«Wir müssen unsere Gewohnheiten grundsätzlich überdenken»
Die Gefahrenkarte für Waldbrände ist über weite Teile der Schweiz rot eingefärbt. Wie prekär ist die Lage aktuell?
Boris Pezzatti: Angespannt. Die Schweiz erlebt aktuell eine ausgesprochene Trockenheit. In Teilen des Wallis und des Kantons Graubünden gilt die höchste Gefahrenstufe für Waldbrände. Die Lage dürfte sich in den nächsten Tagen noch verschärfen, insbesondere auf der Alpennordseite und im Wallis, wo in den kommenden Tagen wenig bis kein Regen zu erwarten ist.
Darf ich draussen noch Feuer machen?
An vielen Orten in der Schweiz gelten bereits absolute Feuerverbote, etwa im Wallis, in der Waadt, im Tessin oder in Teilen des Kantons Graubünden. In vielen Kantonen gelten Feuerverbote im Wald oder in Waldnähe. Ich kann mir vorstellen, dass bis Anfang nächster Woche alle Kantone Feuerverbote aussprechen.
Sommerzeit ist Grillierzeit. Worauf muss man besonders achten?
Mit der zunehmenden Trockenheit müssen wir grundsätzlich immer mehr aufpassen, wenn wir ein Feuer im Wald machen. Es kommt immer wieder vor, dass ein Feuer zwar gelöscht wird, es im Boden aber weiter schwelt. So kann es sein, dass es erst ein oder zwei Tage später einen Waldbrand auslöst. Wenn man ein Feuer auf organischem Bodenmaterial macht, sollte man beim Löschen darauf achten, dass der Boden bis in untere Lagen nass wird. Am besten ist es aber, nur bei offiziellen Feuerstellen zu bräteln. Wir müssen aber auch grundsätzlich unsere Gewohnheiten überdenken.
Welche Gewohnheiten meinen Sie?
Im Tessin sehen wir etwa als häufige Waldbrandursache, dass Menschen, die in einem Rustico Ferien machen, die Asche des Kamins draussen ausleeren. Das ist gefährlich, weil Partikel in der Asche lange weiterglühen und vom Wind verteilt werden können. Am besten ist es, die Asche in einem Blecheimer zu entsorgen – oder man lässt sie im Kamin. Ich habe den Eindruck, dass die Sensibilität in der Bevölkerung grundsätzlich steigt. Ich sehe aber auch kulturelle Unterschiede: Im Tessin hat die Bevölkerung akzeptiert, dass man kein Feuer im Wald machen darf – selbst wenn kein absolutes Feuerverbot gilt. In den nördlichen Kantonen ist das Bräteln aber kulturell fest verankert. Es braucht Zeit, bis sich solche Gewohnheiten ändern.
Sie meinen, wir müssen uns das Bräteln abgewöhnen?
Wenn keine Waldbrandgefahr herrscht, ist es natürlich in Ordnung zu bräteln. Aber es ist nicht selbstverständlich, immer bräteln zu können. Dürreperioden und hohe Waldbrandgefahr kommen jetzt wiederholt. Man kann nicht mehr so tun, als stellten Waldbrände keine Gefahr dar.
Bald schon ist der 1. August. Wie steht es um das Feuerwerk dieses Jahr?
Ich glaube, schlecht (lacht). Selbst wenn nun Gewitter kommen, fliesst ein grosser Teil des Wassers an der Oberfläche ab. Es bräuchte eine längere Phase mit kontinuierlichem Regen, damit das Brandgut wirklich feuchter wird. Ich sehe nicht, dass sich die Situation bald entspannt.
Wie gross ist die Gefahr, die von Zigaretten im Wald ausgeht?
Gross. Bei einem Feuerverbot würde ich sicher das Risiko nicht eingehen und auf das Rauchen im Wald verzichten.
Müssen wir uns Sorgen machen, dass Waldbrände auf Siedlungen übergreifen?
Diese Gefahr ist dann gross, wenn Siedlungen und Waldfläche eng verzahnt sind. Weil Dörfer in der Schweiz häufig auf dem Talboden liegen, entfernen sich Waldbrände meist von den Siedlungen und entwickeln sich entlang der Neigung. Hinzu kommt, dass viele Dörfer, die an einem Berghang liegen, von landwirtschaftlichen Flächen umgeben sind. Diese wirken wie eine Brandschneise.
Das heisst, die Landwirtschaft senkt das Brandrisiko?
Sozusagen, ja. Bei Waldbränden denkt man oft sofort an Klimawandel und Meteorologie, aber es geht auch um die Landnutzung. Mit dem Rückgang der Landwirtschaft nimmt die Gefahr für grossflächige Waldbrände zu und die Pufferzonen um die Siedlungen nehmen ab.
Welche Auswirkung hat der Klimawandel auf das Waldbrandgeschehen?
Mit dem Klimawandel wird es besonders im Sommer wärmer und trockener. Das erhöht die Waldbrandgefahr. Gerade auch die Kantone nördlich der Alpen erkennen Waldbrände nun stärker als Problematik an. Hinzu kommt, dass die schneefreien Perioden im Winter länger werden, wodurch sich auch die Waldbrandsaison verlängert. Interessant ist: Die meisten Waldbrände gibt es gar nicht im Sommer.
Sondern?
Der Höhepunkt ist im März oder im April. Wir nennen sie Winterbrände, weil sie in der sogenannten nicht-vegetativen Saison stattfinden. Wenn bei den Laubwäldern die Blätter noch nicht ausgetrieben sind, scheint die Sonne direkt auf die Streuschicht am Boden und trocknet sie besonders bei Föhnlagen schnell aus. Dieses Material wird dann sehr brennbar. In den Alpen kommt der zweite Höhepunkt im Juli und August, wenn Blitzeinschläge besonders bei Sommertrockenheit Waldbrände verursachen können. Es ist wahrscheinlich, dass wir durch den Klimawandel früher im Jahr Waldbrände erleben werden, die ein Blitzeinschlag ausgelöst hat.
Wie unterscheiden sich die Waldbrände zwischen Alpennord- und Alpensüdseite?
Auf beiden Seiten gibt es zwar etwa gleich viele Waldbrandausbrüche. In den südlichen und alpinen Kantonen – Tessin, Wallis und Graubünden – gibt es aber mehr zusammenhängende Waldflächen, deshalb kommen dort grossflächige Brände häufiger vor. Dadurch konnten wir in diesen Kantonen aber auch viele Erfahrungen in der Bekämpfung sammeln, die wir nun an die nördlichen Kantone weitergeben können.
Wie gut ist die Schweiz gegen Waldbrände gerüstet?
Es gibt einen guten Austausch zwischen dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) und den Kantonen zum Waldbrandmanagement. Wir sind auf einem guten Weg. Mit Prävention kann man sehr viel erreichen. Im Tessin hat sie beinahe paradoxe Folgen: Trotz steigender Waldbrandgefahr brennt es weniger. Es gibt junge ausgebildete Bergfeuerwehrleute, die selbst noch nie bei einem Waldbrand im Einsatz waren. Klar ist aber auch: Wir werden nie alle Waldbrände vermeiden können, es wird immer brennen.
