, um unmittelbar gegen die Trockenheit anzukommen. Viele Höfe verfügen allerdings nicht über die nötige Infrastruktur beziehungsweise Zugang zu genügend Wasser. Nur drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche wurden 2023 bewässert – neuere Zahlen liegen nicht vor. Vor allem Gemüse, Früchte und Kartoffeln brauchen das zusätzliche Wasser. Mehrere Kantone haben die Wasserentnahme aus Gewässern nun bereits eingeschränkt oder ganz verboten. Nebst der Verfügbarkeit sind auch hier die Kosten ein limitierender Faktor.
Langfristig ist das Problem deshalb mit mehr Schläuchen und Sprinklern nicht gelöst. Ein anderer Ansatz ist, Regenwasser zu speichern – mit ausgeklügelten Systemen wie auf dem Katzhof in Richenthal LU. Bei Bund und Kantonen laufen zahlreiche Projekte, die das Ziel haben, die Landwirtschaft resilienter gegen Trockenheit zu machen. So finanziert der Bund etwa ein Projekt des Kantons Thurgau mit, das unter anderem durch eine bessere Datenlage und Prognoseinstrumente das Wasserproblem entschärfen will.
Agroscope, das landwirtschaftliche Forschungszentrum des Bundes, forscht derweil an neuen, hitzeresistenten Futterpflanzen. Derzeit laufen Versuche.
Umweltorganisationen fordern mehr
Seit vergangenem Jahr unterstützt der Bund betroffene Betriebe zudem mit Prämienverbilligungen für Ernteversicherungen, die Bäuerinnen und Bauern gegen Schäden durch Trockenheit und Frost absichern. Die Massnahme ist auf acht Jahre befristet. Der Bauernverband kämpft für eine unbefristete Weiterführung.
Umweltorganisationen sehen die Massnahme derweil kritisch. Aus ihrer Sicht muss der Bund bedeutend mehr tun, um die Landwirtschaft für die Zukunft zu wappnen. Der Bundesrat arbeitet derzeit an der neuen Ausrichtung der Agrarpolitik für die Zeit ab 2030, bald wird sich das Parlament damit befassen. Die Agrarallianz, der unter anderem Bio Suisse, WWF oder Pro Natura angehören, kritisiert, dass der Klimaschutz sowie die Anpassung an die Klimaerwärmung darin viel zu kurz kämen. Unter anderem verlangt die Allianz eine Förderung von Wasserspeichern und mehr Daten zum Wasserverbrauch. Die meisten Kantone wissen nämlich heute nicht, wer wie viel Wasser wofür braucht.
Hier setzt auch die Ernährungsinitiative an, über die die Schweiz im September abstimmt. Sie fordert unter anderem eine nationale Wasserstrategie als Massnahme im Kampf gegen die Trockenheit. Die Initianten verweisen darauf, dass bereits 2014 Forschende eine solche Strategie gefordert hatten. Notabene im Rahmen eines nationalen Forschungsprojekts, das der Bundesrat in Auftrag gegeben hatte. Doch die Regierung hält einen national koordinierten Wasser-Masterplan nicht für nötig. (schweizheute.ch)

