«Ich habe Harry Potter abgelehnt»: Mamdanis Mutter packt aus
Am Samstag ist Mira Nair in Genf eingetroffen. Wir treffen die indo-amerikanische Regisseurin und Produzentin in einem gemütlichen Raum eines Genfer Hotels. Sie ist Ehrengast des Geneva International Film Festival (GIFF). Am Sonntag erhält sie dort einen Preis für ihr Lebenswerk. Danach geht es weiter nach Lausanne: In der Cinémathèque wird ihr Film «Monsoon Wedding» gezeigt. Das Werk wurde an den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet – als erster Film einer indischen Regisseurin.
Ihre Liebe zur Kamera, ihr ästhetisches Gespür und ihr soziales und politisches Engagement wurden unweigerlich an ihren Sohn weitergegeben: den New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani. Dank eines perfekt geführten Wahlkampfs schaffte es der Mann, der anfangs in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt war, innerhalb kurzer Zeit an die Spitze der Stadt.
Sie hätten bei einem «Harry Potter»-Film Regie führen können. Doch Ihr Sohn riet Ihnen davon ab. Warum haben Sie Nein gesagt?
Mira Nair: (lacht) Ich hatte gerade «Vanity Fair» in England abgedreht. Für «Harry Potter» hätte ich noch zwei weitere Jahre in England bleiben müssen.
Gleichzeitig arbeitete ich bereits an einem Film, der mir besonders wichtig war. Darin ging es um den Verlust eines geliebten Menschen fern der Heimat. Kurz zuvor war meine Schwiegermutter in New York gestorben. Wir begruben sie in den USA, obwohl sie ursprünglich aus Afrika stammte.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und fragte deshalb Zohran um Rat. Er sagte zu mir: «‹Harry Potter› können viele gute Regisseure drehen. Aber ‹The Namesake› kannst nur du machen.» Der Film erzählte von Menschen wie uns, die ihre Heimat verlassen und sich anderswo ein neues Leben aufbauen – mit all den schönen, aber auch schwierigen Seiten, die das mit sich bringt. Ein ziemlich weiser Rat für einen 14-Jährigen. Ich habe auf ihn gehört.
Zohran Mamdanis rasanter Aufstieg hat auch mit seinem geschickten Umgang mit Bildern zu tun. Haben Sie ihm das mitgegeben?
Er ist in einem Umfeld gross geworden, in dem Politik, grosse Ideen und visuelles Erzählen zum Alltag gehörten. Nein, ich habe ihn nicht ständig ins Kino geschleppt (lacht). Aber er hat ein gutes Auge, tritt selbstbewusst auf und fühlt sich vor der Kamera sichtlich wohl. Zohran kann hervorragend kommunizieren. Und vor allem: Er ist authentisch. Wir brauchen Menschen, die den Kopf nicht einziehen. Schliesslich wurden wir viel zu lange mit Lügen abgespeist. Zohran geht es nicht um die Macht. Er will wirklich etwas bewegen.
Anfang der 1990er-Jahre legte sie mit «Mississippi Masala» nach. In einer der Hauptrollen: Denzel Washington. Der Film setzt sich mit Rassismus in den USA auseinander und wurde ebenfalls mehrfach ausgezeichnet. Weitere Erfolge folgten und machten Mira Nair international bekannt.
Am 3. November stehen in den USA die Midterms an. Soziale Ungleichheit und kulturelle Identität ziehen sich wie ein roter Faden durch Ihre Filme – und auch durch das politische Engagement Ihres Sohnes. Sind diese Themen für die US-Bevölkerung noch immer wichtig?
Wir können Muslime sein und wie Zohran in Uganda geboren werden und trotzdem in diesem Land unseren Platz haben. Jemanden zu haben, der das repräsentiert, spricht die Amerikanerinnen und Amerikaner an. Ich zum Beispiel lebe in New York, Neu-Delhi und Uganda.
Mehrere Ihrer Filme haben die Jahrzehnte überdauert und sind dennoch aktuell geblieben. Welchen sollte man sich heute unbedingt anschauen?
«Monsoon Wedding».
Weshalb?
Weil sich darin jeder wiedererkennt. Der Film handelt von einer indischen Familie, die gerne feiert und das Leben in vollen Zügen geniesst. Doch hinter der ausgelassenen Fassade haben alle ihre Geheimnisse. Und die verraten letztlich, wer wir wirklich sind.
Sie üben häufig Kritik an der indischen Gesellschaft und thematisieren beispielsweise Gewalt gegen Frauen oder den Alltag von Strassenkindern. Wie hat das Publikum in Indien darauf reagiert?
Ich habe schon alles erlebt (lacht): Manche meiner Filme wurden zensiert, andere gefeiert. Aber «Salaam Bombay!» hat in der indischen Gesellschaft tatsächlich etwas bewegt.
Inwiefern?
Die Strassenkinder im Film sind keine Schauspieler. Wir haben 129 Jugendliche gecastet und sechs Wochen lang mit ihnen gearbeitet, bis wir 19 ausgewählt hatten. Später gründete ich den Salaam Baalak Trust. Die Organisation setzt stark auf kulturelle Angebote: Die Kinder können Musicals aufführen, singen oder Drehbücher schreiben. Sie bekommen damit nicht nur eine Schulbildung, sondern auch Zugang zu Kunst und Kultur. Inzwischen gibt es die NGO seit 39 Jahren. Sie betreibt 17 Zentren in Bombay und Delhi.
Sie haben bereits Anfang der 2000er-Jahre sexuelle Gewalt gegen Frauen in Indien thematisiert. War das Thema damals noch ein Tabu?
Ich kann nicht sagen, wann sich das Blatt gewendet hat. Verändert haben sich vor allem die Sichtbarkeit und das Bewusstsein für das Problem. In «Monsoon Wedding» geht es um Inzest. Als der Film herauskam, war das, als hätte ich die Büchse der Pandora geöffnet. Plötzlich brachen die Menschen ihr Schweigen.
«Wer Filme macht, muss ein bisschen verrückt sein», haben Sie einmal gesagt. Wie geht es Ihnen heute?
(lacht) Ich bin komplett verrückt! Einen Film zu drehen, ist alles andere als einfach. Man muss von der eigenen Vision überzeugt sein – und gleichzeitig jene Leute dazu bringen, Millionen dafür lockerzumachen. Einer der Ratschläge, die ich meinem Sohn mitgebe, gilt übrigens auch für meinen Beruf:
