Der grösste Friedhof Zürichs wird zum Park. Trauert hier noch jemand?
Ein älterer Herr sitzt mit Kopfhörern im Ohr inmitten von historischen Gräbern auf einer Bank. Er höre einen Podcast, sagt er. Nicht weit von ihm haben sich zwei Jugendliche, kaum 16 Jahre alt, auf eine von Bäumen umgebene Bank zurückgezogen, um zu rauchen.
An diesem grauverhangenen Dienstagnachmittag sind auf dem Friedhof Sihlfeld viele Menschen unterwegs. Sie spazieren, telefonieren, arbeiten. Aber trauern?
Der Friedhof Sihlfeld ist mit seinen 288’000 Quadratmetern der grösste Friedhof Zürichs. Er ist auch die grösste zusammenhängende Grünanlage der Stadt, mitten im Wohnquartier.
Nur wenige Grabfelder von den rauchenden Jugendlichen entfernt hantiert ein Friedhofsgärtner mit einem Laubbläser. Trauernde sehe er selten, sagt er. «Es ist eher ein Park hier.»
Zutiefst traurig oder in Not? Hier gibt es Hilfe
Verschiedene gemeinützige Organisationen in der Schweiz bieten trauernden Menschen ein Ohr, aber auch Rat und Unterstützung an. Man kann sich auch anonym an sie wenden.
Dargebotene Hand:
Telefon 143
Pro Juventute – für junge Menschen
Telefon 147
Pro Senectute – für ältere Menschen
Telefon 058 591 15 15
Trauerbegleitung für Jung und Alt:
https://www.familientrauerbegleitung.ch/
Verein Regenbogen Schweiz
für trauernde Eltern:
https://www.association-arc-en-ciel.ch/de
Reformierte und katholische Kirchen:
Angelika, 76: Lieber kein Grab als ein ungepflegtes
Im Südosten des Friedhofs schiebt eine ältere Frau einen Kinderwagen über den Kiesweg. Eigentlich lebt sie in Baden-Württemberg, sie ist zu Besuch hier. Bei ihrem Sohn, der ganz in der Nähe wohnt. Und beim kleinen Enkelkind, das im Kinderwagen liegt. Die Frau heisst Angelika und ist 76 Jahre alt.
Angelika schaut sich gerne Friedhöfe an. Jeder Friedhof sei ein Stück Geschichte einer Stadt, sagt sie. Doch vieles habe sich verändert. Der Friedhof als Ort der Trauer habe an Bedeutung verloren. «Heutzutage verdrängen wir den Tod weitgehend», sagt sie. Das sei früher anders gewesen, als die Menschen noch religiöser gewesen und jünger gestorben seien.
Angelika bedauert, dass Friedhöfe heute vermehrt leer blieben. Trotzdem möchte auch sie nicht auf einem Friedhof beigesetzt werden. Ihre beiden Kinder wohnen weit weg. «Wer soll dann mein Grab pflegen?», fragt sie. Wenn der Friedhofsgärtner der einzige sei, der zum Grab schaue, wolle sie lieber gar keins, sagt sie. Dann lieber eine Baumbestattung, bei der die Asche in einem Wald beigesetzt wird.
Sie staune darüber, dass in der Schweiz individuellere Bestattungsformen möglich seien. Hierzulande gibt es, anders als in den meisten deutschen Bundesländern, keinen Friedhofszwang, wenn eine verstorbene Person kremiert wird. Angehörige dürfen die Asche ihrer Angehörigen etwa mit nach Hause nehmen und verstreuen. Zahlen aus Zürich zeigen: Die Anzahl Gräber nimmt ab. Immer weniger Verstorbene werden auf dem Friedhof beigesetzt.
71’904 Menschen sind 2025 in der Schweiz gestorben. Die meisten von ihnen werden kremiert. Das klassische Reihengrab auf dem Friedhof wird seltener. Immer mehr Grabflächen bleiben frei.
Auf den 19 Stadtzürcher Friedhöfen machen sie insgesamt noch einen Drittel der Gesamtfläche aus. Wie der neugewonnene Platz genutzt werden soll, beschäftigt auch die Stadt Zürich. Aktuell lädt sie die Bevölkerung ein, über die Zukunft der Zürcher Friedhöfe zu diskutieren.
Maria*, 66: Schaut auf die Lebenden!
Im Nordwesten des Friedhofs streift eine Frau durch die Grabzeilen, mustert die einzelnen Gräber. Vor einem Grabfeld bleibt sie stehen. Die Pflanzen und Blumen sind farbenfroher als jene der Gräber rundherum. Es ist das Regenbogen-Grab, eine Grabstätte für die queere Gemeinschaft.
Maria* ist pensionierte Lehrerin und wohnt in der Nähe. Einmal die Woche kommt sie her. Zwar habe sie Menschen gekannt, die hier begraben liegen – eine entfernte Verwandte, deren Grab bereits aufgehoben wurde und eine gute Freundin. «Aber ich brauche den Friedhof nicht, um mich zu erinnern», sagt sie. Bei ihr zu Hause sei die Erinnerung an ihre Freundin viel lebhafter als hier.
Am Friedhof schätze sie vor allem die Ruhe. «Und ich schaue mir gerne die Steine und die Pflanzen an», sagt Maria*.
Durch ihre katholische Erziehung sei der Tod für sie immer schon präsent gewesen. Jeden Sonntag nach der Kirche habe man gemeinsam den Friedhof besucht. Dort habe man den neuesten Klatsch ausgetauscht. Jetzt spaziert sie allein über den Friedhof. Ob wir uns mehr mit dem Tod und dem Sterben befassen sollten? Nicht unbedingt, findet Maria. Wichtiger sei ihr, dass man gut zu den Lebenden schaue. «Wir könnten zum Beispiel ihre Arbeitsbedingungen verbessern», sagt sie.
Maria hat keine Kinder und ist ledig. Sie macht sich darum bereits Gedanken darüber, wie sie bestattet werden möchte. «Ich will meiner Patentochter nicht zu viel aufbürden», sagt sie. Sie begutachtet das Regenbogengrab, das vor ihr liegt, mit einem prüfenden Blick. «Hier gefällt es mir zum Beispiel», sagt sie und zeigt auf die wilden Sträucher.
Die Steinbildhauerin: Auch ein Gebiss kann ein Andenken sein
Zwei Grabfelder weiter steht ein Lieferwagen auf dem Weg. Eine Frau und ein Mann stehen daneben in einer Nische, um sie herum liegen gestapelte Platten und Werkzeug. Sie müssten sich beeilen, sagt die Frau. Sie heisst Judith und ist Steinbildhauerin. Der Oktober ist eine arbeitsintensive Zeit für sie. Bis Allerheiligen müssten sie mit den Arbeiten fertig sein.
In die drei Wände der Nische sind kleine Kästchen aus Metall eingelassen. Die Nische trägt den Namen «Vergissmeinnicht» und dient als Erinnerungsort für jene, die nicht auf dem Friedhof liegen. Etwa, weil ihre Gräber bereits aufgehoben wurden. Oder weil sie im Ausland begraben liegen. Die kleinen Kästchen können für ein Jahr gemietet und mit Erinnerungsstücken befüllt werden. «Das Angebot ist sehr beliebt», sagt die Bildhauerin. Der Friedhof hat sie beauftragt, die neuvermieteten Kästchen herzurichten.
In den Kästchen liegen Fotos, Blumen, Engel und herzförmige Steine. Aber auch eine Packung Schokocornflakes, ein Schlüsselbund, ein Rummikub-Stein oder ein nicht zu Ende gerauchter Joint. Sammelsurien eines Lebens.
Manche mieten auch ein Kästchen für Menschen, die sie gar nicht kennen. «Never forget Udo» steht etwa auf einer Acrylglasplatte. Daneben ein Bild von Udo Jürgens.
Angehörige erinnerten sich mit den unterschiedlichsten Gegenständen an Verstorbene, sagt die Bildhauerin. In den mehreren Jahrzehnten, in denen sie schon auf Friedhöfen arbeite, sei sie auch schon auf ein Gebiss gestossen, mit dem jemand einer verstorbenen Person gedachte.
Natalie*, 39: Mehr Platz fürs Sterben
In der Nähe der Kindergräber, die kleiner und durch weisse Kreuze und Teddybären erkennbar sind, sitzt die 39-jährige Natalie*. Trotz des grauen Wetters trägt sie eine grosse, schwarze Sonnenbrille. Der Friedhof Sihlfeld sei ein wichtiger Ort für sie, sagt sie. Schon als Kind sei sie häufig hier gewesen. Jetzt wohne sie in der Nähe und komme mehrmals die Woche hierher.
Ihre Grosseltern seien hier bestattet worden. Ihre Gräber seien mittlerweile aufgehoben worden. Dort sei heute nur noch Wiese. Trotzdem stelle sie sich manchmal noch dorthin, wo sie einst begraben worden seien, erzählt Natalie.
Natalie sagt, in unserer Gesellschaft versuche man, das Thema Sterben zu verdrängen. Das habe sie vor einigen Jahren gemerkt, als ihr kleiner Bruder an Leukämie erkrankt sei. Als er im Sterben gelegen sei, habe ihr damaliger Chef sie gefragt: «Wann ist es endlich mal vorbei mit ihm?»
Als ihr Bruder dann starb, sei sie bei ihm gewesen. Danach habe sie grossen Druck verspürt, möglichst schnell wieder zu funktionieren. Heute, mehrere Jahre nach dem Verlust, sagt sie: «Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber es schmerzt weniger mit der Zeit.»
Natalie wünscht sich mehr Sensibilisierung, mehr Gespräche, mehr Raum fürs Thema Sterben: «Viele wissen gar nicht, wie sie damit umgehen sollen.» Sie sei ihrem Bruder auch dankbar dafür, dass sie dabei sein durfte, als er ging.
Irgendwann fragt sie grinsend: «Hast du schon von dem Clash auf dem Friedhof gehört?» Davon, dass immer wieder darüber diskutiert werde, welches Verhalten auf dem Friedhof Sihlfeld nun angemessen sei. Etwa, ob gejoggt oder gepicknickt werden dürfe. Natalie findet: Die Menschen müssten sich hier nicht gerade im Bikini sonnen. Aber ein bisschen Leben auf dem Friedhof dürfe sein.
Dass es auf dem Friedhof Sihlfeld Platz für das Leben und den Tod gibt, zeigt sich auch an diesem Nachmittag auf dem Weg zum Ausgang. Eltern und Grossteltern stossen Kinderwagen an Urnenwänden vorbei, ein Mann telefoniert mit Kopfhörern im Ohr, zwei Jugendliche schlendern kichernd an einer Engelsstatue vorbei. Ihnen kommt eine jüngere Frau entgegen. Schnellen Schrittes geht sie den Weg entlang, den Kopf gesenkt, Blumen in den Händen. Sie weint.
(*Name geändert)
