Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa05362268 A Swiss LGBT activists places a candle during a vigil for the victims of a mass shooting in Orlando, USA on 12 June, at a church in Zurich, Switzerland, 13 June 2016. A total of 50 people inculding the suspect were killed and 53 were injured in a shooting attack at an LGBT club in Orlando, Florida, in the early hours of 12 June. The shooter, Omar Mateen, 29, a US citizen of Afghan descent, was killed in an exchange of fire with the police after taking hostages at the club.  EPA/ENNIO LEANZA

Trauerfeier in der Zürcher Predigerkirche. Bild: EPA/KEYSTONE

Homosexuelle als Zielscheibe: Polizeistatistik soll schwule Opfer in der Schweiz aufführen

Verbrechen aufgrund der sexuellen Orientierung sind auch hierzulande verbreitet: Wie viele es sind, weiss jedoch niemand so genau. Das soll sich jetzt ändern.

Antonio Fumagalli / Nordwestschweiz



Michel Rudin stockte der Atem, als er am Sonntag die tragischen Nachrichten aus Orlando vernahm: «Das ist ein Angriff auf mich. Ein Angriff auf uns als Minderheit. Ein Angriff auf unsere Werte und damit auf die ganze Gesellschaft», sagt der Co-Präsident von Pink Cross, dem nationalen Dachverband der schwulen Männer in der Schweiz.

Laufend aktualisierte die Polizei die Anzahl der Toten und Verletzten der Schiesserei im Nachtklub «Pulse», der hauptsächlich von Mitgliedern der sogenannten LGBT-Community – sprich: Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersex-Menschen – frequentiert wurde. «Ich habe immer gehofft, dass es nicht so weit kommt, aber es überraschte mich nicht. Man musste es befürchten», sagt Rudin, der vor Jahren selbst auch schon in Orlando im Gay-Ausgang war, sich aber nicht mehr erinnern kann, ob er auch das «Pulse» betrat.

Grund für seine Beunruhigung sind Übergriffe auf Schwule und Lesben, die auch hierzulande stattfinden. Er meint damit Vorfälle wie etwa im vergangenen Oktober, als sechs Vermummte spätnachts eine Zürcher Schwulenbar stürmten, gemäss Augenzeugen Gäste und Personal mit Pfefferspray und Mobiliar angriffen und dabei homophobe Parolen schrien. Ernsthaft verletzt wurde niemand, der Sachschaden belief sich auf mehrere tausend Franken.

Die Hotline läuft heiss

Auch wenn sie in keiner Art und Weise mit dem Massenmord von Orlando zu vergleichen sind, kann Pink Cross zahlreiche weitere Fälle aufzählen, bei denen die (körperliche) Integrität von Schwulen und Lesben angegriffen wurde. Auf der verbandseigenen Hotline gehen regelmässig besorgte Anrufe ein, und eine kürzlich durchgeführte Umfrage bei LGBT-Personen hat ergeben, dass 26 Prozent in den vergangenen fünf Jahren Opfer eines tätlichen Angriffs oder von Gewaltandrohungen gewesen sind.

Statistisch zweifelsfrei erhärtete Zahlen gibt es jedoch nicht. Wie häufig solche Vorfälle wirklich vorkommen, weiss niemand so genau. «Wir bewegen uns in einer absoluten Blackbox, was die erfassten Daten anbelangt», sagt Rudin. Auch der Bundesrat antwortete im vergangenen August in einer Antwort auf eine Interpellation der BDP: «Diskriminierende Handlungen gegen LGBT-Personen sind sicherlich verbreitet, es fehlen jedoch Zahlen, um dies zu belegen und entsprechende Massnahmen zu ergreifen.»

«Das Abdriften verhindern»

Das soll sich nun ändern. Die BDP fordert in ihrem Vorstoss, dass sogenannte «hate crimes» aufgrund der sexuellen Orientierung der Opfer künftig in der Polizeistatistik Eingang finden – so wie zum Beispiel Delikte, die rassistisch oder sexuell motiviert sind. «Es geht nicht nur darum, zu wissen, wie viele es sind. Eine genauere Statistik dient auch präventiven Massnahmen, um solche Verbrechen zu verhindern», sagt BDP-Fraktionschefin Rosmarie Quadranti. Ziel sei, das «Abdriften von Menschen» in Gewalt gegen Menschen mit anderer sexuellen Orientierung frühzeitig zu erkennen.

Beim Bund stösst sie damit auf offene Ohren: «Der Bundesrat ist bereit, im Rahmen der Evaluation der polizeilichen Kriminalstatistik (...) zu prüfen, inwiefern die Erfassung von ‹hate crimes› gegenüber Homo- und Transsexuellen institutionalisiert und für verbindlich erklärt werden könnte», schreibt er in der erwähnten Antwort.

Nutzen vs. Kosten

Diese Evaluation ist derzeit am Laufen. Wie das zuständige Bundesamt für Statistik (BFS) auf Anfrage bestätigt, fand im Juni eine Sitzung mit Vertretern der kantonalen Polizeibehörden statt. «Der Entwurf zum Bericht dürfte bis Ende August fertiggestellt sein und dann dem strategischen Ausschuss präsentiert werden», sagt Projektleiter Philippe Hayoz. Bis Ende Jahr will man einen Massnahmekatalog ausarbeiten, damit die Behörden diesen ab 2017 umsetzen könnten.

In welche Richtung die Massnahmen gehen – also, ob homophob motivierte Verbrechen ab dann separat in der Polizeistatistik ausgewiesen werden –, ist noch offen. Der Bundesrat schreibt nämlich gleichzeitig, dass dafür «umfangreiche Investitionen» nötig wären und es diese mit dem «Nutzen der Statistik abzuwägen» gelte. Für BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti kein valables Argument: «Der Aufwand darf ziemlich hoch sein, wenn es um Menschenleben geht.» (aargauerzeitung.ch)

Massaker in Orlando

Szene mit Orlando-Attentäter in einem Dokumentarfilm aufgetaucht

Link zum Artikel

Trump und Orlando: Charlie Hebdo mit der Feder einmal mehr, wo es richtig weh tut

Link zum Artikel

Perfekte Frage nach Orlando: Was wenn eine Waffe ebenso schwer zu bekommen wäre wie eine Abtreibung? 

Link zum Artikel

8 Staaten kondolieren Orlando-Opfern – und verfolgen die Schwulen im eigenen Land

Link zum Artikel

Letzte Nachricht eines Opfers von Orlando an seine Mutter: «Er kommt. Ich werde sterben»

Link zum Artikel

Karl Dall ist tot

Link zum Artikel

Gepanzertes Fahrzeug als Rammbock benutzt: So lief die Geiselrettung in Orlando

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Aktuelle Zahlen zum Coronavirus in der Schweiz und der internationale Vergleich

Die Corona-Zahlen für die Schweiz steigen im Moment rapide. Deshalb findest du hier einen Überblick zu allen neuen sowie aktuellen Fallzahlen für die Schweiz und einen Vergleich zu internationalen Daten zu Neuansteckungen mit dem Coronavirus.

Das Coronavirus hält die Schweiz weiterhin in Atem. Die Zahl der Neuansteckung steigt nach neuesten Entwicklungen in den unterschiedlichen Kantonen seit dem August wieder, die zweite Welle in der Schweiz und Europa ist da.

Damit du den Überblick über die sich stetig verändernde epidemiologische Lage behältst, zeigen wir dir hier alle relevanten Statistiken zu den Neuansteckungen, Positivitätsrate, Hospitalisierungen und Todesfällen in den Schweizer Kantonen sowie im internationalen Vergleich:

Am …

Artikel lesen
Link zum Artikel