Die Gemüsekammer der Schweiz überhitzt
Vom wolkenlosen Himmel brennt die Sonne auf die Felder nieder. So weit das Auge reicht kein Schattenplatz, nicht das laueste Lüftchen spürbar auf der Haut. Obwohl noch nicht mal Mittag ist, sind es bereits 30 Grad im Schatten. Wer kann, sucht Schutz vor der Hitze.
Thomas Wyssa kann nicht.
Der 64-jährige Gemüsebauer aus Galmiz im Kanton Freiburg ist seit fünf Uhr auf den Beinen. Wyssa, Herr über 50 Hektar Land und Chef von rund 100 Angestellten, hat gerade Hochbetrieb.
Juni ist die Zeit, in der er unter anderem Salate, Zucchetti, Pak Choi, Tomaten, Gurken, Auberginen, Radieschen und Spinat erntet. Doch die Hitze droht ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen.
Wyssa steht etwas verloren im riesigen Spinatfeld, er verschränkt seine von der Arbeit in der Hitze gezeichneten, sonnengebräunten und muskulösen Oberarme und sagt: «Das tut mir jetzt schon weh.» Er zeigt auf einen kahlen Streifen im Beet, wo statt saftigen Spinats nur noch Ödland ist.
Der sensible Spinat ist dort, wo der Boden sandig ist, also am meisten Hitze bindet, fast ganz abgestorben. «40 Prozent des gesäten Spinats sind tot», schätzt Wyssa, ehe er in seinen staubigen Renault Kangoo zurücktrottet. Wyssas Gehöft ist so gross, dass er es mit dem Auto durchfährt.
Ein Feld weiter zollen Hitze und Trockenheit einer anderen Pflanze ihren Tribut. Die Blattspitzen der Lauchzwiebeln sind gelblich bis bräunlich verfärbt – sie haben einen Sonnenbrand. Damit nicht genug: Die verletzten Blattspitzen bieten ein Einfallstor für Keime und Pilze. Wyssa hat den Verdacht, dass seine Zwiebeln von der Blattfleckenkrankheit befallen sind.
Daran schuld ist ein Pilz, der die Kombination aus Hitze und Feuchtigkeit liebt. Für Wyssa ist es ein schier unlösbares Problem: Seit Beginn des Monats ist es viel zu heiss, und weil es noch dazu kaum regnet, muss er seine Zwiebeln intensiv bewässern. Und schafft so ideale Ausbreitungsbedingungen für den Pilz.
Weiter geht es zum nächsten Feld. Die Radieschen haben an der Spitze schwarze Punkte. Pilzbefall, auch hier. «Unverkäuflich», brummt Wyssa. Am Nachmittag wird er einen Trupp Erntehelfer vorbeischicken, um die noch nicht befallenen Radieschen notfallmässig zu ernten.
Wyssas Gemüse leidet unter der Hitze:
Das Seeland, zwischen Bieler-, Murten- und Neuenburgersee gelegen, ist die Gemüsekammer der Schweiz. An die 500 Landwirtschaftsbetriebe produzieren hier 60 verschiedene Gemüsesorten. Knapp ein Viertel des heimischen Gemüses wird hier gezogen.
Was aber geschieht, wenn die Gemüsekammer überhitzt?
«Hitzephasen gab es immer», sagt Wyssa. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm die Hitze im Sommer 1976, als er seine landwirtschaftliche Ausbildung begann, und der Hitzesommer 2003.
Doch auch Wyssa stellt fest, dass die Dauer der Hitzeperioden länger und die Abstände zwischen ihnen kürzer werden. Für ihn ist klar: Die Hitze wird bleiben. «Wir müssen uns an sie anpassen.»
Den Grundstein hat Wyssa zusammen mit anderen Seeländer Bauern schon vor 30 Jahren gelegt. Damals baute er die Bewässerungsanlage, die seine weitläufigen Felder heute mit Wasser versorgt. Kilometerlange unterirdische Kanäle transportieren Wasser aus dem Broye-Kanal direkt aufs Feld.
Im Gegensatz zu den Ostschweizer Kantonen, in denen im Moment ein Verbot zur Wasserentnahme aus Gewässern gilt, hat Wyssa noch keine derartigen Signale von den Kantonen Fribourg und Bern erhalten. Er hofft, dass das so bleibt: «Ohne die künstliche Bewässerung wäre ich aufgeschmissen.»
70 Prozent seines Gemüses verkauft Wyssa an Lidl Schweiz. So stammt zum Beispiel jeder Multicolor-Salat, den es im Lidl aus Schweizer Produktion gibt, von Wyssas Feldern.
Wyssa liefert dem Discounter nicht bloss das Gemüse, er hat es zu dem Zeitpunkt auch schon aussortiert, gewaschen und verpackt. Zu dem Zweck hat der Gemüseproduzent 2013 eine grosse Fabrikhalle direkt anschliessend an seinen Hof gebaut.
Dort befüllen Doina, Lily und Lia Kartonschachteln mit Cherrytomaten. Wie fast alle der rund 70 Saisonarbeiterinnen und Saisonarbeiter, die Wyssa beschäftigt, kommen sie aus Rumänien.
Wyssa zahlt ihnen den landwirtschaftlichen Mindestlohn von 3460 Franken pro Monat, abzüglich Kost und Logis, die ihnen Wyssa zur Verfügung stellt.
Die Arbeiterinnen sind froh, dass sie in der sonnengeschützten und gekühlten Halle arbeiten können. Dieses Glück ist nicht allen Saisonarbeitern beschieden. Viele müssen auch an diesem brütend heissen Mittwoch auf dem Feld rackern.
Auch die Menschen leiden
Einer von ihnen ist der 25-jährige Daniel Ciolea, Chef der Zucchetti-Gruppe. Seit fünf Jahren kommt er jeden Sommer für mehrere Monate auf Wyssas Hof. Zuhause ist Ciolea in Timisoara, der drittgrössten Stadt Rumäniens.
Mittlerweile ist es Nachmittag geworden – und noch heisser. 35 Grad zeigt das Thermometer, noch immer geht kein Lüftchen. Über dem Zucchetti-Feld flimmert die Hitze.
180 Aren misst das Feld, das sind etwas mehr als zweieinhalb Fussballfelder. Oder zeitlich ausgedrückt: Um zu Fuss eine der vier Seiten des Feldes abzulaufen, sind aufgerundete fünf Minuten nötig.
Ciolea und seine fünf Mitstreiter brauchen deutlich länger dafür. Der Traktor, auf den sie die geernteten Zucchetti laden, kommt nur im Schneckentempo vorwärts. Denn alle paar Zentimeter müssen sich die Erntehelfer bücken, um mit flinken Bewegungen und scharfen Messern die Zucchetti von der Staude zu trennen.
Zucchetti-Ernten in der Hitze:
Auf der Ladefläche des Traktors haben die Männer eine Musikbox platziert, aus der rumänischer Pop schallt. Hinten am Traktor ist eine Stahlkonstruktion angebracht, die ein Sonnensegel trägt und den Männern etwas Schatten spendet.
Auf Ciolea hat die Hitze zwei Auswirkungen: Erstens trinkt er Wasser wie ein Ross. Vier Liter werden es alleine im Verlauf des Nachmittags sein. Zweitens arbeitet er in der Hitze oben ohne.
Heiss ist ihm gleichwohl: Immer wieder wischt er sich mit dem Unterarm Schweissperlen von der Stirn. Er sieht die Hitze pragmatisch: «In Rumänien wäre es jetzt auch nicht kühler.» Es ist halb vier nachmittags, die Hitze erreicht ihren Peak. Noch eine Stunde, dann ist Pause.
«Eine feine Sache»
Gemüsebauer Wyssa kann sich wenigstens hin und wieder ins klimatisierte Büro zurückziehen. Trotzdem sagt er, dass ihm die Hitze zu schaffen macht: «Ich bin träger als sonst.»
Der Mensch werde sich an die Hitze anpassen müssen, hatte Wyssa am Vormittag gesagt. Das bedeutet auch, dass die Seeländer Bauern künftig vielleicht anderes Gemüse ziehen werden: «Weniger Salat, mehr Auberginen», sagt Wyssa. «Auberginen lieben die Hitze.»
In die Karten spielt Gemüsebauern wie Wyssa dabei, dass das Interesse an mediterraner Ernährung und damit auch an Auberginen wachse. Auch Wyssa liebt das Gemüse: «In Olivenöl eingelegte Auberginen als Antipasti sind eine ganz feine Sache.»
Dann schaut er wieder hinaus auf seine Felder. Die extreme Hitze wird sich in den nächsten Jahren nicht verändern, aber der Gemüsebau im Seeland muss es, um weiterhin bestehen zu können.
